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PREVIEW STREAMING: "Lisey's Story"

Am 4. Juni startet bei Apple TV+ erstmals eine Serie, die auf einer Romanvorlage von Stephen King beruht. In dem Achtteiler "Lisey's Story", inszeniert von Pablo Larraín, spielen Julianne Moore, Clive Owen und Jennifer Jason Leigh die Hauptrollen. Hier unsere Besprechung.

26.05.2021 12:48 • von Thomas Schultze
Julianne Moore sieht sich in "Lisey's Story" mit unheimlichen Ereignissen konfrontiert (Bild: Apple)

Am 4. Juni startet bei Apple TV+ erstmals eine Serie, die auf einer Romanvorlage von Stephen King beruht. In dem Achtteiler Lisey's Story", inszeniert von Pablo Larraín, spielen Julianne Moore, Clive Owen und Jennifer Jason Leigh die Hauptrollen. Hier unsere Besprechung.

Schon die Vergangenheit hat gelehrt, dass die Stoffe von Stephen King bei der Übersetzung in Bewegtbild nicht notwendigerweise davon profitieren, wenn King selbst die Drehbücher verfasst. Das traf auf Filme in den Achtzigern zu wie Katzenauge" oder "Friedhof der Kuscheltiere" wie auch auf sein Dreiteiler "The Shining". Und es trifft in gewisser Weise auch auf "Lisey's Story" zu, die achtteilige Miniserie zu Kings 2006 erschienenen Roman "Love", der eine besondere Bedeutung im Schaffen des Schriftstellers hat: King selbst hat "Love" wiederholt als sein bestes Werk bezeichnet, ein zutiefst persönliches Nachsinnen über die Flüchtigkeit des Daseins, die Kraft der Liebe, den Schrecken des Erinnerns und die Angst um den eigenen Nachlass. Für ihn war es zwingend, das Drehbuch nicht aus der Hand zu geben. Verständlich. Aber nicht die beste Idee: Dem Autor fehlt die nötige Distanz, sich von Momenten und Motiven zu trennen, die ihm persönlich wichtig sind, aber die Erzählung auch schwerer und träger werden lassen, als es einer Mystery-Geschichte guttut.

Der chilenische Regisseur Pablo Larraín, der aktuell an dem Lady-Di-Film Spencer" mit Kristen Stewart in der Hauptrolle arbeitet, ist ein Meister, komplexen Figuren in schwierigen Situationen auf die Spur zu kommen, aber weniger ein Experte für Spannung und Suspense. Deutlich mehr als unbedingt nötig lässt er Darius Khondji die Kamera schleichend langsam Gänge entlangfahren, um eine unheilvolle Stimmung zu erzeugen. Offenkundig will Larraín diese Geschichte nicht gleich mit dem Flammenwerfer in Brand setzen, wie er es vor zwei Jahren mit seinem Venedig-Beitrag Ema" getan hatte, sondern erst einmal die bleierne Zeit etablieren, in der die Titelfigur mitten in einer Phase schmerzhafter Trauerarbeit gefangen ist: ein Showcase natürlich auch für Oscargewinnerin Julianne Moore, die erstmals die Hauptrolle in einer Serie spielt und von namhaften Kollegen wie Clive Owen, Jennifer Jason Leigh, Joan Allen und Dane DeHaan vortrefflich unterstützt wird.

Zwei Jahre sind vergangen, seitdem Liseys Ehemann, der Schriftsteller Scott Landon, unverkennbar ein Alter ego Kings, von einem verrückten Fan erschossen wurde. Nun sitzt sie in ihrem Haus inmitten des Nachlasses, umgeben von alten Manuskripten und Erinnerungen, muss sich um ihre mental instabile Schwester kümmern und flieht in ihren Träumen in eine Parallelwelt, die sich "Boo'ya Mond" nennt und heil und trostspendend wäre, wenn dort nicht auch ein geheimnisvolles Monster namens Longboy sein Unwesen triebe. Während in der Gegenwart ein obsessiver Fan Jagd auf Lisey macht, fördert sie bei der Konfrontation mit der Vergangenheit Verdrängtes zu Tage und nutzt das klare Wasser von Boo'ya Mond als Halt möglicherweise auch Lösung ihrer Probleme. Wie ein roter Faden ziehen sich psychische Erkrankungen durch die Handlung: In der einen oder anderen Form hat jeder der Beteiligten sein Päckchen zu tragen in diesem Szenario, das - wie zuletzt auch die King-Adaption "The Outsider" - immer dann am besten ist, wenn es seine Figuren mit der Realität konfrontiert: Da entfaltet "Lisey's Story" dann den nötigen Sog, da ist man gefesselt und gebannt. Und konzediert, dass die Struktur mit acht Einstündern die richtige Entscheidung war.

Thomas Schultze