Produktion

Bären-Gewinnerin Maria Speth: "Auf Unvorhersehbares reagieren"

Maria Speth wurde bei der Berlinale mit dem Preis der Jury für ihren Dokumentarfilm "Herr Bachmann und seine Klasse" ausgezeichnet. Er feiert heute Premiere. Wir sprachen mit der Filmemacherin über die lange Genese des Projekts und die Herausforderung, im Klassenzimmer zu drehen und 200 Stunden Material zu schneiden.

17.06.2021 07:50 • von Heike Angermaier
Maria Speth (Bild: Wolfgang Borrs)

Maria Speth wurde bei der Berlinale mit dem Preis der Jury für ihren Dokumentarfilm Herr Bachmann und seine Klasse" ausgezeichnet. Er feiert heute Premiere. Wir sprachen mit der Filmemacherin über die lange Genese des Projekts und die Herausforderung, im Klassenzimmer zu drehen und 200 Stunden Material zu schneiden. Grandfilm plant den Start am 16. September.

Mit welcher Vorstellung sind Sie an "Herr Bachmann und seine Klasse" herangegangen?

MARIA SPETH: Der Impuls für den Film kam von Dieter Bachmann, wir kennen uns schon seit langer Zeit. Er ist ein Freund meines Kameramanns Reinhold Vorschneider. Dieter hat mir irgendwann von dieser kleinen Industriestadt mit ihrer besonderen Geschichte und von der Schule, an der er arbeitet, erzählt. Daraufhin habe ich angefangen zu recherchieren und mich auf den Weg dorthin gemacht. Aus der Ferne erscheint die Stadt als riesiges Fabrikareal, umgeben von Wohnblocks auf der einen und einem alten Fachwerkdorf auf der anderen Seite. Im Dokumentations- und Informationszentrum der Stadt erfährt man, dass Allendorf bis 1938 ein kleines Bauerndorf war bis das NS-Regime dort die größte Sprengstoffproduktionsanlage Europas errichtete. Bei Kriegsende waren hier fast 17.000 Fremdarbeiter eingesetzt. Zwangsarbeiter*innen, Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge. Heute liegt der Migrationsanteil der Bevölkerung bei 70 Prozent. Stadtallendorf wurde so zum ersten Protagonisten des Films. Und dann war die Frage, wie man Gegenwart und Vergangenheit dieser Stadt, mit ihrer Verankerung in der deutschen Geschichte, filmisch ineinanderfügen kann. Die Schule schien mir dafür der geeignete Ort zu sein. Der alltägliche Schulbetrieb der beiden sechsten Klassen sollte im Zentrum stehen, das verengte sich dann im Laufe der Dreharbeiten immer mehr auf Dieter Bachmanns Klasse und seine Art zu unterrichten.

Wie sah die Zusammenarbeit mit Kameramann Reinhold Vorschneider aus, der auch Koautor ist?

MARIA SPETH: Dem Drehprozess ging eine sehr lange Recherchephase vor aus. Und anfänglich gab es die Idee, mit 15-Jährigen der Georg-Büchner Schule ein Theaterstück zu erarbeiten, in dem es um ihre erste Liebe gehen sollte. Dafür habe ich gemeinsam mit Reinhold Vorschneider das Drehbuch geschrieben, das von der FFA gefördert wurde. Dieser erste Ansatz war aber leider nicht zu realisieren. Das heißt, dass wir schon sehr früh gemeinsam an dem Projekt gearbeitet haben. Aber auch Dieter Bachmann und seine Klasse waren bereits damals Teil des Projekts.

Wieviel vom Buch entstand beim Dreh, wie viel davor und danach?

MARIA SPETH: Die Entscheidung beobachtend zu drehen und auf Interviews zu verzichten, führte logischerweise dazu, dass wir auf Unvorhersehbares reagieren mussten. Man ist gezwungen wach und aufmerksam für den Augenblick zu sein. Man weiß nicht was passiert oder wohin sich ein Moment entwickeln oder wie eine Geschichte ausgehen wird. Im besten Fall wird man beschenkt.

Am Ende hatten wir über 200 Stunden Material gedreht. Die erste grobe Schnittfassung war mehr als 20 Stunden lang. Das war eine Riesenherausforderung: mit diesen vielen Stunden und diesen vielen Protagonisten umzugehen, all das zu organisieren, um daraus einen Film zu machen. Der Schnittprozess hat dann etwa drei Jahre gedauert. Der Film ist also sehr stark auch in der Montage entstanden. Mehr als dies vielleicht durchschnittlich der Fall ist.

