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Rafael Casal: "Poet zu sein, ist mein Fundament"

Showrunner Rafael Casal ist für die Starzplay-Serie "Blindspotting" nochmal zurück zu seinem gleichnamigen Film-Durchbruch gegangen. Nur erzählt er dieses Mal die Bay Area in Oakland mit Poesie und Musical-Momenten aus weiblicher Perspektive.

11.06.2021 09:38 • von Michael Müller
"Blindspotting"-Showrunner Rafael Casal (l.) und seine Serie (Bild: Starz, Shivani Jaipershad)

Showrunner Rafael Casal ist für die Starzplay-Serie "Blindspotting", die am 13. Juni startet, nochmal zurück zu seinem gleichnamigen Film-Durchbruch gegangen. Nur erzählt er dieses Mal die Bay Area in Oakland mit Poesie und Musical-Momenten aus weiblicher Perspektive.

Wie geht es Ihnen im Moment, bevor Ihre Serie "Blindspotting" das Licht der Welt erblickt? Die Weltpremiere ist auf dem Tribeca Festival und am 13. Juni gibt es den weltweiten Start auf Starz und Starzplay.

RAFAEL CASAL: Mir geht es gut. Ich bin ein bisschen müde, weil wir noch daran arbeiten, die Serie fertigzustellen. Nach dem Interview mache ich mich an die Abmischung, schaue mir das Color Grading und die Effekte an. Wir sind Ende Mai noch mitten im Prozess, die Serie zu einem guten Abschluss zu bringen. Die ersten sechs von insgesamt acht Episoden sind abgeschlossen.

Es ist eine spannende Evolution Ihrer Karriere, dass Sie jetzt eine Serie zu dem gleichnamigen Film machen, mit dem Sie als Drehbuchschreiber und Hauptdarsteller im Jahr 2018 Ihren Durchbruch in Sundance feierten. Warum wollten Sie diese Welt in Oakland nochmal neu erzählen?

RAFAEL CASAL: Ich weiß gar nicht, ob wir ursprünglich vorhatten, nochmal in diese Welt erzählerisch zurückzugehen, weil wir eigentlich über ein anderes Projekt nachdachten. Dann wurden aber mir und meinem Showrunner-Kollegen Daveed Diggs, mit dem ich schon den Film "Blindspotting" schrieb, die Möglichkeit angeboten, eine Serie darüber zu machen. Wir sagten: Gut, aber wir wollen die Serie nur erzählen, wenn wir den Fokus von den beiden männlichen Hauptfiguren des Films auf die von Jasmine Cephas Jones' gespielte Figur Ashley legen können. In der Serie gerät Ashley in eine Lebenskrise, als deren Mann Miles, den ich im Film und in der Serie spiele, ins Gefängnis kommt, und sie bei ihrer Schwiegermutter und Halbschwester in Oakland einziehen muss. Eine komplett frische Geschichte zu erzählen, fanden wir als Idee aufregend und neu. Dann, so dachten wir, würde es auch Spaß machen, diese Welt wieder zu erkunden.

Wie kam das beim Fernsehsender Starz an, der die Serie produzieren ließ?

RAFAEL CASAL: Die Auftraggeber waren begeistert von der Idee, dass Jasmine Cephas Jones die Hauptdarstellerin der Serie wird und wir die Geschichte ihrer Freunde und der Gemeinschaft um sie herum erzählen. Wir verliebten uns in den Gedanken, schrieben das Drehbuch und freuten uns darüber, dass die Serie uns etwas erlaubte, wofür kein Platz im Film war, weil das Budget damals sehr klein war. Das Budget der Serie ist jetzt deutlich größer.

Wenn man sich die damaligen Kritiken zum Film "Blindspotting" in Sundance durchliest, findet man sehr viel Lob, aber zum Beispiel auch den vorgebrachten Kritikpunkt, dass die Frauenfiguren im Verhältnis zum Hauptdarsteller-Duo etwas unterentwickelt sind. Die Serie wirkt jetzt fast wie eine direkte Reaktion auf diesen Aspekt.

