Produktion

"Einblicke in das echte Leben"

Die vermehrte Nachfrage nach authentischen Inhalten von Sendern und Streamern kündigt eine neue Ära von Dokumentarfilmen an. Die Autorin und Fotojournalistin Julia Leeb und der Produzent Jochen Köstler über ihre Teamarbeit für das neue Label Constantin Dokumentation und einen Trend, der kein kurzfristiger Hype sein will.

18.06.2021 09:32 • von Jochen Müller
Julia Leeb, Jochen Köstler (Bild: Markus Püttmann, Constantin Entertainment)

Die vermehrte Nachfrage nach authentischen Inhalten von Sendern und Streamern kündigt eine neue Ära von Dokumentarfilmen an. Die Autorin und Fotojournalistin Julia Leeb und der Produzent Jochen Köstler über ihre Teamarbeit für das neue Label Constantin Dokumentation und einen Trend, der kein kurzfristiger Hype sein will.

Frau Leeb, was hat Sie bewogen, Teil des Teams bei Constantin Doku­mentation zu werden?

Julia Leeb: Es gibt eine große Nachfrage nach authentischen Inhalten, ein Bedürfnis nach Entdeckungen und auch danach, zu erfahren, was außerhalb des Themas Corona passiert. Die Welt dreht sich weiter, und wir wollen Einblicke in das echte Leben geben. Auch auf Social Media sehen wir immer die gleichen Leute, aber die Welt besteht zumindest zu 80 Prozent aus einer anderen Realität. Ich denke, dass viele Menschen sehr daran interessiert sind, was die Welt zusammenhält und wie sie eigentlich aussieht.

Herr Köstler, was haben Sie sich unter diesem neuen Label vorgenommen?

Jochen Köstler: Zuallererst wollen wir spannende Geschichten über Menschen und von Geschehnissen erzählen, die man so gar nicht schreiben und erfinden könnte, weil man sonst auf Kundenseite zu hören bekäme: Da haben Sie aber übertrieben, das ist ja unglaublich. Für das Genre Dokumentation, das gerade eine Renaissance erlebt, wollen wir die Kompetenz der Constantin Film als hochwertigster deutscher fiktionaler Produzent und die der Constantin Entertainment bündeln, um uns mit Inhalten zu beschäftigen, die früher weder bei der Entertainment noch bei der Film ein Zuhause gefunden hätten. Wir wollen tolle Inhalte recherchieren und prüfen, für wen wir sie produzieren können.

Frau Leeb, ist das für Sie eine Gelegenheit, Themen, die Ihnen wichtig sind, in anderer Form und unterstützt von einem hochprofessionellen Team mehr Menschen nahezubringen?

Julia Leeb: Ich habe gerade einen Bestseller geschrieben, aber in Wirklichkeit liegt mein Fokus auf der visuellen Kommunikation. Erst vor ein paar Tagen bin ich aus dem Irak zurückgekommen und ich kann nur sagen, dass alles, was ich dort dokumentiert habe, unsere Vorstellungsgabe um einiges übersteigt. Was ich vor Ort gesehen habe, war einfach krass. Die Realität ist manchmal abenteuerlicher und härter als Fiktion es so darstellen könnte. Deswegen freue ich mich auf eine Zusammenarbeit, in der man ­authentische Inhalte auf eine unterhaltsame Art und Weise teilen kann, denn natürlich sollen diese Inhalte auch eine Reichweite haben.

Glauben Sie, dass sich die Menschen nach Geschichten sehnen, die sie auch aus ihrer Komfortzone holen?

Julia Leeb: Es ist das wahre Leben, das fasziniert. Wenn ich die jungen Leute vom Sofa mitten in das Geschehen in Bagdad oder nach Mossul hole, dann wird es garantiert alles sein, nur nicht langweilig.

Constantin Entertainment hat mit den unterschiedlichsten Formaten Erfahrung. Was zeichnet die Programme, die unter Constantin Dokumentation im Entstehen sind, besonders aus, und was hebt sie von denen anderer Firmen im Markt ab?

Jochen Köstler: Wir bringen das Beste aus beiden Welten, aus der Entertainment und der Film, zusammen. Wir bündeln damit unterschiedlichste Kompetenzen, angefangen bei der Recherche und Aufbereitung von Stoffen, gepaart mit der filmischen Umsetzung bis hin zum Storytelling. Ich selbst begreife mich nicht als klassischer Kreativproduzent, sondern als Enabler für gewisse Themen. Constantin Film hat wie sonst kein zweites Unternehmen in Deutschland den Filmmarkt beeinflusst und geprägt. Die Entertainment ist Teil dieser Erfolgsgeschichte. Gemeinsam sind wir in der Lage, Dokumentationen sowohl ins Kino zu bringen als auch für andere Kunden als Auftragsproduktion zu produzieren. Es liegt beispielsweise nahe, Stoffe, die die Constantin Film erfolgreich produziert, mit einer Dokumentation als Zusatzprodukt und als Zusatzinformation für das Publikum zu begleiten.