Ihre jungen Protagonisten wirken unglaublich natürlich. Wie lange hat es gedauert, bis Sie und die Kamera nicht mehr als Ablenkung von ihnen wahrgenommen wurden? Wie ist Ihnen das gelungen?

MARIA SPETH: Vertrauen war die Grundbedingung. Und Zeit. Da ich bereits in der Recherchephase viel Zeit an der Schule und in der Klasse verbracht habe, gab es ausreichend Gelegenheit sich kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen. Aber natürlich haben wir uns im Vorfeld auch die Frage gestellt, wie die Kinder damit umgehen werden, wenn sie ständig von Kameras und einem Filmteam umgeben sind, ob das funktionieren wird. Das klappte aber erstaunlich gut; die Kinder haben uns sehr schnell in ihren alltäglichen Schulbetrieb integriert und am Ende waren wir Teil dieser Klassengemeinschaft.

Es ist wichtig, dass man eine Atmosphäre schafft, in der jede und jeder das Gefühl hat, sich zeigen zu können. Wir haben neben den Dreharbeiten vieles gemeinsam gemacht, geredet, gegessen, musiziert, Hausaufgaben... Ich wollte den Kindern einen Raum geben und darin deckt sich vielleicht Dieter Bachmanns Bemühen mit meinem. Ich nenne diesen Klassenraum ja auch sein Wohnzimmer. In diesem familiären Klima hat neben Wissensvermittlung und Leistungsanforderungen thematisch und emotional vieles Platz, das am Ende den Schülern vielleicht hilft, Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Außerdem haben wir aufgrund des niedrigen Budgets mit einem sehr kleinen Team gearbeitet, mit zwei Kamera-Units und einem Tonmann. Das war manchmal angesichts der Menge an Menschen in diesem Klassenraum logistisch nicht einfach, sogar frustrierend. Für den Tonmann Oliver Göbel etwa war es eine echte Herausforderung, auf Wortmeldungen zu reagieren, die quer durch den Raum oder gleichzeitig gesprochen wurden. Da half es dann wieder, dass wir die Schüler gut kannten: man konnte erahnen, wer sich zu einem bestimmten Thema zu Wort melden würde.

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung bei der Berlinale?

MARIA SPETH: Es ist wirklich etwas ganz Besonderes. Ich habe mich sehr gefreut. Dokumentarische Arbeiten werden nicht so häufig im Wettbewerb eines A-Festivals gezeigt. Und dann mit einem silbernen Bären ausgezeichnet zu werden, ist einfach großartig! Als Filmemacherin spielt es für mich aber keine Rolle, ob fiktional oder dokumentarisch; es ist immer die gleiche Energie und Leidenschaft, mit der man den Film macht.

Sie sind Regisseurin, Produzentin, Editorin und Autorin. Genießen Sie die kreative Kontrolle oder ist es manchmal auch eine Last, Notwendigkeit?

MARIA SPETH: Es trifft wohl beides zu. Auf Grund des niedrigen Budgets war ich gezwungen in Personalunion in vielen Bereichen zu arbeiten, um den Film überhaupt realisieren zu können. Ich hätte mir vor allem beim Drehen und auch in der Montage Unterstützung gewünscht. Aber das war finanziell einfach nicht möglich, obwohl ich versucht habe nach Abschluss der Dreharbeiten noch weitere finanzielle Mittel aufzutreiben.

Dass ich den Film mit der jetzigen Länge von 217 Minuten überhaupt fertigstellen konnte, verdanke ich u.a. dem Entgegenkommen der Postproduktionsfirma The Post Republic und dem Engagement vieler Mitarbeiter. Ursprünglich war der Film ja auf 100 Minuten kalkuliert.

Bleiben Sie beim Dokumentarfilm oder wollen Sie als nächstes wieder einen Spielfilm angehen?

MARIA SPETH: Ich habe gerade zwei Drehbücher für Spielfilmprojekte in Arbeit. Ich finde die Wechselwirkungen zwischen Fiktion und Realität spannend. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, begebe ich mich meist recherchierend in reale Welten, umgekehrt war es im Schnitt des Bachmann-Films faszinierend, das Material dramaturgisch und also quasi-fiktional zu verdichten.

Die Fragen stellte Heike Angermaier