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PREVIEW KINO/STREAMING: "Cruella"

Morgen ist offizieller Kinostart für "Cruella" mit Emma Stone - überall da, wo man den Film spielen kann. Einen Tag später kann man die Ursprungsgeschichte der legendären Schurkin aus "101 Dalmatiner" im VIP-Zugang auf Disney+ erleben. Hält der Film, was die Bilder und Trailer versprechen? Hier unsere Besprechung.

26.05.2021 15:04 • von Thomas Schultze
No Future hat selten so viel Spaß gemacht wie in "Cruella" (Bild: Disney)

Morgen ist offizieller Kinostart für Cruella" mit Emma Stone und Emma Thompson - überall da, wo man den Film spielen kann. Einen Tag später kann man die Ursprungsgeschichte der legendären Schurkin aus "101 Dalmatiner" im VIP-Zugang auf Disney+ erleben. Hält der Film von Regisseur Craig Gillespie, was die Bilder und Trailer versprechen? Hier unsere Besprechung.

Wir wissen nicht, ob sich Vivienne Westwood von Cruella De Vil, der zeitlos mondänen Schurkin aus Disneys legendärem Zeichentrickfilm "101 Dalmatiner" aus dem Jahr 1961, inspirieren ließ, als sie in den frühen Siebzigern als Gottmutter des Punk der viktorianischen Tradition mit dem Rasiermesser zu Leibe rückte. Wir können indes mit Gewissheit sagen, dass das ewige Enfant terrible des britischen Modebetriebs unverkennbar eine Blaupause für "Cruella" lieferte, der die Ursprungsgeschichte der mondänen Modemacherin mit einer krankhaften Fixierung auf Dalmatiner im London der Punkära in den späten Siebzigerjahren verortet. Das allein verspricht einen subversiveren, sinnlicheren Film, als man es von einem der bislang doch eher braven Realfilm-Remakes von Disneys Animationsklassikern vermuten würde. Mit Craig Gillespie an der Spitze eines Kreativteams, das oscarwürdige Arbeit abliefert, insbesondere im atemberaubenden Kostümbild, hat man auch genau den Mann gefunden, der es versteht, visuelle Grandezza mit einem nachgerade ätzenden Humor zu verbinden, der immer auf Seite der Unangepassten steht und dem Establishment eine lange Nase dreht. Und dabei Punk selbst nicht ungeschoren davonkommen lässt, weil No Future zwar visuell den Takt vorgibt, musikalisch aber ironisch augenzwinkernd Beiträgen von Supertramp, Electric Light Orchestra, Queen und Black Sabbath weicht: Nichts könnte mehr Punk sein, als Punk völlig zu missachten.

Wie "Cruella" könnten heute auch Filme von Tim Burton aussehen, hätte er nicht vor etwa 20 Jahren sein Gebiss verloren: Diese Dalmatiner knurren nicht nur, sie beißen auch. Wie zuletzt auch Gillespies I, Tonya" geknurrt und gebissen hatte, dessen Tempo und Tonalität sich jetzt auch hier finden, in einem der Kronjuwelen Disneys, besetzt mit Emma Stone in ihrer ersten großen Rolle seit ihrem Oscargewinn mit La La Land". Weil Gillespie und Stone keine Angst vor dem Schlachten heiliger Kühe haben, gelingt ihrem Film die Quadratur des Kreises: Sie machen aus Saulus einen Paulus, aus Cruella eine Estella, aus der klassischen Disney-Harpiye eine Heldin, allerdings eine voller Widersprüche und Widerhaken, die man zwar sofort ins Herz schließt, die es einem aber auch nicht immer ganz leicht macht: Sie zu mögen, heißt auch - wie bei Tonya Harding in "I, Tonya" - ihre negativen und gewalttätigen Impulse zu umarmen: Wer als Kind immer nur herumgestoßen wurde und groß wurde mit dem Bewusstsein, Schuld daran zu tragen, dass seine Mutter einst von drei zähnefletschenden Dalmatinern über eine Klippe in den Tod gestoßen wurde, der muss beschädigte Ware sein.

Ein Hauch von "Oliver Twist" weht durch den Film, wenn sich Estella auf den Streets of London mit den beiden Straßenjungen Jasper und Horace zusammentut, die ihr auch später noch treue Handlanger sein werden, und als Außenseiterbande in immer mutigeren Raubzügen das nötige Kleingeld zum Überleben zusammenmopst. Der Traum der genial kreativen Estella ist es jedoch, Modedesignerin zu werden, selbst so extravagante Kreationen zu erschaffen wie die Grande Dame der britischen Mode, die Baroness, gespielt von Emma Thompson. Bevor sie im Film mit dem ersten einer ganzen Reihe denkwürdiger Entrées auftritt, ist "Cruella" ein köstlicher Spaß. Wenn sie zum ersten Mal erscheint, wird er zum Genuss: Jede noch so kleine Geste und hingeworfenes Aperçu der zweifachen Oscargewinnerin sitzt, trieft vor bodenloser Gemeinheit und arrogantem Anspruchsdenken. Es ist eine regelrechte Masterclass im Bösesein - und ein wunderbares Zerrspiegelbild, vor dem nun auch Emma Stone zu großer Form auflaufen kann, als Natter, die am Busen der grausamen Baroness genährt wird. Die Konkurrenz zwischen den beiden Frauen spitzt sich zu zum turbulentesten Kinokleinkrieg seit Der Rosen-Krieg", zu einem eskalierenden Rausch des Oneupmanship, wenn Estella ihre rote Perücke abnimmt und es sich wieder erlaubt, die schwarzweißhaarige Cruella zu sein, die genialische, streitsame Modeschaffende, die Blitze auf all jene schleudert, von denen sie sich unterdrückt und ausgebeutet fühlt - ohne zu durchblicken, dass mehr steckt hinter ihrer intensiven Hassliebe zur Baroness, als man zunächst ahnen mochte.

Die Kreise müssen sich nun einmal schließen in Disney-Märchenfilmen. Wie der Film schließlich da ankommen wird, wo "101 Dalmatiner" beginnt, ist verblüffend und augenzwinkernd: Wer Augen hat zum Sehen, hätte es die ganze Zeit bemerken können. Die große Kunst besteht eben darin, dass man alles andere verdrängt, weil im jeweiligen Moment immer nur faszinierend ist und spannend, was aktuell mit den Figuren geschieht. Weil Regisseur Gillespie immer den richtigen Einfall hat. Wenn er seine Hauptfigur zu den Klängen von "She's A Rainbow" vom Mädchen zur Frau werden lässt, Emma Thompson zum stampfenden Beat der Doors zeigt, dass keiner dickere Eier hat als sie (und Jim Morrison), die Kamera in einer irrwitzigen Fahrt durch das Liberty-Kaufhaus gleitet, stets das Herz des Films auch und insbesondere schlägt für seine Nebenfiguren und Details am Rand, an denen man sich nicht sattsehen kann. "Cruella" ist das, was Hollywood einstmals am besten konnte, mittlerweile aber - fast - verlernt zu haben scheint: ein Vergnügen. Vivienne Westwood hätte ihre Freude daran.

Thomas Schultze