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PREVIEW STREAMING: "Physical"

Apple TV+ hält Highlights fast im Wochenrhythmus bereit. Am allertollsten ist die zehnteilige Serie "Physical" mit Rose Byrne als neurotische Hausfrau im Südkalifornien des Jahres 1981. Start der von Regisseur Craig Gillespie etablierten Show von Annie Weisman ist der 18. Juni. Lesen Sie hier unsere Besprechung.

07.06.2021 15:00 • von Thomas Schultze
California Dreaming - oder doch ein Albtraum: Rose Byrne in "Physical" (Bild: Apple)

Apple TV+ hält Highlights fast im Wochenrhythmus bereit. Am allertollsten ist die zehnteilige Serie "Physical" mit Rose Byrne als neurotische Hausfrau im Südkalifornien des Jahres 1981. Start der von Regisseur Craig Gillespie etablierten Show von Annie Weisman ist der 18. Juni.

Sagt man Rose Byrne, meint man Comedy: Seit Männertrip" und Brautalarm" und in der Folge in Hits wie Bad Neighbors" und dessen Fortsetzung oder "Spy: Susan Cooper Undercover" und den Peter Hase"-Filmen hat sich die Australierin, die zu Beginn ihrer Karriere aufgefallen war mit dramatischen Rollen wie in Wolfgang Petersens Troja", fest etabliert im Hollywood-Komödienkosmos. Sie ist eine zuverlässige Größe als gertenschlanke Schöne mit einem Händchen für das entweder Mondäne oder Neurotische, entweder Typ Kumpel zum Pferdestehlen oder Vamp mit Blicken wie Dolchstichen. All ihre Vorzüge kommen zum Tragen in der ersten Serien-Hauptrolle der 41-Jährigen: Als Sheila Rubin ist sowohl ihr präzises komisches Timing gefragt wie auch ihr Talent für charakterliche Untiefen. Die für Apple TV+ produzierte Show der einstigen Desperate Housewives"-Showrunnerin Annie Weisman richtet ihren Fokus zwar auch auf eine "verzweifelte Hausfrau", aber ist auch maßgeschneidert für Byrne.

Als jüdische Beauty ist sie wie gemacht für das sonnendurchflutete Südkalifornien des Jahres 1981, das sich noch nicht recht anfühlen will wie ein Klischee der Achtzigerjahre, sondern mehr wie der ausgedehnte Hangover nach den hedonistischen Siebzigern - es ist California Dreaming mit Kopfweh, der Kater nach der endlosen Party, der einem signalisiert, dass die Freiheit unter den Wolken des Himmels von San Diego doch nicht grenzenlos ist. Auch wenn alles irgendwie total geil aussieht, die Architektur, die Autos, die Mode, als wären die Alben der Eagles und Carly Simon zu Leben erweckt. Entsprechend ist die tonale Referenz hier nicht andere Serien, die die Eighties als Kulisse nützen wie Glow", sondern eher I, Tonya", der hintergründige, vor Sarkasmus triefende Film von Cruella"-Macher Craig Gillespie über die White-Trash-Eisläuferin Tonya Harding. Nicht von ungefähr ist Gillespie auch in den ersten Folgen von "Physical" verantwortlich für das Etablieren von Look und Feel der Serie. Nicht dass ein edles Geschöpf wie Sheila Rubin vergleichbar wäre mit der prolligen Tonya, wie sie von Margot Robbie gespielt wurde. Aber in beiden Fällen ist das Innenleben der Hauptfiguren Triebfeder für die Handlung, die Haltung ist ähnlich ironisch distanziert und manchmal niederträchtig, jeweils wird allwissender Off-Kommentar der Hauptfigur genutzt für bissige Betrachtungen oder bösen Humor.

Wie bei Tonya ist auch bei Sheila die Desillusion greifbar: Einst eine politische Aktivistin mit allen erdenklichen Möglichkeiten in Berkeley, hat sie sich in ihr Leben gefügt als Ehefrau und Mutter im konservativeren Süden des Bundesstaates, die ihrer wachsenden Frustration mit einem regelmäßigen geheimen Ritual begegnet: Sie kauft sich im Drive-Through mehrere Tüten mit Burgern und Pommes, mietet sich ein Motelzimmer, zieht sich aus, stopft das Essen in sich hinein, erbricht sich und kehrt wieder zurück in ein Leben, zu dem man ewig gute Miene machen muss. Waschen, ausspülen, wiederholen. Als ihr Mann Danny seinen Job als Lehrer verliert und entschließt, sich seinen alten Traum zu erfüllen und in der Politik Karriere zu machen, sieht sich auch Sheila damit konfrontiert, ihre Lebensentscheidungen noch einmal zu überdenken und entdeckt, dass sie nicht nur ein Talent hat für, sondern auch ihre Erfüllung findet in etwas so Profanem wie Aerobic. Olivia Newton-John und Jamie Curtis lassen grüßen.

Umgeben hat man Rose Byrne mit ebenso schillernden Figuren, die wie ein durch den Zerrspiegel betrachtetes Kaleidoskop des Südkalifornien jener Zeit bieten, die die Dead Kennedys zu zynischen Betrachtungen hinrissen wie "California Über Alles": der tumbe, aber liebenswerte Surfer, der mit Kameras umgehen kann, die spröde Russland-stämmige Aerobic-Lehrerin, die nicht mit sich spaßen lässt, der hedonistische Kampagnenmanager mit linksliberalen Ansichten, der doch nur aufs eigene Wohlergehen bedacht ist, der steinreiche jüdische Entrepreneur mit einem merkwürdigen Fetisch und seine unglückliche übergewichtige Ehefrau, die ihr Verlangen nach Liebe mit unerschütterlich guter Laune kaschiert, die sexuell freizügige Studentin, der stocksteife Evangelikale, der seine fleischlichen Gelüste unterdrückt und andere dafür zahlen lässt. Es ist ein Sammelsurium von Typen wie aus einem Altman-Film, skizziert wie von den Coen-Brüdern. Alle gehen unerwartete Wege und Abwege im Verlauf der ersten Staffel, der man mit Genuss folgt, wie sie am Ende auf ein großes, abgründiges Finale zusteuert, hinter dem das lauert, was man die ganze Zeit schon erwartet hat: die Achtzigerjahre, die Ich-Dekade, Amerika im Umbruch. Tolle Show.Thomas Schultze