Kino

KOMMENTAR: Wohin die Reise geht

Wenn Paul Schrader sich zu Wort meldet, muss man nicht mit ihm übereinstimmen. Aber interessant ist es immer, was der legendäre Filmemacher und Drehbuchautor zu sagen hat.

27.05.2021 07:44 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wenn Paul Schrader sich zu Wort meldet, muss man nicht mit ihm übereinstimmen. Aber interessant ist es immer, was der legendäre Filmemacher und Drehbuchautor zu sagen hat. Eine seiner Betrachtungen beschäftigt mich seit Wochen. Die ersten Jahrzehnte in der Geschichte des Kinos, so Schrader, hieß es: We're going to the movies - Wir gehen ins Kino. Man löste ein Ticket, ungeachtet des Films, der gerade lief, und verbrachte den Tag im Kino, sah sich das Programm an, den Hauptfilm vielleicht zweimal. Geändert habe sich das in den Fünfzigerjahren, als durch den Einzug des europäischen Kunstkinos das Biotop Kinokultur entstand, wie wir es auch heute noch kennen: Man ging nicht mehr ins Kino. Man ging ins Kino, um einen Film zu sehen, über den gesprochen wurde, über den die Filmkritik sprach, um selbst mitreden zu können. Heute, meint Schrader, heißt es: We're watching Netflix - Wir schauen Netflix.

Vergleichbar mit den ersten 50 Jahren des Kinos: Man wählt den Streamer nicht, um einen bestimmten Titel zu sehen. Man hat Lust zu stöbern und dann, idealerweise unterstützt durch einen Algorithmus, etwas zu finden, was einem gefallen könnte. Was der Grund für die schiere Masse an neuem Original Content ist, mit dem man sich als Zuschauer konfrontiert sieht: Hauptsache, da ist in dieser Flut an Angebot etwas, das interessant genug aussieht, um seine Freizeit damit verbringen zu wollen.

Diese Philosophie ist eine große Chance für Filmemacher: Wenn es einen roten Faden gibt, der sich durch Interviews mit Kreativen zieht, die für Netflix gearbeitet haben, dann ist es ihre Verwunderung über das hohe Maß an künstlerischer Freiheit, die Ermutigung, eingetretene Pfade zu verlassen. Es gibt auch eine Kehrseite: Wenn man fürs Kino arbeitet, muss ein Produzent dafür Sorge tragen, dass ein Film entsteht, der einem Publikum gefällt, der sein Geld wieder einspielt. Das muss nicht mit der Vision des Filmemachers übereinstimmen. Aber wenn uns die Filmgeschichte etwas gelehrt hat, dann ist es der Umstand, dass die besten Filme entstehen, wenn Reibung existiert, ein Regisseur nicht einfach unterstützt wird, auch noch die abwegigste seiner Ideen unterzubringen.

Es ist eben ein Unterschied, ob man an einer Kinokasse 15 Euro hinblättert, weil man sich für einen Film entschieden hat, oder einfach Klick" auf Netflix macht, um seine Wahl zu starten. Army of the Dead" ist ein Riesenhit auf Netflix, und man sieht auch sofort warum. Man sieht aber auch sofort, warum sich dieser Film im Kino nicht nur aufgrund seiner ausufernden Laufzeit eher schwergetan hätte. Dass der Konsument Netflix schauen will, ist ein beeindruckender Triumph für Reed Hastings' Firma. Was es mittelfristig für die Filmkultur bedeutet, muss man nochabwarten.

Thomas Schultze, Chefredakteur