Produktion

Schrader und Schomburg über ihren Bären-Gewinner

Heute feiert "Ich bin dein Mensch" Premiere bei der Sommer-Berlinale. Im Vorfeld sprachen wir mit Regisseurin und Autorin Maria Schrader und Drehbuchautor Jan Schomburg über ihre Zusammenarbeit bei der hinreißenden Komödie, für die Schauspielerin Maren Eggert mit einem Bären prämiert wurde.

14.06.2021 07:19 • von Heike Angermaier
Maria Schrader und Jan Schomburg (Bild: Anika Molnar, privat)

Heute feiert Ich bin dein Mensch" Premiere bei der Sommer-Berlinale. Im Vorfeld sprachen wir mit Regisseurin und Autorin Maria Schrader und Drehbuchautor Jan Schomburg über ihre Zusammenarbeit bei der hinreißenden Komödie, für die Schauspielerin Maren Eggert mit einem Bären prämiert wurde. Majestic Film bringt sie im Anschluss bundesweit in die Kinos.

"Ich bin dein Mensch" ist nach Vor der Morgenröte" Ihre zweite Zusammenarbeit beim Drehbuch. Wie sieht sie genau aus?

MARIA SCHRADER: Bei "Vor der Morgenröte" war klar, dass dem Drehbuch eine fast akademische Recherche vorausgehen würde. Da muss man erst mal meterweise lesen, bevor man selbst ein Wort schreibt. Das hätte ich mir allein nicht zugetraut und habe Jan gefragt, ob er mitmacht. Wir haben uns ein paar Wochen gegeben, um zu sehen, ob das geht. Und es ging leichter und schneller als je gedacht und wurde meine schönste Schreiberfahrung. Im Prinzip reden wir so lange miteinander bis wir eine Szenenabfolge notiert haben. Manchmal ergeben sich in diesen Gesprächen auch schon Dialogfetzen. Dann teilen wir die Szenen auf, schreiben unabhängig, treffen uns und reden wieder.

JAN SCHOMBURG: Am Anfang war tatsächlich noch gar nicht klar, dass ich bei Ich bin Dein Mensch" mitschreibe. Wir haben uns eher aus Spaß über das Projekt ausgetauscht und dabei gemerkt, dass etwas Besonderes daraus entsteht. Wir haben uns beide ja schon lange vor- her Gedanken über Identität gemacht. Bereits in Vergiss mein Ich" von 2014, in dem Maria spielte, ging es um den Unterschied, jemand zu sein und jemanden darzustellen, was in Ich bin dein Mensch in etwas anderer Form auch auf- gegriffen wird. Bei "Vor der Morgenröte" war der Prozess etwas anders, weil wir jeweils unterschiedliche Episoden bearbeiteten.

Wer bringt welche Stärken mit?

MARIA SCHRADER: Ich zweifle und sitze lange vor dem leeren virtuellen Blatt bis ich mir alles genau vorstellen kann. Das dauert, aber dann will ich es auch meistens nicht mehr ändern. Bei Jan ist es das Gegenteil. Er ist schnell und kann auch wieder verwerfen. Wir ergänzen uns auf eine schöne Weise.

JAN SCHOMBURG: Maria hat, auch weil sie Schauspielerin ist, ein wahnsinnig gutes Gespür für die Psychologie von Figuren und eine sehr klare Vorstellung von Dramaturgie.

MARIA SCHRADER: Jan ist ein mutiger Schreiber, der sich selbst, glaube ich, von dem, was er zu Papier bringt, überraschen lässt. Er hat einen unverwechselbaren Humor und ist ein großer Dialog-Autor.

JAN SCHOMBURG: Ich glaube, mich hat hier auch meine Arbeit als Prosaautor beeinflusst; es gibt einige längere Monologe, die ich eher literarisch als filmisch empfinde.

Sie führen beide Regie, haben Sie sich beim Schreiben auch über die Inszenierung ausgetauscht?

JAN SCHOMBURG: Nein. Ich bin faul. Wenn ich weiß, dass ich nicht selbst Regie führen muss, halte ich mich aus der Inszenierung ganz heraus.

MARIA SCHRADER: Du bist alles andere als faul.

JAN SCHOMBURG: Ich habe vor allem Vertrauen in Deine inszenatorischen Fähigkeiten. Du betrachtest ja schon beim Schreiben die Dinge sehr aus filmemacherischer Perspektive und siehst schon sehr konkret die visuelle Umsetzung vor dir.

MARIA SCHRADER: Jan kann an einem Gedanken entlang schreiben oder an einem Thema, während ich mir die Dinge gleich dreidimensional vorstelle und die Szene vor mir sehen muss.

