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PREVIEW STREAMING: "Sweet Tooth"

Aus dem Gros neuer Fantasyserien ragt die neue Netflix-Show "Sweet Tooth" meilenweit heraus: Die achtteilige Verfilmung des Kultcomics von Jeff Lemire, die am 4. Juni an den Start gehen wird, zeigt eine Welt der Postapokalypse, wie man sie noch nie gesehen hat. Hier unsere Besprechung.

26.05.2021 20:24 • von Thomas Schultze
Neues Serien-Event auf Netflix: "Sweet Tooth" (Bild: Netflix)

Aus dem Gros neuer Fantasyserien ragt die neue Netflix-Show "Sweet Tooth" meilenweit heraus: Die achtteilige Verfilmung des Kultcomics von Jeff Lemire, die am 4. Juni an den Start gehen wird, zeigt eine Welt der Postapokalypse, wie man sie noch nie gesehen hat. Hier unsere Besprechung.

Die erste Ausgabe des kultisch verehrten Vertigo-Comics "Sweet Tooth" von Jeff Lemire mag vor zwölf Jahren erschienen sein, aber schon die ersten fünf Minuten der Netflix-Serienadaption des postapokalyptischen Szenarios unterstreichen, dass es im Jahr eins nach Beginn der Coronapandemie kaum eine zeitgemäßere Saga geben könnte: Ein besonders aggressiver Virus macht die Menschheit erst krank, was sich an einem zitternden kleinen Finger erkennen lässt, und führt dann binnen Stunden zum sicheren Tod. Nur wenige bleiben verschont von der verheerenden Pandemie, die ganze Metropolen entvölkert. Manche sind immun, andere sind rechtzeitig geflohen in die Wildnis, wo man sich im eigens auferlegten Lockdown wegsperrt von dem, was von der Zivilisation womöglich noch übriggeblieben sein mag. Kurz davor waren in den Krankenhäusern erste Hybride auf die Welt gebracht worden, menschliche Säuglinge mit tierischen Attributen wie Flügeln, Klauen oder Hörnern. Was man nicht kennt, fürchtet man: Obwohl es keine erkennbaren kausalen Zusammenhänge gibt, werden die Hybride in Zusammenhang gebracht mit dem Virus - und deshalb ausgestoßen oder gejagt.

Die Handlung fokussiert sich in Folge eins schnell auf einen Vater und seinen Hybridsohn, einen liebenswerten Kerl namens Gus, der neben tollen Wuschelhaaren auch Rehohren und ein kleines Geweih auf seinem Schädel trägt und, wie sich zeigen wird, über besonders ausgeprägte Sinnesorgane verfügt. Die zunächst paradiesischen Zustände, wie die einzigen Menschen auf der Erde zu leben, halten nicht lange an. Als die beiden es mit feindseligen Eindringlingen zu tun bekommen, können sie sich zwar verteidigen, aber der Vater steckt sich mit dem Virus an, und nach seinem folgenden Tod ist Gus auf sich alleingestellt. Obwohl er gewarnt wurde, verlässt er die heimische Hütte und wagt sich, unterstützt von dem ehemaligen Football-Profi Tommy Jepperd, ein Bär von Mann mit unklarer Agenda, der Gus aufgrund seiner Vorliebe für Süßigkeiten den Spitznamen Sweet Tooth gibt, in die weite Welt, hin zur sagenumwobenen "Preserve", wo Hybride angeblich willkommen sein sollen. Wichtige Rollen spielen im überraschenden Verlauf der Handlung unabhängig von Gus auch ein indischer Arzt, der auf der Suche nach einem Vakzin in eine Glaubenskrise gerät, weil er zur Rettung seiner Frau zu unethischen Mitteln greifen müsste, und eine ehemalige Psychotherapeutin, die im Zoo einer fiktiven Großstadt Zuflucht sucht und eine kleine heile Welt inmitten des Chaos aufbaut.

Mit Namen wie Will Forte (nur ein Gastauftritt in Folge eins), Nonso Anozie oder Adeel Akhtar ist die Serie gut besetzt, und Newcomer Christian Convery ist eine wunderbare Entdeckung als Gus, aber der eigentliche Star ist hier die Show selbst und die ungewöhnliche Welt, die sie entstehen lässt. Jeff Lemires Comic wurde als Mischung aus Mad Max" und Bambi" beschrieben, was zwar ziemlich hinkt, aber griffig klingt und doch zumindest unterstreicht, dass man die Postapokalypse noch nie so erzählt bekommen hat wie hier. Showrunner Jim Mickle, der sich vor einigen Jahren mit seinen Quinzaine-Beiträgen We Are What We Are" und Cold in July" als Hoffnung des Genrekinos empfohlen hatte, nutzt die Gelegenheit, sein inszenatorisches Können erstmals auf einer richtig großen Leinwand auszubreiten und auf der gesamten Gefühlsklaviatur zu spielen, von zupackender Action zu ganz stillen, zarten Momenten. Vor allem aber versteht er es, die Welt von "Sweet Tooth" mit jeder Folge immer noch ein Stückchen größer werden zu lassen, neue Figuren, Welten, Zusammenhänge, Situationen und Informationen hinzuzufügen: Sattgesehen hat man sich nach vier Folgen - so viele wurden der Presse zur Ansicht freigeschaltet - jedenfalls lange noch nicht.

Thomas Schultze