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PREVIEW KINO: "Nobody"

Bob Odenkirk als Actionheld? "Nobody", der neue Film der "John Wick"-Macher macht's möglich. Was die knallharte Rachegeschichte alles kann, erfahren Sie in unserer Besprechung. Oder ab 1. Juli selbst nur im Kino.

18.06.2021 11:14 • von Thomas Schultze
Time for payback: Bob Odenkirk überrascht als Mann mit einer Mission in "Nobody" (Bild: Universal)

Ausgerechnet Bob Odenkirk als Actionheld? Nobody", der neue Film der John Wick"-Macher macht's möglich. Was die knallharte Rachegeschichte alles kann, erfahren Sie in unserer Besprechung. Oder ab 1. Juli selbst nur im Kino.

Kann man sich einen schmalbrüstigeren Mann vorstellen als Bob Odenkirk, einen weniger zum Actionhelden tauglichen Jedermann, der schon bei der leisesten Aussicht auf körperliche Konfrontation den Kopf einzieht, als den Schauspieler, der in Breaking Bad" und Better Call Saul" die Darstellung eines unkörperlichen Feiglings zur Kunstform erhoben hat? Eben. Das ist schon der eigentliche Gag von Nobody, mit dem der junge russische Regisseur Ilya Naishuller sechs Jahre nach seinem aufsehenerregenden Debüt Hardcore Henry" nun den Sprung ins US-Studiosystem schafft. Denn hier ist es Odenkirk, der ordentlich Ärsche tritt und sich benimmt wie John Wicks Bruder im Umgang mit bösen Menschen, was zumindest insofern nicht weiter verwundert, weil das Drehbuch dieser bis ins Comichafte überzogenen Rachefantasie von "John Wick"-Autor Derek Kolstad stammt und "John Wick"-Produzent David Leitch hier ebenfalls die Fäden hinter den Kulissen zieht.

Basierend auf einem persönlich traumatisierenden Erlebnis in Odenkirks jungen Jahren, entfaltet sich ein Film, der weniger Ein Mann sieht rot" oder Falling Down" ist, wie man vielleicht vermuten würde, sondern eher Verwandtschaft hat mit turbobetriebenen Gewalt-Tour-de-Forces der Marke Atomic Blonde" oder Smokin' Aces": Wenn geballert wird, dann richtig. Wenn Knochen gebrochen worden, dann immer so, dass es richtig knackt. Das entspricht womöglich den Sehgewohnheiten des heutigen Actionpublikum und bietet entsprechend viel Unterhaltungswert, ist aber auch so grotesk übersteigert, dass man von dem wilden Treiben emotional und intellektuell komplett unberührt bleibt. Im Grunde ist es egal, dass ein brutaler Einbruch im Zuhause des vermeintlich harmlosen Familienvaters Hutch Mansell das lange verborgene Tier im Manne des, wie wir erfahren, einstigen Elitekillers erweckt. Hauptsache, es wird erweckt.

In einem Bus kommt es zu einer Auseinandersetzung mit ein paar Schurken, die an die legendäre Hammersequenz in Oldboy" erinnert und wiederum ein Auslöser für eine Konfrontation mit einem ruchlosen russischen Unterwelt-Lord ist, der mindestens so ruchlos ist, wie es der russische Unterwelt-Lord in "The Equalizer" gewesen war. Dass dem die Auseinandersetzung mit Denzel Washington nicht besonders gut bekam, hat sich offenbar nicht herumgesprochen. Denn auch Hutch ist ein überlegener Gegenspieler, zumal er, und das ist der eigentliche Clou von "Nobody", tatkräftige Unterstützung von Freunden und anderen Familienmitgliedern erhält. Schön, dass Christopher Lloyd und Michael Ironside zum Besuch vorbeischauen. Sieht man immer gern, die beiden. Aber keine Frage: Das maßlose Massaker ist Odenkirks Show, dem die Freude am Draufhauen ins Gesicht geschrieben ist. Das Gusto, mit dem er zuschlägt und abdrückt, lässt vermuten, dass er sich für alle Ungnädigkeiten, die seinen Figuren im Verlauf seiner Karriere angetan wurden, im Handstreich rächen will. Das hat, wie gesagt, null Nährwert. Was nicht heißt, dass man nicht auch gehörig Spaß haben kann in dieser Kakophonie des Dauerfeuers.

Thomas Schultze