JAN SCHOMBURG: Ich glaube, dass ich auch erst mal was schreiben kann, auch wenn ich weiß, dass es noch nicht gut ist, während Maria schon am Anfang viel strenger mit sich ist.

MARIA SCHRADER: Ich frage auch jenseits der Drehbucharbeit nach Jans Meinung. Unsere Zusammenarbeit ist ein kreativer Dialog, für den das Drehbuch den Grundstein legt und den wir weiterführen. Wir reden auch über Casting oder den Schnitt.

Sie greifen in "Ich bin dein Mensch" philosophische, essenzielle Themen auf und erzählen sie in einer Screwball-Komödie. Wie fanden Sie die Balance, dass die Ideen deutlich werden, die Figuren aber glaubhaft sind?

MARIA SCHRADER: Ich bin Dein Mensch ist ja schon in der Anlage ein »high concept«-Film. Frau trifft Roboter-Mann. Natürlich stellen sich dann grundsätzliche Fragen wie: Welcher Ton passt zu dem Film? Spielt er in der Zukunft oder ist nur der Roboter eine zukünftige Gestalt, die es heute so noch nicht gibt. Wo-raus entsteht der Humor? Können wir es uns leisten, gar keine KI-Elemente zu verwenden, kaum visuelle Effekte zu haben, die die Maschine glaubhaft machen, und wenn, dann nur altmodische? Dass das Buch funktioniert, haben wir im Austausch mit den Redakteur*innen Jan Berning und Katharina Dufner und der Produzentin Lisa Blumenberg überprüft. Und auch durch ihre Anmerkungen wurde es besser.

Wollten Sie von Anfang an in Form einer Screwball-Komödie erzählen?

JAN SCHOMBURG: Dass es eine Art romantische Komödie werden würde, wussten wir schnell. Es war auch in der zugrundeliegenden Kurzgeschichte von Emma Braslavsky angelegt. Ich habe mich bereits intensiv mit verschiedenen komödiantischen Formaten beschäftigt. Mit Der göttliche Andere" habe ich eine romantische Komödie gedreht und auch schon Sketch Comedy geschrieben und inszeniert. Ich bin also mit allen möglichen Spielarten von Komik vertraut. Eigentlich ist die romantische Komödie ja ein grauenhaft vorhersehbares Genre: Zwei Menschen verlieben sich, etwas verhindert ihre Liebe, aber am Ende kommen sie doch zusammen. Und als Zuschauer will man vor allem, dass die Liebenden am Ende vereint sind. Aber bei Ich bin dein Mensch ist die Grenze, die die Liebe verhindert, eine innere Grenze in der Figur Alma, es ist eine philosophische Grenze, wenn man so will, bei der man nicht sicher ist, ob Alma sie überschreiten soll. Man kann ihre Zweifel verstehen.

MARIA SCHRADER: Diese Idee von romantischer Komödie habe ich dann in der Umsetzung gemeinsam mit den Schauspieler*innen Maren Eggert und Dan Stevens aber auch dem Kameramann Benedict Neuenfels und Szenenbildnerin Cora Pratz von Szene zu Szene versucht umzusetzen und immer wieder die Balance zwischen Tiefe und Leichtigkeit gesucht.

JAN SCHOMBURG: Figuren in romantischen Komödien sind starken, dramaturgischen Maßgaben unterworfen und geraten deswegen oft flach. Dass Marens Alma so lebendig wirkt, ist wirklich großartig.

MARIA SCHRADER: Es war auch spannend, gemeinsam mit Dan zu erarbeiten, wie künstlich seine Figur sein darf und wie viel Identifikation sie zulassen soll. Es ist ein schmaler Grat, ihn als Maschine zu installieren und gleichzeitig als romantischen Partner. Das ist eine kleinteilige Arbeit, die eigentlich mit Hansjörg Weissbrich im Schnitt erst richtig kombiniert und komponiert wurde.

Ab wann waren Maren Eggert und Dan Stevens involviert?

MARIA SCHRADER: Manche Autoren haben beim Drehbuchschreiben eine klare Vorstellung für wen sie schreiben, ich nicht. Alma ist unter meinen Filmfiguren am ehesten mein Alter Ego. Sie hat in meiner Fantasie angefangen zu leben und beim Casting habe ich sie mit Maren gefunden. Für Tom hatten wir früh die Idee, einen internationalen Schauspieler zu finden. Er sollte hierzulande nicht omnipräsent sein, damit man sich auf das Gedankenspiel, dass Tom ein Roboter ist, leichter einlassen kann. Ein Akzent war erwünscht, das bringt einen Geschmack von Fremdheit mit. Trotzdem sollte er die schwierigen Texte reibungslos beherrschen, wie eine Maschine eben. Er sollte etwas von Barbies Ken haben, also eine Attraktivität, auf die sich alle einigen können. Und zu guter Letzt sollte der Schauspieler auch noch die Lässigkeit besitzen, seinen Tom manchmal blöd dastehen zu lassen. So jemanden zu finden schien eine unmögliche Aufgabe. Bis ich glücklicherweise Dan Stevens getroffen habe.

