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KOMMENTAR: Die neue Zuschaueroffensive

Auf den Screenforce Days präsentierten die Sender soeben ihre neuen Programmideen im Ringen um die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Plötzlich eifern die Privaten den Öffentlich-rechtlichen nach, und alle wollen sich nicht länger von den Streamern in den Schatten stellen lassen.

17.06.2021 07:37 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Auf den Screenforce Days präsentierten die Sender soeben ihre neuen Programmideen im Ringen um die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Plötzlich eifern die Privaten den Öffentlich-rechtlichen nach, und alle wollen sich nicht länger von den Streamern in den Schatten stellen lassen. Bunt und divers stellt sich der größte Privatsender auf, und es soll nicht nur bei Abertausend Farbvarianten im vertrauten Logo bleiben. Nach der Pandemie soll alles seriöser werden. Bohlen und Pocher sind in die Wüste geschickt, allzu Lärmiges und Ordinäres soll seine Heimat woanders finden. Man reibt sich erstaunt die Augen, wer nun für die RTL Group und bei ProSiebenSat1 Quote bringen soll: Gerade hatten Linda Zervakis oder Pinar Atalay noch die Nachrichtensendungen im Ersten moderiert, nun locken neue Aufgaben in Köln und Unterföhring. Selbst Jan Hofer, bei der "Tagesschau" mit viel Rummel in die Rente verabschiedet, findet eine neue Herausforderung bei den Privaten. Seriöser, journalistischer und älter ist die Devise.

Wurden die Öffentlich-rechtlichen noch vor Kurzem als Gerontensender verspottet, scheinen sich die Über- 50- bzw. Über 60-jährigen als attraktive Zielgruppe zu entpuppen, die gerne lineares Fernsehen guckt und genauso gerne konsumiert. Die schwächelnde Reichweite von 14 bis 49 kann da eine Stärkung vertragen. Schließlich haben sich die Jungen den Streamern zugewandt und sehen Programme lieber nach einem eigenen Zeitplan.

Ausgerechnet den öffentlich-rechtlichen Mediatheken gelingt es hier zu punkten, mit innovativen Serien und Filmen, die sie der herkömmlichen Alterskohorte auf der Couch gar nicht mehr zumuten. Gerade bei den Jungen scheint ganz offensichtlich das Bedürfnis nach authentischen Inhalten zu wachsen. Die leichte Unterhaltung hat gerade einen schwereren Stand. Gefragt sind Doku-Filme und -Serien, die sich ihrem Gegenstand in einer Tiefe und Ausführlichkeit widmen, die bis dato bei Programmverantwortlichen kaum gefragt waren, wenn Produzenten sie vorschlugen. Schon entsteht ein Wettlauf um aktuelle Themen und neue Zugänge zu dramatischen Geschehnissen oder außergewöhnlichen Lebensläufen, die bisher in den späten Abend verbannt waren. Die Zuschauer scheinen sich im Lockdown verändert zu haben und wollen womöglich Realität intensiver erfahren. Vielleicht ja auch auf der großen Leinwand.

Auch die Kinos setzen nun an zur großen Zuschaueroffensive. Ab 1. Juli werden deutlich mehr als 100 Kinos deutschlandweit geöffnet sein, und es wird eine bunte und diverse Vielfalt von neuen Kinofilmen geben, die es mit der Programmvielfalt der Sender und Streamer locker aufnehmen kann. Vielleicht verteidigt das Kino seinen Rang beim Publikum schon bald wieder so selbstbewusst, dass es nur die alten Feinde fürchten muss, das Sommerwetter und den Fußball.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur