Produktion

Showrunnerin Annie Weisman zu "Physical": "Mehr Verantwortung, mehr Freiheit"

Die zehnteilige Serie "Physical" mit Rose Byrne, die heute auf Apple TV+ startet, ist ein Streaming-Highlight. Wir sprachen mit Showrunnerin Annie Weisman darüber, warum Kreative gerade goldene Zeiten erleben und die frühen Achtziger sich anfühlen wie die Siebzigerjahre.

18.06.2021 09:29 • von Thomas Schultze
Annie Weisman (r.) mit Rose Byrne beim Dreh von "Physical" (Bild: Apple)

Die zehnteilige Serie Physical" mit Rose Byrne, die heute auf Apple TV+ startet, ist ein Streaming-Highlight. Wir sprachen mit Showrunnerin Annie Weisman darüber, warum Kreative gerade goldene Zeiten erleben und die frühen Achtziger sich anfühlen wie die Siebzigerjahre.

Sie waren zu Beginn der Achtzigerjahre noch keine zehn Jahre alt. Haben Sie spezifische Erinnerungen an die Zeit?

ANNIE WEISMAN: Sie bilden tatsächlich die Grundlage für die Serie. Ich bin im Südkalifornien der späten Siebziger und frühen Achtziger großgeworden. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass wir im Grunde immer noch von den Siebzigern reden - die Achtzigerjahre, wie wir uns heute an sie erinnern, beginnen erst später. Mich hat besonders diese Zwischenzeit interessiert, diese Übergangsphase, wie die Seventies zu den Eighties werden. Die Veränderung in der Kultur war drastisch. Ich habe das ganz unmittelbar miterlebt, in meiner Schule, in meiner Nachbarschaft, in meiner Familie sogar und letztlich in der ganzen Welt. Ganz plump gesagt: Ich wollte einfangen, wie die Denke Reagans das ganze Land ergriff, von der "Weed-Decade" zur "Me-Decade", von der Kiffer-Dekade zur Ich-Dekade, und in "Physical" befinden wir uns genau am Scheitelpunkt.

Wie schlug sich das in Ihrer Familie nieder?

ANNIE WEISMAN: Meine Eltern waren alte Radikale aus Berkeley und wurden in dieser Zeit zu Reagan-Wählern. Wie kann das sein?

Mussten Sie noch weiter recherchieren?

ANNIE WEISMAN: Ganz wenig nur. Einfach, weil es eine so persönliche Angelegenheit ist. Meine Erlebnisse damals, meine Wahrnehmung bilden definitiv die Basis. Es ist meine Familiengeschichte. Was im Rubin-Haushalt basiert, kenne ich auch persönlicher Erfahrung. Womit ich mich vertraut machen musste, waren die Politik der Zeit und vor allem die radikalen Veränderungen, die Südkalifornien ergriffen. Dafür war ich damals ganz einfach noch zu klein. Ich habe es miterlebt, hatte aber keinen Kontext, keine Referenz. Es ist das endgültige Ende der Ideale der Sechziger, die Desillusion ist greifbar. Das Kollektiv war kein Ideal mehr. Die Menschen kümmerten sich nicht mehr länger um andere, sondern dachten einzig und allein darüber nach, wie man selbst gut über die Runden kommt. Diese Entwicklung manifestierte sich in vielen verschiedenen Bereichen. In meiner Geschichte geht es explizit um eine Frau, die ihre liberal-progressiven Ansichten aufgibt und persönliche Bestätigung durch körperliche Stärke und Erfolg im Geschäft zu finden sucht.

Ohne zu viel zu verraten, aber am Ende der ersten Staffel sind sie da, die Achtziger.

ANNIE WEISMAN: So ist das. Ich finde es auch deshalb so prägnant, weil Südkalifornien für viele Menschen ein Ideal darstellte, ein Sinnbild für eine ganz besondere Art von Freiheit und Neuerfindung. Wenn wir an Südkalifornien denken, denken wir an Hippies, an Kommunen, an Plätze des Zusammenkommens. Dieser Traum ist im Verblassen begriffen, als "Physical" beginnt. Katerstimmung ist ein Begriff, der diese Zeit gut umschreibt. Meine Heldin klammert sich verzweifelt an ihre Ideale, als hinge ihr Leben davon ab, obwohl die Welt um sie herum bereits seismische Veränderungen erfährt.

Mit Rose Byrne haben Sie eine Idealbesetzung für Sheila Rubin gefunden. Wussten Sie schon beim Schreiben, dass Sie die Rolle spielen sollte?

ANNIE WEISMAN: Ich hätte nicht einmal zu träumen gewagt, dass jemand die Rolle spielen könnte, der so phänomenal ist wie Rose. Als sie dann das Drehbuch las und Interesse bekundete, konnte ich mir niemand anderen mehr vorstellen. Sie ist perfekt für den Part. Wenn man sie sieht, nimmt man ihr sofort ab, dass sie für jeden anderen das absolute Ideal darstellt, sie selbst sich aber überhaupt nicht so wahrnimmt. Sie spielt diesen inneren Aufruhr ihrer Figur mit einer großen Furchtlosigkeit, schreckte auch nicht vor den dunkleren Aspekten Sheilas zurück. Im Gegenteil: Sie ging mit Gusto an die Orte, wo es wehtut. Wenn "Physical" ein Erfolg wird, dann ist das einzig und allein ihr zu verdanken.

