Festival

Schwergewichte in Cannes

Wie erwartet, ist das Line-up des 74. Festival de Cannes ungewöhnlich hochkarätig - darunter vormalige Goldene-Palme-Gewinner wie Jacques Audiard oder Apichatpong Weerasethakul. Einen deutschen oder österreichischen Filmemacher sucht man indes vergebens im Palmen-Rennen.

03.06.2021 12:18 • von Thomas Schultze
Wes Anderson reist mit "The French Dispatch" nach Cannes (Bild: Disney)

Wie erwartet, ist das Line-up des 74. Festival de Cannes ungewöhnlich hochkarätig - darunter vormalige Goldene-Palme-Gewinner wie Jacques Audiard oder Apichatpong Weerasethakul. Einen deutschen oder österreichischen Filmemacher sucht man indes vergebens im Palmen-Rennen. Natürlich finden die Internationalen Filmfestspiele von Cannes in diesem Jahr unter Ausnahmebedingungen statt, wie Festivalpräsident Pierre Lescure und der künstlerische Leiter Thierry Frémaux in ihrer Programmpressekonferenz unterstrichen. Das wird nicht nur in der Tatsache reflektiert, dass Delegierte einen Impfpass bzw. einen negativen Corona-Impftest vorlegen müssen, der nicht älter als 48 Stunden ist, wenn sie das Festival-Terrain um das Palais betreten wollen, sondern auch in der Filmauswahl, die stärker auf Europa zentriert ist als üblich.

Aber auch Amerikaner werden anreisen: Neben The French Dispatch" des allerdings in Paris lebenden Texaners Wes Anderson, der sich wie Benedetta" von Paul Verhoeven bereits im vergangenen Jahr in der insgesamt 56 Titel starken und nicht nach Sektionen aufgeteilten Selection officielle befunden hatte, werden im Wettbewerb "Flag Day" von Sean Penn und "Red Rocket" von Sean Bakeran der Croisette Weltpremiere feiern. Dazu kommt "The Velvet Underground" von Todd Haynes, der außerhalb des Wettbewerbs Premiere feiern wird. Außer Konkurrenz wird außerdem der großteils in Marseille entstandene Thriller Stillwater" von Oscargewinner Tom McCarthy mit Matt Damon gezeigt.

Ausgesprochen stark ist in diesem Jahr die Beteiligung des französischen Films. Neben den französischen (Ko-)Produktionen Annette" und "Benedetta" wurden der vormalige Goldene-Palme-Gewinner Jacques Audiard mit "Paris, 13th District", Catherine Corsini mit "La fracture" mit Valeria Bruni Tedeschi, Julia Ducournau mit dem Serienmörderthriller "Titane" mit Vincent Lindon, Bruno Dumont mit "France" (deutscher Koproduzent: Red Balloon, François Ozon, der gerade einmal ein halbes Jahr nach Sommer 85" mit "Everything Went Well" mit Sophie Marceau eine weitere Arbeit vorlegt und damit vier Jahre nach Der andere Liebhaber" in den Wettbewerb von Cannes zurückkehrt, und Mia Hansen-Løve mit Bergman Island" (deutscher Koproduzent: Neue Bioskop) mit Tim Roth und Vicky Krieps eingeladen.

