Kino

Marktforschung: Kino nach Corona - Teil sechs

Erste Kinos spielen wieder - und am 1. Juli soll es so richtig losgehen. Doch die jüngste Befragung von S&L Research zeigt neben weiterhin stark ausgeprägter Kinosehnsucht: Was tatsächliche Eröffnungstermine und kommende Neustarts anbelangt, gilt es ganz erhebliche Informationslücken zu schließen. Daneben wirft die Studie nicht nur einen Blick auf die meisterwarteten Filme - sondern unter anderem auch auf die Vorstellungen des Publikums bezüglich Sicherheitsvorkehrungen und Ticketpreisen.

14.06.2021 09:45 • von Marc Mensch
Um die Bekanntheit des "bundesweiten Öffnungstermins" stand es zum Zeitpunkt der Befragung nicht sonderlich gut (Bild: S&L Research)

Zum nunmehr sechsten Mal seit Beginn der Corona-Krise hat S&L Research die Stimmung der Kinogänger mittels einer aktuellen Online-Umfrage eingefangen. Dabei zeigt sich unter dem Strich, dass die kontinuierlich fallenden Inzidenzwerte und der nunmehr "gelernte" Umgang mit der Pandemie auch bei den Kinogängern für mehr Zuversicht sorgen: Deren Sehnsucht nach dem Leinwanderlebnis bewegt sich weiter auf hohem Niveau, so gaben 71 Prozent an, dass Kino sehr zu vermissen (Skalenwert 1 oder 2 auf einer 5er Skala). Zwar lag dieser Wert im März noch bei 75 Prozent - allerdings war damals nicht nur das Wetter trübe, stand das Land vor einer dritten Infektionswelle und waren Lockerungen in weite Ferne gerückt. Sondern einige der Befragten müssen das Kino glücklicherweise seit dem letzten Stimmungsbild nicht mehr vermissen, schließlich haben erste Häuser den Spielbetrieb bereits wieder aufgenommen. Dazu gleich mehr, zunächst lässt sich aber auch feststellen, dass es nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es aktuell schon wieder diverse Möglichkeiten gibt, etwas zu unternehmen, tatsächlich als gutes Zeichen zu werten ist, dass dieser Wert nur so leicht nachgab. Zum Vergleich: Im Mai 2020, während des ersten Lockdowns, gaben nur 66 Prozent der Befragten an, das Kino zu vermissen.

Was aber motiviert die Besucher am meisten, wieder das Kino aufzusuchen? Unter den von den Umfrageteilnehmern ohne feste Vorauswahl genannten Aspekten sticht die Atmosphäre/das Feeling bei möglichen Mehrfachangaben mit 32 Prozent hervor, gefolgt von große Leinwand/Bildqualität (30 Prozent), gemeinsame Unternehmung mit Freunden oder Familie (22 Prozent), gute Filme allgemein (21 Prozent), Vorfreude auf kommende Filme (19 Prozent) sowie Snacks/Popcorn/Nachos & Softdrinks (19 Prozent).

Eine positive Tendenz lässt sich dahingehend beachten, was die grundsätzliche Bereitschaft zur Rückkehr ins Kino anbelangt. Denn abgesehen von den vier Prozent der Befragten, die seit dem zweiten Lockdown bereits wieder ein Kino besucht haben (s.o.), stieg der Anteil derjenigen, die "sehr wahrscheinlich" oder wenigstens "wahrscheinlich" vor die Leinwand zurückkehren wollen, von 84 Prozent im März auf 86 Prozent. Noch deutlicher ist die Veränderung bei denjenigen, die sich einen Kinobesuch aktuell "eher nicht" oder sogar "sicher nicht" vorstellen können, denn ihr Anteil sank zwischen März und Anfang Juni von sechs auf gerade noch zwei Prozent. Wenig tut sich jedoch mit Blick auf die voraussichtliche Rückkehrgeschwindigkeit: Sowohl im März wie auch in der aktuellen Befragung gaben 72 Prozent der Befragten an, innerhalb von zwei Monaten ins Kino zurückkehren zu wollen.

Ein besonderes Augenmerk dieser jüngsten Studie kurz vor den bundesweiten Wiedereröffnungen galt diesmal besonders den Genres und den Filmen, die von den Kinogängern zu den Kino-Öffnungen gewünscht werden: Im Vergleich zu den allgemeinen Genrevorlieben zeigt sich, dass der Wunsch nach Effekten und Action auf der Leinwand groß ist: Verstärkt werden demnach Horrorfilme, Action und Science Fiction ins Feld geführt, während Komödien, Dramen und Animationsfilme verhältnismäßig etwas seltener gewünscht werden. Am Ende kommt es aber natürlich auf den jeweiligen Film an - und es ist sicherlich keine Überraschung, dass Keine Zeit zu sterben" bei der Frage nach Filmen, die man jedenfalls im Kino sehen wolle, das Feld mit Nennung durch 41 Prozent der Befragten anführt; dies allerdings tatsächlich nur mit hauchdünnem Vorsprung vor Spider-Man: No Way Home" (40 Prozent). Auf den Plätzen folgten Black Widow" (36 Prozent), The Suicide Squad" (35 Prozent), The King's Man: The Beginning" (35 Prozent) und "Matrix 4" (34 Prozent). Wer es nicht in die Reihung geschafft hat, muss sich übrigens nicht grämen, speziell ab Platz 10 steht das Feld sehr eng zusammen. Bei den Familienfilmen liegen zwei Titel gleichauf, von denen einer schon online verfügbar ist - und bereits schöne Zahlen auch in den Kinos generiert: "Hotel Transsilvanien - Eine Monster Verwandlung" und Raya und der letzte Drache" brachten es beide auf 14 Prozent. Ebenfalls gleichauf, mit jeweils zehn Prozent folgen Die Schule der magischen Tiere" sowie Space Jam: A New Legacy", sowie - erneut ein Patt - mit jeweils neun Prozent Die Croods - Alles auf Anfang" und "Sing - Die Show deines Lebens".

Was sich nun auch sagen lässt: Das Münchner Filmfest eröffnet mit dem meisterwarteten deutschen Film: Kaiserschmarrndrama" setzte sich mit zehn Prozent vor Catweazle" (neun Prozent) durch. "Schachnovelle" und Generation Beziehungsunfähig" folgen mit jeweils acht Prozent. Besonders deutlich fällt die Führung im Arthouse-Segment aus, wo der in den geöffneten Kinos bereits zu sehende Oscar-Gewinner Nomadland" auf 16 Prozent der Nennungen kam, vor dem Trio aus Downton Abbey 2", The Father" und Promising Young Woman" mit jeweils zehn Prozent. Der Gewinner des Auslands-Oscars, Der Rausch" folgt mit neun Prozent auf dem Fuß. Dass sich bei solchen Fragen die bekannten Franchise-Titel an die Spitze setzen, hat auch viel mit der Bekanntheit der Marke zu tun. Ganz sicher werden im Laufe des Jahres noch einige weitere Filme, insbesondere originäre Titel, eine große Anziehungskraft entwickeln, wenn sie erst einmal bekannter sind.

Ein klarer Arbeitsauftrag an die Branche: Im Vergleich zur Befragung im März hat sich der Informationsstand darüber, welche Filme in den kommenden Monaten in den Kinos starten, nicht verbessert - und das wenige Wochen vor dem bundesweiten Comeback! Gerade einmal neun Prozent der Kinogänger gaben an, dass sie recht genau wissen, welche Filme anlaufen - damit blieb dieser Wert unverändert. 20 Prozent gaben zumindest an, eine "ungefähre Vorstellung" davon zu haben, welche Titel sie demnächst auf der Leinwand erwarten, das markiert allerdings eine positive Veränderung um gerade einmal einen Prozentpunkt. Tatsächlich nahm der Anteil jener, die angaben, von "einigen wenigen Titeln zu wissen", gegenüber März von 43 auf 39 Prozent ab, während jener der Befragten, die nach eigenem Bekunden momentan "keine Vorstellung" davon haben, welche Filme in die Kinos kommen, von 29 auf ganze 32 Prozent stieg. Um das noch einmal explizit auszusprechen: Rund ein Drittel der Kinogänger (also nicht der Kinoabstinenten) weiß nicht, welches Programm sie erwartet.

Hier liegt also noch erhebliche Arbeit vor der Branche, bevor es in wenigen Wochen wieder so richtig losgehen kann - zumal auch der vom Großteil der KInobetreiber (und insbesondere den Verbänden) zum bundesweiten Öffnungstermin erklärte 1. Juli zuletzt noch nicht in der Breite bekannt war, auch wenn sich daran dank mittlerweile in größerem Umfang aufgenommener Social-Media-Aktivitäten zwischen der Durchführung der Befragung und der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse schon etwas zum Positiven verändert haben sollte. Zu bilanzierender Sachstand jedenfalls ist: Nur 17 Prozent der Teilnehmer konnten das Datum 1. Juli 2021 nennen. Immerhin zwölf Prozent der Befragten kannten bereits ein Kino, das den Spielbetrieb schon im Mai oder Anfang Juni aufgenommen hatte. Die entsprechende Information erreichte sie über soziale Netzwerke (18 Prozent), allgemein über das Internet (17 Prozent), die offizielle Website des Kinos (elf Prozent), über Freunde/Verwandte/Bekannte, über E-Mail-Newsletter sowie auch über (Regional-)Zeitungen (jeweils zehn Prozent).

Eine deutlich entspanntere Haltung zeigen die Befragten mittlerweile hinsichtlich der notwendigen Sicherheitsvorkehrungen in den Lichtspielhäusern: Die häufigste spontane Nennung entfiel mit 28 Prozent auf Abstand zu anderen Personen/Abstand allgemein - im März lag dieser Wert noch bei 36 Prozent. Der Wert für Mund- und Nasenschutzpflicht allgemein liegt aktuell bei 22 Prozent und damit gleichauf mit dem Ergebnis aus März. Auf Rang drei findet sich die Nennung "Abstand zwischen den Sitzplätzen von nicht zusammen gebuchten Tickets" mit 21 Prozent - hier zeigte sich im März noch ein Ergebnis von 29 Prozent. 20 Prozent der Befragten fordern nunmehr jedoch einen tagesaktuellen negativen Schnelltest - im März lag der Wert nur bei sechs Prozent. Eine Veränderung, die womöglich auch Ausdruck einer mittlerweile vielfach geübten Praxis ist. Noch einmal nachgehakt im Hinblick auf die Akzeptanz eines Mund- und Nasenschutzes im Kinosaal zeigt sich ebenfalls ein abnehmender Trend: 49 Prozent gaben an, eher auf das Kino verzichten zu wollen, sollten sie einen solchen während des Films tragen müssen (44 Prozent im März). 40 Prozent hingegen würden eine solche Maßnahme akzeptabel finden (44 Prozent im März) und immer noch elf Prozent würden nach derzeitigem Stand sogar auf ihren Kinobesuch verzichten wollen, sollte das Tragen einer Maske im Saal nicht vorgeschrieben sein; Ende des ersten Quartals hatte dieser Wert noch bei 13 Prozent gelegen.

Die entspanntere Haltung geht indes mit einem sehr breiten Konsens der Kinogänger einher, wenn es um die sogenannten drei G's (geimpft, getestet, genesen) geht: 70 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich deutlich sicherer fühlen würden, wenn sämtliche Kinobesucher einen entsprechenden Nachweis erbringen müssten. 69 Prozent wären bereit, einen tagesaktuellen Schnelltest vorzuweisen, sollte es nötig sein - die Akzeptanz einer solchen Zugangsvoraussetzung ist also deutlich gestiegen, denn im März lag dieser Wert nur bei 54 Prozent. Konsequenter Weise sank im Vergleichszeitraum der Anteil jener, die die Pflicht zur Vorlage eines Negativtests zum Anlass nehmen wollten, dem Kino vorerst fern zu bleiben - von 32 auf 26 Prozent. Wichtig wäre der Mehrheit der Kinogänger (64 Prozent), dass ein Schnelltest auch in der Nähe des Kinos durchgeführt werden könnte.

Noch einmal zurück zur Sehnsucht, Filme auf der großen Leinwand zu sehen: Deren anhaltend hohe Ausprägung drückt sich auch in den 48 Prozent der Befragten aus, die es "kaum erwarten" können, dass die Kinos wieder aufmachen. Gegenüber den 49 Prozent aus dem März ein stabiles Resultat, zumal wenn man die eingangs skizzierten Umstände berücksichtigt, vor allem die Tatsache, dass erste Kinos wieder spielen. Immerhin 58 Prozent der Befragten würden für den passenden Film auch bei gutem Wetter das Kino einer Aktivität im Freien vorziehen. 54 Prozent der Befragten erwarten deutlich mehr interessante Filme im Kino als vor einem Jahr - und so gehen ganze 34 Prozent der Befragten - aufgrund des guten Filmangebots - davon aus, dass sie 2021 häufiger ins Kino gehen werden. Ein Wert, der vielleicht noch höher liegen könnte, wenn das Wissen um die Starts breiter gestreut wäre? (s.o.) Aktuell erwarten 37 Prozent keine Veränderung ihrer Kinobesuchshäufigkeit, 40 Prozent wollen aber grundsätzlich erst einmal abwarten wie sich die Situation entwickelt, bevor sie tatsächlich wieder ins Kino gehen.

Eine ganz wesentliche Erkenntnis: Lediglich 22 Prozent der Befragten gaben an, zur Wiedereröffnung Rabatte oder Sonderangebote zu erwarten. Demgegenüber stehen 35 Prozent, die grundsätzlich sogar bereit wären, einen etwas höheren Ticketpreis zu bezahlen, um die Kinos auf diese Weise zu unterstützen.

Auch bei der mittlerweile sechsten Befragung ihrer Art wurde dem Thema Streaming ein eigener Themenblock gewidmet. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es bei vielen Werten keine signifikante Änderung gab - wobei die Verbreitung der größten Plattformen unter den Befragten sogar leicht zurückgegangen ist. Zuletzt gaben 65 Prozent von ihnen an, ein Netflix-Abo zu haben; im März waren es noch 69 Prozent. Bei Amazon Prime sank der Wert von 68 auf 63 Prozent und für Disney+ ging das Ergebnis von 45 auf 41 Prozent zurück. Leicht gestiegen (von 14 auf 16 Prozent) ist unterdessen aber der Anteil jener, die davon ausgehen, das Kino künftig seltener aufzusuchen, weil sie sich während des langen Lockdowns an die Möglichkeit gewöhnt haben, Filme zu streamen. Allerdings waren zuletzt nur fünf Prozent (März: sechs Prozent) der Inhaber eines Streaming-Abos der Meinung, dass sie in den vergangenen Wochen so viele Filme online gesehen haben, dass ihnen die Lust auf Kino vorerst vergangen ist. Während übrigens mittlerweile 15 Prozent der Kinogänger (13 Prozent im März) angaben, gezielt einen neuen Streamingdienst abonniert zu haben, um einen Film zu schauen, der eigentlich im Kino laufen sollte, erklärten nur acht Prozent, seit Beginn der Pandemie wenigstens einen Film online für mehr als 14 Euro abgerufen zu haben, den sie ansonsten im Kino gesehen hätten. Mit 58 Prozent weiterhin hoch ist der Anteil der Befragten, die bereit wären, für einen Film ein Kinoticket zu lösen, der schon während des Lockdowns online verfügbar gemacht wurde. Am häufigsten genannt wurden hierbei der am 17. Juni startende Wonder Woman 1984" (acht Prozent der Nennungen), der bereits erfolgreich auf der Leinwand eingesetzte "Raya und der letzte Drache" (sechs Prozent) sowie Cruella", Soul" und "Mulan" mit jeweils fünf Prozent, wobei die beiden letztgenannten Titel den Weg auf die Leinwände aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr finden werden - es sei denn, die Resultate insbesondere von "Raya" bewegen Disney zum Umdenken...

Zum Abschluss wurden die Befragten noch gebeten, den Zeitpunkt anzugeben, ab wann ihrer Meinung nach das Leben wieder relativ normal - sprich: wie vor der Pandemie gewohnt - wird verlaufen können. Nur ein gutes Viertel von ihnen rechnet mit einer Rückkehr zur Normalität noch in diesem Jahr. 42 Prozent gehen davon aus, dass dies spätestens im Sommer des Jahres 2022 der Fall sein wird, nach Einschätzung von zehn Prozent wird es noch länger dauern. Und ganze 21 Prozent glauben, dass unser Leben nie wieder (ganz) so sein wird, wie man es vorher gewohnt war...

Autorin: Gaby Hardt-Voss/MM

Zur Methodik:

Die sechste Umfrage zum Studien-Reihe "Kino nach Corona" wurde von S&L Research vom 4. bis 9. Juni über www.moviepanel.de durchgeführt - 838 deutsche Kinogänger ab 16 Jahren nahmen an dieser Umfrage teil, die Zusammensetzung des Samples orientierte sich erneut an der des deutschen Kinopublikums. S&L Research ist der Geschäftsbereich der Weischer Cinema Operations GmbH, der sich seit 2003 mit dem Thema Film- und Kinomarktforschung beschäftigt. Wenn Sie Interesse an weiteren Ergebnissen haben, kontaktieren Sie bitte slresearch@weischer.net.