Produktion

Sarah Blaßkiewitz zu "Ivie wie Ivie": "Rassismus ist unser Thema von Geburt an"

Morgen feiert "Ivie wie Ivie" Weltpremiere in der Reihe Neues Deutsches Kino beim Filmfest München. Wir sprachen mit Regisseurin und Drehbuchautorin Sarah Blaßkiewitz über ihr Langfilmdebüt, das von der Begegnung zweier afrodeutscher Schwestern und Alltagsrassismus erzählt.

02.07.2021 07:54 • von Heike Angermaier
Sarah Blaßkiewitz (Bild: Joachim Gern)

Morgen feiert Ivie wie Ivie" Weltpremiere in der Reihe Neues Deutsches Kino. beim Filmfest München vor. Wir sprachen mit Regisseurin und Drehbuchautorin Sarah Blaßkiewitz über ihr Langfilmdebüt, das von der Begegnung zweier afrodeutscher Schwestern.und Alltagsrassismus erzählt.

"Ivie wie Ivie" hat eine turbulente Produktionsgeschichte mit mehreren Drehunterbrechungen hinter sich. Wie gelang es Ihnen, den Film fertig zu stellen?

SARAH BLASSKIEWITZ: Ich brauchte vor allem starke Nerven und ein Produktionsteam, das mich unterstützt und auch emotional trägt. Ich hatte zum Glück beides. Nach dem ersten Lockdown kam neben der Herausforderung mit den Anschlüssen die Angst dazu, bei einem positiven Corona-Fall wieder abbrechen zu müssen. Aber im Endeffekt ist alles gut gelaufen und niemand wird dem Film die schwierigen Umstände ansehen.

Konnten alle aus Cast und Crew wieder zurückkehren und inwieweit konnte alles so umgesetzt werden wie geplant?

SARAH BLASSKIEWITZ: März und April 2020 war ein absoluter Ausnahmezustand für alle, deswegen gab es dann verständliche, einzelne Ausfälle. Die Vorproduktion zum zweiten Drehblock war unglaublich anstrengend. Wegen Corona sind uns zum Beispiel viele geplante Motive weggebrochen und wir mussten schnell neue finden. Das war ein großer Mehraufwand.

Wie und wann sind Sie zum Thema gekommen, das über die Black Lives Matter Bewegung auch hierzulande mehr in der Öffentlichkeit diskutiert wird?

SARAH BLASSKIEWITZ: In dem Film geht um viele Themen, die zu mir gekommen sind. Es geht um eine unbekannte Schwester, die plötzlich auftaucht, um einen verlorenen Vater, um Freundschaft. Und um Alltagsrassismus und Rassismus, Anfeindungen, denen man als People of Color oder Afrodeutsche ausgesetzt ist. Und das ist leider unser Thema von Geburt an. Dass es hierzulande nicht bzw. kaum diskutiert wird, liegt unter anderem an der Geschichte Deutschlands. Auch im deutschen Film ist Alltagsrassismus präsent, dort werden bis dato People of Color nicht so repräsentiert wie es der Bevölkerungsstruktur in Deutschland entspricht. Ich habe vor fünf Jahren mit dem Drehbuch begonnen, lange vor Black Lives Matter.

Wie sind Sie beim Drehbuch vorgegangen, um die viele Figuren, Themen und Handlungsstränge zu bändigen?

SARAH BLASSKIEWITZ: Ich schöpfte aus meinen persönlichen Erfahrungen und den meiner Freunde und meiner Familie und fiktionalisierte sie, verknappte oder ergänzte sie. Die kleinen alltäglichen Szenen bleiben oft stark im Gedächtnis haften und setzen eine große Bandbreite von Gefühlen frei, denen ich nachgehen wollte. Die Herausforderung war, das große Ensemblekonstrukt und die vielen Handlungsstränge klug zusammenzuführen. Es erforderte Mut von allen Beteiligten, sich nicht auf eine Person zu konzentrieren, sondern auf zwei Schwestern, über die wir zwei verschiedene Sichtweisen zeigen, wie man sich als Afrodeutsche fühlt. Genauso zeigen wir, wie sich Ivies Freund*innen, ihre Mutter als Freund*innen bzw. Mutter einer Afrodeutschen fühlen usw. Wir wollten eine möglichst vielschichtige Erzählung.

War es schwierig Partner für den ernsten Stoff zu finden?

SARAH BLASSKIEWITZ: Ich habe den Stoff nicht als ernst verkauft, der Film ist nicht ernst. Es gab nur einen kurzen Umweg bevor ich meine Produzent*innen Milena Klemke, Yvonne Wellie und Jakob und Jonas Weydemann getroffen habe. Dann ging es ziemlich schnell, dass wir gesagt haben: "Wir wollen den Film zusammen machen". Ich würde jederzeit wieder mit den drei arbeiten.

Wie lief das Casting? Worauf kam es Ihnen an?

SARAH BLASSKIEWITZ: Mit Karen Wendland haben wir das Casting für die Rolle der Ivie schon in einer frühen Drehbuchfassung gestartet. Wir hatten fünf, sechs wundervolle Schauspielerinnen zur Auswahl und entschieden uns für Haley Louise Jones. Maximilian Brauer war ursprünglich für eine andere Rolle gedacht, aber irgendwann merkte ich im Casting, er ist der wahre Ingo. Lorna Ishema, die Ivies Schwester Naomi spielt, kenne ich schon länger und habe die Rolle für sie geschrieben. Das gleiche gilt für Anne Haug, Ivies beste Freundin, und Anneke Kim Sarnau, Ivies Mutter. Sie sind gute Freundinnen, mit denen ich bereits gearbeitet habe.

Wichtig war mir, bei unserem großen Ensemble und den vielen Orten, die wir erzählen, auch Laien dabei zu haben, wie den originalen Türsteher des Kater Blau Clubs, die Frau aus der Reinigung oder die ältere Dame im Afroshop. Sie verleihen den Orten Atmosphäre und verstärken die Szenen. Die Arbeit mit den Schauspieler*innen ist für mich das Herzstück der Arbeit als Regisseurin.

Wie stellten Sie die Musik zusammen? Zwei sehr schöne, passende Songs sind dabei.

SARAH BLASSKIEWITZ: Unser Filmmusiker und Komponist Jakob Fensch, der wie ich mit dem Film sein Langfilmdebüt gibt, komponierte den Titelsong mit Emma Elisabeth zusammen. Sie schrieb und sang "Thicker than water". So transportiert auch der Text perfekt die Stimmung des Films. Mit "River" der Zwillingsschwestern von Ibeyi ist auch ein bereits bekannter Song dabei.

"Ivie wie Ivie" feiert Premiere beim Filmfest München, ist dort für den Förderpreis und für den Fritz-Gerlich-Preis nominiert. Außerdem war er für den First Steps Award nominiert und ist in der Vorauswahl zum Deutschen Filmpreis. Was erwarten Sie sich?

SARAH BLASSKIEWITZ: Ich freue mich wahnsinnig, endlich "Ivie wie Ivie" gemeinsam mit vielen Menschen dort zu sehen, wo er hingehört, auf der großen Leinwand. Nur deswegen macht man Filme, dass sie gesehen werden! Und nun im Falle von "Ivie wie Ivie" sogar auf der wirklich großen Leinwand eines Open-Air-Kinos. Ich bin stolz auf mein Team, allen voran mein Kamerateam Constanze Schmitt und David Schmitt, Editorin Emma Alice Gräf sowie Kostümbildnerin Clara M. Kirchhoff, Szenenbildnerin Maria Nickol und Maskenbildnerin Juliane Hübner und freue mich, dass aus meiner Idee von vor fünf Jahren etwas geworden ist, das wahrgenommen wird - auch von den hochkarätigen Juries.

Wie geht es mit "Ivie wie Ivie" weiter?

SARAH BLASSKIEWITZ: Nach dem Filmfest planen wir eine kleine Sommerkinotour bis Ende August und ab 16. September wird es einen kleinen, regulären Kinostart geben. Für die Ausstrahlung im ZDF gibt es noch keinen genauen Termin.

Was wird Ihr nächstes Projekt?

SARAH BLASSKIEWITZ: Ich bin an ein, zwei Projekten dran, bei denen ich als Regisseurin einsteige, über die ich aber noch nicht reden darf. Ich habe schon eine Idee für ein Drehbuch für meinen zweiten Film, der ein weltpolitisches, brisantes Thema aufgreift, mit dem ich mein eigenes Lebensumfeld verlassen werde.

Peilen Sie Kino, Streaming oder Fernsehen an?

SARAH BLASSKIEWITZ: Ich bin dem Kino verfallen und sehe meine eigenen Projekte im Kino, aber ich liebe meinen Beruf und führe gerne Regie, auch für Streaming und Fernsehen.

Nach der schwierigen Produktion von "Ivie wie Ivie" kann Sie nun nichts mehr schrecken?

SARAH BLASSKIEWITZ: Es ist Sommer, mich schreckt gar nichts. Ich will nicht abgehärtet sein, bin auch nicht verbittert, sondern ich will weiterhin für alles offen sein. Dass die Produktion schwierig war, macht es nur umso schöner, dass "Ivie wie Ivie" nun gesehen und nach den ersten Reaktionen zu urteilen, auch gemocht wird.

Die Fragen stellte Heike Angermaier