Außerdem im Wettbewerb sind weitere ehemalige Goldene-Palme-Gewinner: Nanni Moretti stellt "Tre Piani" vor, Apichatpong Weerasethakul hat seinen ersten englischsprachigen Film, Memoria", mit Tilda Swinton im Gepäck (deutsche Koproduktion mit Match Factory Productions). Asghar Farhadi kehrt zurück nach Südfrankreich mit "A Hero", und Kirill Serebrennikov zeigt nach Leto" nun auch "Petrov's Flu" in Cannes (als deutsche Koproduzentern sind Razor Film an Bord). Dazu kommen noch Where Is Anne Frank?" von Ari Folman, "The Worst Person in the World" von Joachim Trier, "Nitram" von Justin Kurzel, "The Restless" von Joachim Lafosse, Lingui" von Mahamat-Saleh Haroun, "Ahed's Knee" des vormaligen Belinale-Gewinners Nadav Lapid, die Murakami-Adaption "Drive My Car" von Ryusuke Hamaguchi, "Hytti Nro 6" von Juho Kuosmanen (deutsche Koproduktion mit Achtung Panda! Media), The Story of My Wife" von Ildiko Enyedi (deutsche Koproduktion mit Komplizen Film), "Casablanca Beats" von Nabil Ayouch. Als Eröffnungsfilm hatte bereits das Musical "Annette" von Leos Carax mit Adam Driver und Marion Cotillard festgestanden, der von deutscher Seite von Fabian Gasmia als Koproduzent hergestellt wurde.

Außer Konkurrenz wurden eingeladen: Emmanuelle Bercot mit De son vivant" mit Catherine Deneuve und Benoît Magimel, Aline" von Valérie Lemercier, "Emergency Declaration" von Han Jae-Rim, "Bac Nord" von Cédric Jimenez und "Babi Yar. Context" von Sergei Loznitsa (deutsche Koproduktion mit Senator Film Produktion).

Präsident der Jury ist Spike Lee, der schon im vergangenen Jahr festgestanden hatte und nach der Absage des letztjährigen Events erneut eingeladen wurde.

1900 Filme mussten gesichtet werden, erklärte Thierry Frémaux zu Beginn der Pressekonferenz. Der Auswahlprozess sei sehr schwierig gewesen, nicht nur aufgrund der Masse, sondern auch der insgesamt sehr hohen Qualität. "Das Kino ist nicht tot", betonte Frémaux, wie sich anhand der überwältigenden Besucherzahlen in den letzten Wochen ablesen lasse. Das Festival soll nun seinerseits dazu beitragen, das Kino wieder ins Auge der Öffentlichkeit zu rücken. Eine Neuigkeit hatte Thierry Frémaux für die Nebenreihe Un Certain Regard zu vermelden: Sie wird künftig den Fokus ausschließlich auf junge Filmemacher am Beginn ihrer Karriere richten. Die Titel umfassen "The Innocents" von Eskil Vogt, "After Yang" von Kogonada, "Lamb" von Valdimar Jóhannsson, Noche De Fuego" von Tatiana Huezo, "Bonne Mère" von Hafsia Herzi, Blue Bayou" von Justin Chon, die österreichischen Titel "Moneyboys" von C.B Yi und "Große Freiheit" von Sebastian Meise (deutsche Koproduktion mit Rohfilm Productions), "Freda" von Gessica Généus, "Un Monde" von Laura Wandel.

Bei den Special Screenings werden "H6" von Yé Yé, "Cahiers Noirs (Black Notebooks)" von Shlomi Elkabetz, "O Marinheiro Das Montanhas" von Karim Aïnouz, "JFK Revisited: Through The Looking Glass" von Oliver Stone und "Jane Par Charlotte" von Charlotte Gainsbourg gezeigt.

In der neuen Reihe Cannes Premiers werden namhafte Filmemacher ihre neuen Werke vorstellen, die nicht für den Wettbewerb ausgewählt wurden. Dazu gehören Kornél Mundruczó mit "Evolution", Cannes-Regular Arnaud Desplechin mit der Philip-Roth-Adation "Deception" mit Denis Podalydès und Léa Seydoux, Andrea Arnold zeigt die Doku "Cow" und Eva Husson, die drei Jahre nach "Les filles du soleil" ihre erste britische Produktion abgeschlossen hat, "Mother Sunday", mit Olivia Colman und Colin Firth, "In Front Of Your Face" von Hong Sang-soo, der gerade erst im Wettbewerb der Berlinale vertreten war, und "Hold Me Tight" von Mathieu Amalric.

Das 74. Festival de Cannes läuft vom 6. bis 17. Juli.