Und wie sieht Ihre weitere Strategie aus?

Jochen Köstler: Wir versuchen nicht nur die naheliegenden Themen umzusetzen, sondern auch Projekte, bei denen man uns sagt: Ernsthaft? Das schafft ihr nie! Teil unserer Strategie ist es, Zugänge in Welten schaffen, die einem sonst verschlossen bleiben. Und mit dem Namen Constantin geht manche Tür auf. So war es auch bei "BILD.Macht.Deutschland?".

Wie funktioniert dieses Team um die Constantin Dokumentation? Darf man sich das wie einen Writers Room vorstellen?

Julia Leeb: Ich freue mich auf einen regen Austausch. Für mich ist es eine neue Situation, da ich bisher nur die Möglichkeit hatte, kurze Reportagen oder Beiträge zu veröffentlichen, und diese Kürze war die große Herausforderung. Jetzt arbeiten wir an Formaten, die die Protagonisten mit all ihren Tiefschlägen und Höhepunkten viel mehr Raum lassen und uns erlauben, die ganze Dimension eines einzelnen Lebens viel besser darzustellen. Jetzt reden wir nicht mehr über kleine Reports, sondern über vierteilige Serien. Es ist wichtig, dass die Erzählweise diesen spannenden Lebensläufen gerecht wird.

Jochen Köstler: Wir sind ein Team, das gemeinsam Inhalte vorantreibt. Julia Leeb ist dort, wo es passiert und wo es spannend ist. Aber beide arbeiten wir an Ideen, die wir im Plenum diskutieren. Insofern ist es doch eine Art Writers Room. Und deswegen gibt es auch die Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung. Dieses Knowhow kann ich mir nicht aufbauen. Das ist nicht nur Handwerk, das ist höchste Kunst, verlangt Hintergrundwissen, Berufserfahrung und persönliche Kontakte. Wir arbeiten mit Julia Leeb zusammen, um etwas zu ermöglichen, was einzigartig ist. Mit ihr arbeiten wir an Themen, da würden Sie staunen...

Bringen Sie mich zum Staunen...

Jochen Köstler: Wir arbeiten an einem Thema über eine olympische Sportlerin, das eigentlich eine Cinderella-Story ist, zusätzlich verfolgen wir eine True-Crime-Geschichte. Genauso sind wir an Themen dran, die sich aus ihrer originären Berufserfahrung herleiten. In welcher Reihenfolge wir die Geschichten realisieren, müssen wir individuell besprechen. Es kann auch sein, dass eine Idee von Julia nicht von ihr selbst umgesetzt wird, weil sie eine andere Sache bevorzugt. Und wir sind in der Lage, Julia ein Plenum zu geben, das ihr sonst vielleicht nicht offen stünde, weil wir ihr als Constantin Dokumentation Zugang auf einer Ebene verschaffen können, wo sich für ihre Themen plötzlich Türen öffnen.

Wie wichtig ist es für Sie, in diesen Prozess und die Findung der richtigen Form für eine Geschichte involviert zu sein?

Julia Leeb: Dieser Prozess hat gerade erst begonnen und ist in seinen Abläufen noch nicht abgeschlossen. Das ist auch das Spannende daran. Ich glaube, wir sind uns einig, dass die Inhalte, die ich bringen möchte, gewinnbringend und aufschlussreich sein sollen, ohne ihren kurzweiligen Charakter zu verlieren.

Gewinnbringend an Erkenntnis?

Julia Leeb: Ja. Ich bin sehr Inhalte-getrieben. Eine neue Zeit hat begonnen. Der dogmatische Zeigefinger ist meines Erachtens überholt. Mit so einem starken Partner habe ich die Möglichkeit, mit frischen Erzählformen neue Zuschauer zu erreichen.

Jochen Köstler: Es ergibt sich in der Zusammenarbeit mit Julia, deren Arbeit mich schon lange fasziniert, die Gelegenheit, große Geschichten nicht nur in einem Sechsminutenbeitrag für ein Magazin, sondern mit einem internationalen Budget abzubilden. Das ist für mich Ansporn und Anreiz, weil ich glaube, dass es in der heutigen Zeit richtig und wichtig ist, solche Themen zu erzählen.

Ist auch diese Entwicklung den Plattformen zu verdanken, weil sie eine größere, auch internationale Reichweite herstellen und an ungewöhnlichen Stoffen interessiert sind, mit dem Effekt, dass sich dann auch die Sender dafür interessieren?

Jochen Köstler: Exakt so ist es. Diese Bereitschaft geht eindeutig auf die Streamer zurück. Viele springen jetzt auf, und ich finde, dass das eine ganz tolle Zeit ist.

Man kennt die Geschichten von notleidenden Dokumentarfilmern, die nur 30 Prozent ihres Budgets vom Sender bekommen. Ist das eine neue Chance, um Geschichten mit erweiterten künst­lerischen Mitteln zu erzählen und zu vermarkten?

Julia Leeb: Ich sehe es tatsächlich so, dass sich gerade vieles ändert. Meine Erfahrung ist auch, dass sich immer mehr Jugendliche für relevante Themen interessieren. Sie bevorzugen unterhaltsame Erzählweisen, wollen aber deswegen nicht auf Tiefgang verzichten. Es ist eine Phase, in der Inhalte wichtiger werden.

Nun haben Sie nicht nur Frau Leeb, sondern auch andere renommierte Journalisten und Regisseure an Ihr neues Label gebunden. Gibt es auch eine thematische Bandbreite, für die es stehen soll?

Jochen Köstler: Wir haben schon eine Stoßrichtung formuliert und versuchen uns im weitesten Sinne auf aktuelle Themen zu konzentrieren, also keine historischen Dokumentationen. Grob gesagt, fokussieren wir uns in der Stoffauswahl auf die letzten 20, 30 Jahre. Für den Young Adult-Zuschauer soll es sich anfühlen wie: Das ist noch meine Zeit. Wenngleich wir auch gerade an einer Back-in-the-Days­Dokumentation für einen Streamer arbeiten. Aber das ist die Ausnahme. Und wir werden Langzeitbetrachtungen wie bei "BILD.Macht.Deutschland?" vornehmen, die uns besondere Einblicke ermöglichen. Was wir ­machen, darf sich nicht auf schieres Nacherzählen beschränken. Wir brauchen schon einen besonderen neuen Aspekt oder Zugang.

Ist das nun ein Hype oder etwas länger Anhaltendes? Und gibt es eine harte Konkurrenz um Themen wie bei der SZ-Serie um "Die Schüsse von München"?

Julia Leeb: Ich bin auf der anderen Seite, praktisch »on the ground«, und was sich verändert hat, ist das Budget und die Machart. Das lässt mich daran glauben, dass wir eine neue Ära von Dokumentarfilmen erleben werden, die optisch und erzählerisch so ansprechend umgesetzt sind, dass der Trend eher noch nach oben geht.

Jochen Köstler: Wir spüren eine Konkurrenz dahingehend, dass wir etwa bei dem Sky-Original "22. Juli - Die Schüsse von München" wissen, dass wir nicht die einzigen sind, die an dem Thema dran sind. Aber das schreckt uns nicht, das ist normal. Konkurrenz belebt das Geschäft, und gerade deswegen glaube ich, dass es kein kurzfristiger Hype sein wird.

Warum gibt es bei den Sendern eine so große Nachfrage nach diesen Formaten?

Jochen Köstler: Diese Programme sind hochgradig repertoirefähig und auch international auszuwerten. Die Schüsse von München wird in mehreren Ländern vertrieben werden, das wissen wir jetzt schon. Das passiert bei Unterhaltungsshows nie, bei Filmen und deutschen Serien manchmal, aber mit solchen Dokumentationen funktioniert das leichter.

Wann gibt es aus Ihrer Zusammenarbeit die erste fertige Produktion zu sehen?

Julia Leeb: Mein Beruf ist auch meine Berufung, und ich bin eigentlich dauernd mit Stoffentwicklung beschäftigt. Ich bin auch sehr ungeduldig.

Jochen Köstler: Ich gehe davon aus, dass unsere erste Zusammenarbeit noch im Herbst diesen Jahres sichtbar werden wird. Julia verfügt über ein so unfassbares Netzwerk in der Welt, dass man plötzlich auch das eine oder andere Thema zugespielt bekommt, das wir aber nur gemeinsam stemmen können. Da schließt sich für uns der Kreis. Wir werden noch sehr viele Geschichten erzählen können, wo wir uns nicht mit den Wettbewerbern auf den Füßen stehen.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl