Produktion

Showrunnerin Dana Fox zu "Home Before Dark": "Unterhaltung kommt zuerst"

Heute startet bei Apple TV+ die zweite Staffel der Familienkrimiserie "Home Before Dark". Im Gespräch verriet Showrunnerin Dana Fox, worauf es ankommt bei ihrer Serie und wie man den richtigen Ton trifft.

11.06.2021 13:53 • von Thomas Schultze
Jim Sturgess und Brooklynn Prince spielen die Hautprollen in Dana Fox' Serie "Home Before Dark" (Bild: Apple)

Heute startet bei Apple TV+ die zweite Staffel der Familienkrimiserie Home Before Dark" mit Brooklynn Prince und Jim Sturgess. Im Gespräch verriet Showrunnerin Dana Fox, worauf es ankommt bei ihrer Serie und wie man den richtigen Ton trifft.

Bevor Sie als Showrunnerin "Home Before Dark" begannen, schrieben Sie das Drehbuch von Cruella". Diese beiden Arbeiten würde man nicht sofort ein und derselben Autorin zuordnen.

DANA FOX: Das kann ich verstehen. Und doch muss ich sagen, dass "Cruella" eine wunderbare Vorbereitung für "Home Before Dark" war. Ich glaube nicht, dass ich mir die Serie zugetraut hätte, wenn ich davor nicht an "Cruella" gesessen wäre. Es stimmt schon, dass die Tonalität eine völlig andere ist. Allerdings eint die beiden Stoffe, dass sie für ein Kinderpublikum ebenso funktionieren müssen wie für Erwachsene. Einerseits darf man nicht zu soft werden in der Erzählung, um das Interesse der Erwachsenen nicht zu verlieren. Andererseits muss man aufpassen, dass es nicht zu hart für Kids wird. Das ist nicht einfach. Aber weil ich zufrieden war, wie wir diesen Drahtseilakt bei "Cruella" geschafft hatten, gab mir das Zuversicht, dass ich bei "Home Before Dark" auch den richtigen Ton treffen könnte. Damit steht und fällt die gesamte Serie: Wir wollen alle vier Quadranten bedienen, ohne dabei allerdings zu glatt und poliert zu wirken.

Bei beiden Stoffen ist es sicherlich einfacher, den falschen Pfad zu begehen als den richtigen Ton zu treffen.

DANA FOX: Uns war das immer klar. Das war auch am schwierigsten. Ich finde es interessant, dass so wenig über Tonalität gesprochen wird. Dabei ist man tot, wenn der Ton nicht stimmt. Der Ton beeinflusst jede einzelne Entscheidung, die man als Autor und später der Regisseur trifft. Es ist nicht ganz einfach, sich darüber zu verständigen, weil jeder eine andere Vorstellung hat, was den Ton und die Stimmung betrifft.

Wie haben Sie Ihre Vision verständlich gemacht?

DANA FOX: Mein wunderbarer Regisseur Jon M Chu und ich gemeinsam mit meiner Autorenpartnerin Dara Resnik und meiner Produzentin Joy Gorman Wettels bereiteten eine erschöpfende Präsentation vor, die genau erklärte, wie wir uns "Home Before Dark" vorstellten, das komplette Paket. Das ist raffiniert, weil auf den ersten Blick nicht ganz klar ist, für wen die Serie sein soll: Ist sie für Erwachsene, ist sie für Kids? Wen wollen wir mit diesem Mix aus Krimi und Familiendrama ansprechen? Wenn man den richtigen Ton trifft, ist sie für all diese Zuschauergruppen. Jon hatte alle Einstellungen bereits aufgelöst, wir hatten Musik mitgebracht, die wir uns für die Serie vorstellten. Wir waren absolut spezifisch. Und es hat sich ausgezahlt. Wir konnten tatsächlich die Show machen, die uns vorgeschwebt war.

Was die Gruselspannung anbetrifft: Gab es Grenzen, die Sie nicht überschreiten durften, um das Kinderpublikum nicht zu verlieren?

DANA FOX: Neunzig Prozent der Zeit im Schneideraum machten wir uns genau darüber Gedanken, nachdem wir uns bereits neunzig Prozent der Zeit bei der Arbeit an den Drehbüchern genau darüber Gedanken gemacht hatten. Die Spannung ist ein wichtiges Element der Show. Wir haben das genau ausbalanciert, lassen Erwachsene in gefährlichen Situationen Dinge entdeckten, die für die Ermittlungen der Kinder wichtig sind. Natürlich wollen wir Nervenkitzel. Genauso wollen wir aber auch niemand traumatisieren. "Home Before Dark" soll unterhalten. Gleichzeitig sind Kinder robuster und abgebrühter, als man glauben möchte. Sehen Sie sich die Märchen der Gebrüder Grimm an, sehen Sie sich die frühen Zeichentrickfilme von Disney an. Das ist intensiver, düsterer, unheimlicher Stoff. Er erfüllt aber auch eine wichtige pädagogische Aufgabe, lässt Kinder ihre Ängste konfrontieren.

Ist die Fernsehlandschaft autorenfreundlicher als das Kino?

DANA FOX: Ich habe im Kino angefangen - und mache auch weiterhin Kino. Ich habe keine auffallend schlechten Erfahrungen gemacht. Zum Fernsehen zog es mich, weil ich aktiver in den Schaffensprozess eingebunden sein wollte. Ich schreibe nicht, weil Schreiben meine Erfüllung ist. Ich schreibe, weil ich gerne Dinge erschaffe. Keiner geht ins Kino, weil er sich einen toll geschriebenen Film erhofft. Man geht wegen der Idee, des Konzepts, der Stars, der Aussicht auf Spektakel und Unterhaltung. Im Fernsehen wollen die Menschen gut erzählte Geschichten sehen. Da kommt es aufs Gefühl an, das man bedient sehen will. Da spielt der Autor automatisch eine wichtigere Rolle.

Muss man als Autor einer Fernsehserie anders denken? Wie weit plant man voraus?

DANA FOX: Unsere Serie basiert auf dem Blog der neunjährigen Hilde Lyisak. In der Serie heißt sie zwar "Lisko", weil wir uns natürlich auf Freiheiten beim Erzählen der Geschichte herausnehmen wollten. Und doch geht es ganz stark um die echte Hilde. Fasziniert hat mich allerdings weniger ihre Arbeit als Journalistin als ihre sehr ungewöhnliche Beziehung zu ihrem Vater. Das steht im Mittelpunkt der ersten Staffel. Uns war klar, dass wir in der zweiten Staffel einen anderen Fokus setzen würden müssen. Jetzt geht es stärker um die Gemeinde, die anderen Figuren nehmen jetzt mehr Raum ein. Das geht natürlich auch deshalb, weil wir die Welt von Hilde in Staffel eins etabliert haben, jetzt sehen wir uns etwas intensiver darin um. Für mich geht es auch darum, eine Geschichte über Mädchen zu erzählen, die sich durchsetzen, die dem gesellschaftlichen Druck standhalten und sie selbst bleiben.

Und erteilen gleichzeitig eine Lektion in Zivilcourage und Anstand.

DANA FOX: Das war mir wichtig. Die Unterhaltung kommt zuerst. Niemand will eine Show mit erhobenem Zeigefinger sehen. Ich auch nicht. Aber ich will gerade den jungen Zuschauern vermitteln, wie entscheidend für eine funktionierende Gesellschaft die Wahrheit ist, eine unabhängige Presse, Respekt vor den Mitmenschen. Ich realisiere mit Bestürzung, dass all dem nicht mehr die nötige Bedeutung beigemessen wird. Vielleicht kann ich mit "Home Before Dark" ein bisschen dazu beitragen, dass diese Dinge wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt werden.

Ideen für weitere Staffeln haben Sie genug?

DANA FOX: Jede Menge. Wenn es nach mir ginge, würden wir noch lange mitverfolgen, wie sich unsere Hauptdarstellerin Brooklynn Prince weiterentwickelt. Sie ist der Wahnsinn. Und ich will dabei sein, wie sie die Welt erobert.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.