Sie haben Craig Gillespie als Regisseur für die erste Folge gewählt, um Look and Feel der Serie zu etablieren. Wie kamen Sie auf ihn?

ANNIE WEISMAN: Ich bin ein Fan seiner Arbeit. In Lars und die Frauen" und I, Tonya" gelingt ihm auch schon dieser feine Balanceakt, vermeintlich widersprüchliche Tonalitäten gleichzeitig zu treffen. Die Filme haben Emotion, aber auch eine ziemlich düstere Energie, die immer auch sehr komisch ist. Er hatte sofort einen Draht zu dem Stoff. Er kam rein und sagte, er könne die Geschichte bereits vor seinem inneren Auge sehen. Er brachte viele seiner vertrauten Mitstreiter mit, und gemeinsam haben sie "Physical" dann genau so entstehen lassen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich muss aber betonen, dass Liza Johnson und Stephanie Laing, die von Craig übernahmen, ebenfalls wunderbare Arbeit geleistet haben.

Sie befassen sich nicht zum ersten Mal mit dem Leben in den Suburbs. Sie waren beteiligt an den letzten Staffeln von Desperate Housewives" und haben Suburgatory" geschrieben. Was reizt Sie an dieser Kulisse?

ANNIE WEISMAN: Mir gefällt es, mich mit Welten zu beschäftigen, von denen man glaubt, man hätte sie durchschaut, und die man deshalb unterschätzt. Ich steche da gerne mit der Nadel rein und sehe zu, was zum Vorschein kommt. Da ist immer mehr, als man zunächst annimmt. Mir gefällt es, mit unseren Vorbehalten zu spielen, die dunklen Ecken dessen auszuloten, was man als helle, strahlende Welt betrachtet. Die Suburbs sind ein Klischee, und das bestimmt auch zurecht. Aber sie sind eben mehr als das. Deshalb wird mir nicht langweilig, mich damit zu beschäftigen.

War die Arbeit an den vorherigen Serien eine gute Vorbereitung für "Physical"?

ANNIE WEISMAN: Das ist ein ganz natürlicher Teil der Reise, oder? Natürlich gibt es immer eine logische Abfolge. Ich bin indes überzeugt, dass man "Physical" in dieser Form vor zehn Jahren nicht hätte machen können. Das Geschäft hat sich radikal verändert seither, sehr zum Vorteil von uns Autoren. Die Sender und ganz besonders die Streamer sind offener für das Ungewöhnliche und Unkonventionelle. Während man früher am besten immer das Gleiche in verschiedenen Variationen gemacht hat, geht es nun eher darum, Stoffe zu finden, die ganz eigen und individuell sind, die etwas haben, das man bei anderen Shows nicht findet. Wenn es die Streamer nicht gäbe, gäbe es auch "Physical" nicht. Ich schätze mich sehr glücklich, jetzt Teil des Geschäfts zu sein, weil es für Kreative noch nie idealere Voraussetzungen gab, exakt ihre Vision und ihre Ideen umzusetzen.

Wie sah Ihr Pitch aus, als Sie ein Zuhause für "Physical" suchten?

ANNIE WEISMAN: Es gab keinen Pitch. Weil "Physical" so besonders und persönlich ist, habe ich die Drehbücher allesamt aus eigenem Antrieb geschrieben. Es gab keinen Auftraggeber. Ich war mir zunächst auch gar nicht sicher, ob ich wirklich wollte, dass sie verfilmt werden. Aber dann zeigte ich die Bücher Freunden und anderen Leuten, deren Urteil ich vertraue. Sie haben mich ermutigt, und schließlich hat der Stoff den Weg zu den richtigen Leuten gefunden, bei Apple. Normalerweise läuft das Spiel anders. Aber bei "Physical" war es genau so.

Können Sie beschreiben, inwiefern die Arbeit mit den Streamern anders ist?

ANNIE WEISMAN: Man ist als Urheber und Ideengeber ganz anders involviert. "Physical" ist von Anfang bis Ende meine Show, ich war in alle Entscheidungen eingebunden. Es ist meine Idee, mein Drehbuch. Es ist meine Hauptdarstellerin. Es sind meine Regisseure. Ich musste nicht durch den lähmenden Pilotfolgen-Prozess durch. Als Apple an Bord kam, stand sofort fest, dass es eine ganze Staffel geben würde. Den einzigen Druck, den ich verspürt habe, war der Druck, den ich mir selbst gemacht habe, weil es mir wichtig war, dass wirklich alles richtig gemacht wird. Apple war unendlich geduldig, gab mir Zeit und Raum, die Show nach meinen Vorstellungen umzusetzen. Es war in meinem Interesse, ihnen die Show abzuliefern, die ich ihnen versprochen hatte. Das ist eine völlig neue Art und Weise, in den Prozess involviert zu sein. Viel mehr Verantwortung, aber auch viel mehr Freiheit.

Können Sie sich eine zweite Staffel von "Physical" vorstellen, die genauso persönlich ist wie die erste?

ANNIE WEISMAN: Es gibt noch viele Geschichten aus meiner Familie, die ich in der ersten Staffel nicht unterbringen konnte. Da ist also noch ziemlich viel Raum. Und natürlich habe ich schon ganz bestimmte Vorstellungen, wie es weitergehen könnte. Die Reise von Sheila Rubin ist noch nicht vorbei.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.