RAFAEL CASAL: Ich erinnere mich vor allem immer an Kritiken, wenn die Kritiker darin etwas gesehen haben, was mir auch an meinem Werk aufgefallen ist oder wenn sie etwas über die Arbeit aufzeigen, was ich bislang noch nicht gesehen habe. Wir schrieben den Film "Blindspotting", als wir sehr jung waren. Also schrieben wir über etwas, was wir am eigenen Leib erfahren hatten. Deswegen wurde es ein Buddy-Film. Umso länger wir daran arbeiteten, umso mehr Charaktere kamen hinzu wie zum Beispiel auch die Figur Ashley. Als wir den Film dann fertig hatten, sagten wir uns: Wir werden wohl nie wieder ein Werk machen, dass so sehr auf unsere persönlichen Erfahrungen zentriert sein wird. Wir mussten auch mehrere Szenen mit Ashley für den Dreh rausnehmen, da wir verhältnismäßig wenige Drehtage hatten. Als wir dann die Pressetour machten und gefragt wurden, was wir gerne im Nachhinein anders gemacht hätten, sagten wir immer, dass wir gerne noch mehr Zeit mit den Frauenfiguren verbracht hätten.

Wie entstanden die Drehbücher zur Serie "Blindspotting"?

RAFAEL CASAL: Wir hatten einen Writers' Room, bei dem neben mir und Daveed Diggs vier weitere Autorinnen und Autoren mit dabei waren, mit denen wir herausarbeiteten, was in jeder der acht Episoden vorkommen soll. Das war aufregend, weil wir Drehbuchautoren in den Writer's Room brachten, die wir kannten und sehr schätzten. Wenn man in solch einer Gruppe zusammenarbeitet, will man vor allem eins erreichen: Details. Genauso wie wir von der Bay Area in Oakland detailbesessen waren, die vor allem nur die Menschen kennen, die dort lange Zeit gelebt haben, ist es deshalb auch für Menschen, die dort nie gelebt haben, spürbar, wie genau und spezifisch dieses Milieu beschrieben ist. Das gilt auch für unsere Figuren in der Serie. Wir brauchten sehr genaue Details, welche die Leben der Charaktere perfekt widerspiegelten. Das haben Daveed Diggs und ich auch sehr geschätzt, Menschen im Writer's Room zu haben, die detaillierte Informationen und spezifische Fähigkeiten für unsere Protagonistinnen mitbrachten.

Was war die größte Herausforderung bei der Produktion der Serie?

RAFAEL CASAL: Covid-19. Auf der Produzentenseite kenne ich jetzt noch kein anderes Szenario, als eine Serie mitten in einer Pandemie zu machen. Wir begannen die Dreharbeiten im vergangenen November. Da war die Pandemie in Los Angeles auf ihrem Höhepunkt angekommen. Alle Produktionen um uns herum wurden geschlossen. Wie ein Wunder wurde bei uns der Dreh aber nicht abgebrochen. Das war das Schwierigste, was ich bislang in meinem Leben durchgemacht habe. Die dauerhafte Angst, dass sich jemand infizieren könnte und krank wird. Jemand niest am Set und alle flippen aus. Mit Gesicht-Schildern und Masken zu arbeiten - die Menschlichkeit ist dadurch so limitiert. Aber unser Team war unglaublich, weil sie das Projekt so liebten und sich um einander kümmerten. Aber das Gefühl, dass jemand dauerhaft Schaden davon tragen könnte, war angsteinflößend für uns alle. Wir waren einfach dankbar, dass wir unsere Arbeit abschließen und eine Geschichte erzählen konnten, auf die wir sehr stolz sind. Und es hoffentlich auf diese Art nie wieder tun müssen.

Wie haben Se es geschafft, dass Helen Hunt Ihre TV-Mutter in der Serie spielt?

RAFAEL CASAL: Helen Hunt liebte unseren Film "Blindspotting". Sie schrieb darüber auf Twitter. Als sie das tat, habe ich mich bei ihr gemeldet. Wir aßen zusammen Mittag, ich erzählte ihr, was ich für ein großer Fan ihrer Arbeit bin. Wir freundeten uns an und wurde über ein anderes Projekt auch Writing Buddies. Wir hingen zusammen in einem Café ab, jeder schrieb an seinem Drehbuch, und wir tauschten Ideen miteinander aus. Als wir dann an der Serie "Blindspotting" arbeiteten, dachten Daveed Diggs und ich schon, wie toll es wäre, wenn Helen Hunt die Rolle spielen würde. Gleichzeitig hatten wir wenig Hoffnung, dass sie in einer halbstündigen Sitcom von Indie-Newbies mitspielen will. Aber sie las das Drehbuch, gab uns viele Anmerkungen und sagte letztlich, dass sie jetzt wisse, wie sie diese Rolle im Sinne der Geschichte anlegen könne. Sie hat der Serie nochmal einen großen Push gegeben.

In der Serie wird häufiger die vierte Wand zu den Zuschauerinnen und Zuschauern durchbrochen, wenn Figuren direkt in die Kamera sprechen. Was wollten Sie damit erreichen?

RAFAEL CASAL: Daveed Diggs und ich sind Poeten und Rapper. Das ist immer ein entscheidender Anteil unseres kreativen Prozesses. Uns gefiel die Idee, dass eine eher zurückhaltende Figur wie Ashley, die von extrovertierten Menschen umgeben ist, auf diese Weise eine intensive Beziehung mit dem Publikum haben kann. Sie kann mit den gereimten Zeilen Richtung Kamera sehr komplizierte Emotionen in kurzer Zeit vermitteln. Das Tolle an Gedichten als Medium ist, dass sie im besten Falle mehrfach gehört werden müssen. Die Zuschauer können zurückgehen und die Szenen nochmal schauen, nachdem sie bereits erfahren haben, was in der Geschichte passiert. So entdecken sie auch dort noch mehr Details. Deswegen veröffentlichen wir diese Zeilen auch als geschriebene Texte, damit das Publikum noch tiefer in die "Blindspotting"-Welt eintauchen kann.

Es gibt tolle, Musical-artige Sequenzen in der Serie, welche die Emotionen der Protagonistinnen unterstreichen. Haben Sie da beim Schreiben an spezielle Vorbilder gedacht?

RAFAEL CASAL: Ich weiß nicht, ob wir an spezifische Musicals gedacht haben, als wir die Drehbücher schrieben. Aber ja, ich liebe Musicals. Ich bin ein großer Fan von "Nightmare Before Christmas" und "Little Shop of Horrors". Ich mag - Überraschung, Überraschung - verspielte Musicals, die einen magischen Realismus besitzen. Aber es sind zu viele Einflüsse, als dass ich sie alle nennen könnte.

Als was bezeichnen Sie sich eigentlich selbst? Sie sind Showrunner und einer der Schauspieler der Serie. Sie machen Musik und schreiben Gedichte. Sind Sie alles gleichzeitig?

RAFAEL CASAL: Diese Frage zu beantworten, war mir noch nie möglich. Deswegen wechsle ich auch regelmäßig das Medium und versuche alles ein bisschen zu machen. Nicht immer gleichzeitig. Da habe ich so meine Schwierigkeiten, immer ganz fokussiert zu bleiben. Das Fundament meines Seins ist es auf jeden Fall, ein Poet zu sein, der sich wie ein Autor mit seinem Publikum verbinden will. Dieser Muskel spielt in alle anderen Aspekte meiner Arbeit mit rein - sei es die Musik oder das Produzieren einer Serie oder das Stehen vor der Kamera. Es geht mir um die Suche nach einer Form von Wahrheit, die ich so anderen Menschen auf verschiedene Weisen vermitteln kann.

Das Interview führte Michael Müller