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PREVIEW STREAMING: "Luca"

Nach "Soul" startet mit "Luca" ein weiterer Pixar-Kinofilm exklusiv bei Disney+. Zu schade. Das Regiedebüt von Enrico Casarosa ist eine hinreißende Abenteuerkomödie und sprudelt geradezu über vor Einfällen. Hier unsere Besprechung.

16.06.2021 18:00 • von Thomas Schultze
Unter der Sonne Italiens: Zwei Wassermänner wollen in "Luca" die Welt der Menschen erkunden (Bild: Disney)

Nach Soul" startet mit Luca" ein weiterer Pixar-Film exklusiv bei Disney+. Zu schade. Das Regiedebüt von Enrico Casarosa ist eine hinreißende Abenteuerkomödie und sprudelt geradezu über vor Einfällen. Hier unsere Besprechung.

Eingeweihte wissen längst (oder finden es zumindest), dass das Beste an einem neuen Pixar-Film stets der Vorfilm ist, also jene bezaubernden Vignetten, die Nachwuchstalenten die Chance geben, auf kleinstmöglichem Raum unter Beweis zu stellen, was sie auf dem Kasten haben. Zumindest im Fall von "La Luna", dem Debüt von Enrico Casarosa, das 2012 vor "Merida" zu sehen war, haben sie unbedingt Recht. Sieben Minuten reichen aus, um die Geschichte eines Jungen, der von Vater und Großvater mit auf den Mond genommen wird, wo sie Ordnung ins Sternenlicht bringen, unvergesslich zu machen. Fast zehn Jahre später darf der 1970 in Genua geborene Casarosa sein überfälliges abendfüllendes Debüt geben, der gleich in der ersten Szene den Bogen zu seinem Kurzfilm schlägt: Auch diesmal folgt der Zuschauer wieder Fischern hinaus aufs Meer. Während man dem Film sofort die Handschrift Casarosas ansieht mit seinen knubbeligen Figuren, einer Liebe für mediterranen magischen Realismus und Furchtlosigkeit vor Emotion bis hin zur Sentimentalität, lässt sich die Prämisse von "Luca" in der klassischen Kinderliteratur verorten: Schon "Der kleine Wassermann" von Otfried Preußler oder "Das neugierige Fischlein" von Elsa Beskow hatten sich dem Topos angenommen, dass sich Wasserwesen ausmalen, wie es wäre, am Leben der Menschen jenseits des Meeres teilzunehmen.

Casarosa löst die existenzielle Prämisse auf in eine wilde Verwechslungskomödie, die so ist, wie noch kein Pixar-Film war. Was daran liegt, dass es der erste Pixar-Film ist, der im Italien der Sechzigerjahre spielt und sich entsprechend in der Tradition der Komödien dieser Zeit spiegelt, die coolen Späße mit Mastroianni und Loren, die beherzten Sozialschwänke eines Totò, die Don Camillo und Peppone"-Reihe. Dazu kommen irrwitzig viele Einfälle, vergleichbar vielleicht mit Ratatouille" von Brad Bird, bei dem die menschliche Hauptfigur tatsächlich ein bisschen wo aussieht, wie es die Charaktere hier tun, allen voran Luca und Alberto, zwei junge Meeresungeheuer, die sich in Menschen verwandeln, wenn sie das Meer verlassen. Es ist also die Geschichte einer Freundschaft und einer Entdeckungsreise. Für Luca ist das menschliche Leben absolutes Neuland, er muss es buchstäblich von der Pieke auf erlernen, indem er erst einmal einen Fuß vor den anderen setzt. Richtig in Fahrt kommt der Film dann, wenn die beiden neugierigen Jungs erstmals in das Stranddörfchen Portorosso (offenbar ein Verweis auf Miyazakis Porco rosso") kommen: Um sich den Traum einer eigenen Vespa - für sie Inbegriff von Freiheit und Luxus - zu erfüllen, müssen sie sich mit der temperamentvollen Giulia zusammentun und das jährliche großes Radrennen gewinnen. Weil das Rennen und seine Vorbereitung nicht nur über Land, sondern auch durchs Wasser führt, gibt es wilde Hatzen. Die beiden Helden der Geschichte verwandeln sich dabei immer wieder in ihre ursprüngliche Form zurückv, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen.

Mit jeder Szene wird die Geschichte turbulenter, werden die Verstrickungen komplizierter, und doch verliert Enrico Casarosa nie aus den Augen, worum es ihm geht und was er wirklich erzählen will in diesem Coming-of-Age-Film der völlig anderen Art, an dem zwischen Opernarien und schmissigem italienischen Pop der Ära neben einigen Überraschungen auch existenzielle Entscheidungen anstehen, wie sie auf klassischen Heldenreihen eben getroffen werden müssen. "Luca" ist immer dann am besten, wenn man überzeugt ist, dass der Film aus der Kurve getragen wird. Man muss indes nicht bang sein. "Silenzio, Bruno", sagen sich Luca und Alberto, wenn sie Angst haben, um sich Mut zu machen. Für die Zuschauer ist dieses Stoßgebet nicht nötig. Bei diesem Regisseur, der die ganze Welt umarmt, fühlt man sich immer in besten Händen. Bravo.

Thomas Schultze