Haben Sie beim Dreh noch Veränderungen am Drehbuch vorgenommen?

MARIA SCHRADER: Jan hat eine zweite Fassung geschrieben, die Anmerkungen von Lisa, Katharina und Jan sind eingeflossen. Ich habe die Szenen auf die Besonderheiten der Drehorte angepasst und mit den Keilschrift Expert*innen die Pergamon Szenen überarbeitet. Am Set ist das Drehbuch dann die Bibel. Da setzen sich andere Vorschläge kaum noch durch. Wir haben ja nicht umsonst so genau am Buch gebastelt.

JAN SCHOMBURG: Auch bei meinen anderen Drehbüchern wurde am Set ziemlich wenig improvisiert. Im Allgemeinen spreche ich aber mit den Schauspielern die Szenen und die Dialoge vorher so genau durch, dass wir uns schon vorher auf eine gemeinsame Linie geeinigt haben und nicht mehr so sehr suchen müssen.

MARIA SCHRADER: Natürlich kann man ein Drehbuch als Spielvorlage nutzen und trotzdem improvisieren, als Schauspielerin habe ich das schon erlebt, aber bei pointierten und verdichteten Screwball-Dialogen ist das schwer und mit nur 22 Drehtagen unmöglich. Mit Dan und Maren hatte ich eine Woche vorab Zeit, Szenen zu lesen und durchzusprechen, so wie Jan es auch beschrieben hat. Man kann über alles reden, und Sachen verändern. Nur am Set sollen keine grundsätzlichen Diskussionen mehr anfangen.

Die Tanzcafeszenen waren in puncto Vorbereitung sicher besonders aufwändig?

MARIA SCHRADER: Große Szenen wie diese, die es ja schon in "Vor der Morgenröte" gab, sind angstbesetzt, weil sie so teuer sind und jede Überstunde unter Umständen viel mehr kostet als sonst. Meine Theatererfahrung hilft mir dabei. Außerdem machen mir Wimmelbilder Spaß. Aber während der Pandemie eine Szene mit 70, 80 Leuten zu drehen, die tanzen, flirten und sich küssen, war natürlich mit mehr Nervosität verbunden als sonst. Es bedeutete einen großen Mehraufwand. Wir suchten echte Paare, die sowieso einen Haushalt teilten. Nach einem halben Jahr Corona entstanden dann aber Bilder und eine Stimmung, die wir lange nicht mehr gesehen und gespürt hatten.

Wie heute bei der Premiere bei der Berlinale, wo Sie endlich wieder vor ein reales Kinopublikum treten können?

MARIA SCHRADER: Es wird das erste Screening, das wir mit Publikum erleben. Bis jetzt hatten wir nur eine ganz kleine Arbeitsvorführung.

Frau Schrader, nach der Premiere von "Ich bin dein Mensch" steht bereits Ihr nächstes Regieprojekt an.

MARIA SCHRADER: Ich drehe ab Anfang August einen zeitgenössischen Kinofilm in New York. Mehr kann ich im Moment leider nicht sagen. (Anmerkung der Redaktion: das Projekt ist inzwischen bekannt, es handelt sich um She Said")

Toll, wieder ein Kinofilm.

MARIA SCHRADER: Ja, finde ich auch. Meine Erfahrung mit Netflix und Unorthodox" will ich keinesfalls schmälern, aber in diesen Zeiten habe ich mich sehr gefreut, dass Ich bin dein Mensch den klassischen Weg gehen und in über 70 Ländern auf den Leinwänden zu sehen sein wird. Es werden ja immer mehr Kinofilme wie etwa Pieces of a Woman" von Streamern abgegriffen, während es der Kinobranche besonders schlecht geht. Ich schätze die kontinuierliche Zusammenarbeit mit den internationalen Verleihpartnern, wie mit Filmladen in Österreich oder der Filmcoopi in der Schweiz, die bereits Liebesleben und "Vor der Morgenröte" hatten und nun auch "Ich bin dein Mensch" starten werden.

Die Fragen stellte Heike Angermaier