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KOMMENTAR: Was erlaube Frémaux!

Vor einiger Zeit merkte Michael Bully Herbig in einem Interview in dieser Publikation an, er verstünde die Debatte um "U" und "E" nicht: "U" stünde doch für "Unterhaltung" und "E" fürf "Entertainment".

10.06.2021 07:34 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Vor einiger Zeit merkte Michael Bully Herbig in einem Interview in dieser Publikation an, er verstünde die Debatte um "U" und "E" nicht: "U" stünde doch für "Unterhaltung" und "E" fürf "Entertainment". Lautes Wehklagen ist zu hören in diesen Tagen, weil Thierry Frémaux es gewagt hat, die heilige Bastion der Filmkunst in Cannes zu beschmutzen, indem er nunmehr bekanntgab, der "planetäre Blockbuster", den er vor kurzem in "Variety" für die 74. Ausgabe des größten A-Festivals der Welt angekündigt hatte, sei ausgerechnet - man wagt es fast nicht auszusprechen - Fast & Furious 9". Nicht Dune" (hallo Venedig), nicht Top Gun: Maverick", nicht "West Side Story". Nein. "Fast & Furious 9".

Vin Diesel. Autos. Vroom-vroom. Missachtung aller Gesetze der Schwerkraft. "FAST & FURIOUS 9". Nicht "E", nicht "U", sondern für alle, die an die hehre Kraft der Filmkunst glauben, ein eindeutiges "Iiiiih!!!!". Um mit den Worten des ewigen Giovanni Trapattoni zu sprechen: Was erlaube Frémaux? Zugegeben, man stutzt kurz, wenn man erstmals das Plakat sieht mit dem muskelbepackten Vin Diesel vor dem dichten Rauch einer Explosion, mit "F9" groß rechts unten und ganz oben dann "Official Selection - Festival de Cannes".

Aber dann muss man insgeheim zugeben: Genialer Schachzug des Mannes, der zu Beginn des neuen Jahrtausends Zug um Zug damit begann, das Festival de Cannes vom Alte-Männer-Kunstbetrieb-Mief von Gilles Jacob zu befreien, einmal auskehrte, durchlüftete, Sonne reinließ, Animationsfilme und Dokumentarfilme im Wettbewerb zuließ, immer allen Strömungen des Weltkinos entsprechend, später dann auch als Erster versuchte, die Streamer mit einzubeziehen (und am Aufsichtsrat scheiterte), der bis jetzt nicht ruht, Brücken zu bauen und alle Aspekte der Filmkunst zuzulassen. Nun in diesem Jahr in Cannes sogar eine globale Marke wie "Fast & Furious" einzuladen, Anfang Juli am Strand in einer großen Party auch den Touristen im Städtchen zu zeigen und sie teilhaben zu lassen an dem, was so sehr eine Sause sein soll, wie es in Zeiten wie diesen und unter Berücksichtigung aller Sicherheits- und Hygieneregeln möglich ist, ist ein kleiner Geniestreich. Unterm Strich ist diese gesamte Ausgabe des Festival de Cannes konzipiert, das Größte und Beste, was der Kinofilm anno 2021 zu bieten hat, so öffentlichkeitswirksam wie möglich der Welt zu präsentieren. Das kann Kino!

Ruft Frémaux in die Welt hinaus, natürlich nicht ganz frei von Selbstzweck, aber geschenkt: Die Geste zählt. Es kommt darauf an, den Menschen zu zeigen, dass Kino lebt, dass es atmet, sich in alle Richtungen bewegt. Dass es "E" sein kann, dass es "U" sein kann. Und manchmal auch "Iiiiih!" sein darf. Die Sommer-Berlinale läuft, das Programm des Filmfest München steht, Cannes zeigt Flagge, die Kinos machen wieder auf. Jetzt und in den nächsten Wochen. Endlich.

Thomas Schultze, Chefredakteur