Kino

KOMMENTAR: Zurück ins Leben, zurück in die Realität

Back to life, back to reality. Sangen Soul II Soul vor ein bisschen mehr als 30 Jahren. Und Will Smith, die Mittelalten unter uns werden sich erinnern, tante dazu in "Fresh Prince of Bel Air". Den Clubklassiker aus dem Jahr 1989 könnte auch die Kinobranche als Hymne zur Wiedereröffnung adoptieren.

24.06.2021 07:43 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Back to life, back to reality. Sangen Soul II Soul vor ein bisschen mehr als 30 Jahren. Und Will Smith, die Mittelalten unter uns werden sich erinnern, tanzte dazu in "Fresh Prince of Bel Air". Den Clubklassiker aus dem Jahr 1989 könnte auch die Kinobranche als Hymne zur Wiedereröffnung adoptieren. Und die beiden simplen Zeilen beherzigen. Dass wir ins Leben zurückkehren, ist evident.

Ausgemachte Sache. Das mit der Realität muss man indes an der einen oder anderen Stelle noch üben. Wer beispielsweise den Affentanz um In the Heights" in den USA mitverfolgt, muss das mit einem gewissen Maß an Verwunderung tun. In den sozialen Medien, speziell die amorphe Masse, die sich "Film Twitter" nennt, was immer das auch sein mag, hatte das Musical für sich als sicheren Filmhit in den US- Kinos ausgemacht. Weil Jon M Chus Adaption des Musicals von "Hamilton"-Macher Lin-Manuel Miranda mit seiner positiven Botschaft von Diversität und Inklusion eben alles hatte, was einen modernen Filmhit auszeichnen soll.

Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass dem Publikum das egal war. Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte des Kinos, dass es einem vermeintlich wichtigen Beitrag zur Gegenwartskultur die kalte Schulter zeigt. Nobody knows anything.

Richtig? Vor dem Einzug schmissiger Schlagworte wie "Alternative Fakten" oder "Fake Press" hätte man die schlechten Zahlen realisiert, akzeptiert und wäre dann wieder zum Tagesgeschäft übergegangen. Nach Erfolgen wie Black Panther" oder Crazy Rich" kann man Warner Bros keinen Strick daraus drehen, an einen Stoff wie "In the Heights" geglaubt und 50 Mio. Dollar für seine Herstellung bereitgestellt zu haben. Das Studio hat den Film mit Herzblut vermarktet, aber das Kinopublikum war nicht an der Botschaft interessiert. Der Affentanz, mit dem man nach dem ersten Wochenende verzweifelt versuchte, auch in den amerikanischen Trades, die faktisch enttäuschenden Zahlen schönzuschreiben, war erstaunlich. Und gipfelte in der bizarren Hoffnung, "In the Heights" würde erst am zweiten Wochenende richtig loslegen, wie es "Greatest Showman" vor ein paar Jahren in der Weihnachtssaison getan hatte. Nichts untermauerte diese These, aber Schreiben kann man es ja mal. Man muss nicht betonen, dass "In the Heights" am zweiten Wochenende massiv abbaute und sich bereits aus der Top Five verabschiedete.

Das ist schade für den Film. Viele begabte Menschen haben ihr Herzblut in ihn gesteckt. Man kann das Publikum indes nicht zwingen, einen Film zu lieben. Back to life, back to reality. Flops hat es immer gegeben, Flops wird es immer geben. Aber weder lässt sich im Fall von "In the Heights" ablesen, dass das Publikum nicht reif ist für Stoffe dieser Art, noch dass das Kino passé ist. Eher lässt sich ablesen, dass "Film Twitter" eine Chimäre ist, der man nicht unbedingt trauen muss.

Thomas Schultze, Chefredakteur