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Daniel Sponsel zum DOKfest: "Eine ganz andere Herausforderung"

Für DOKfest München-Leiter Daniel Sponsel war die zweite virtuelle Festivalausgabe "nochmal eine ganz andere Herausforderung". Über seine Erfahrungen, die Besonderheiten der 36. Ausgabe und wie es weitergeht, spricht er hier.

25.05.2021 12:44 • von Heike Angermaier
Daniel Sponsel (Bild: DOKfest München)

Für DOKfest München-Leiter Daniel Sponsel war die zweite virtuelle Festivalausgabe "nochmal eine ganz andere Herausforderung". Über seine Erfahrungen, die Besonderheiten der 36. Ausgabe und wie es weitergeht, spricht er hier.

Die zweite DOKfest@home-Ausgabe ist vorbei. Was war dank der Erfahrungen aus dem ersten digitalen Festival leichter und was vielleicht auch schwieriger?

DANIEL SPONSEL: Wir wussten dank der Erfahrungen aus dem letzten Jahr, welche Aufgaben auf uns zukommen, das Team konnte somit nichts mehr überraschen. Allerdings ist der Umstand der Arbeit im Home-Office für das Team über die lange Zeit nicht leichter geworden, zumal wir bis Ende März ein duales Festival geplant hatten. Das war nochmal eine ganz andere Herausforderung und die lange Zeit der ungewissen Perspektive war eine große Belastung für alle. Nun waren wir mit der digitalen Leinwand für den Zeitraum von zwei Wochen ein Anbieter von Filmen online und hierbei sind die Erwartungen an die Funktionalität zum Vorjahr noch einmal gestiegen. Mit Pantaflix als Partner konnten wir einen hohen technischen Standard anbieten.

Was haben Sie dazu gelernt?

DANIEL SPONSEL: Der Effekt, als einer der ersten Veranstalter im Netz ein umfangreiches Filmfestival anzubieten, ist in diesem Jahr entfallen. Aber die Filme, von denen die wenigsten jenseits unseres Festivals in Deutschland zu sehen sind, kommen gut an und werden gesehen. Darüber hinaus haben wir noch einmal deutlich mehr Mittel in unser Rahmenprogramm investiert und damit zahlreiche Begegnungen möglich gemacht: angefangen bei den Grußworten der Macher*innen an das Publikum über die vielen aufwendigen Filmgespräche bis zu dem Angebot, per Chat und per Mail direkt in Kontakt mit dem Filmteam zu treten. Allerdings wartet das Netz nicht auf unsere Filme, deshalb haben wir einen sehr hohen Aufwand für die Kommunikation und die Reichweite betrieben. Um das Publikum zu erreichen, ist nicht einmal unsere in alle Richtungen faire Bezahlschranke die größte Hürde, sondern das überbordende Angebot im Netz.

Bei der letztjährigen 35. Ausgabe konnten Sie so viele Zuschauer*innen verzeichnen wie nie zuvor. Wie viele waren es in dieser längeren Ausgabe?

DANIEL SPONSEL: Mit 18 Tagen hatte unser Festival auf der digitalen Leinwand die gleiche Spieldauer wie im letzten Jahr, eine Woche länger als in der letzten Präsenzedition im Jahr 2019. Ab der zweiten Woche haben sich die allgemeinen Lockerungen in unseren Publikumszahlen gespiegelt. Klar, der Anreiz nach einem halben Jahr Stillstand etwas zu unternehmen, ist groß. Mit 71.000 Besucher.innen sind wir nur knapp hinter der sensationellen Zahl vom vergangenen Jahr geblieben - eine schöne Erfolgsgeschichte. Umso mehr, als wir die Ticketpreise um ein Drittel angehoben haben, von 4,50 Euro auf sechs Euro, mit dem Solibeitrag für die Kinos auf sieben Euro - der Preis spiegelt die Wertigkeit der Filme.

Wie viel Geld wird voraussichtlich an die Kinos gehen?

DANIEL SPONSEL: Entsprechend den Publikumszahlen schütten wir ja den Solibetrag an unsere drei Partnerkinos aus. Auch in diesem Jahr ist mit 47 Prozent der Anteil der Tickets mit dem Solibeitrag erfreulich hoch. Demnach wird die auszuschüttende Summe in ähnlicher Höhe ausfallen wie im vergangenen Jahr, da waren es 19.000 Euro. Darüber hinaus ist unsere Aktion, mit dem Gewinnerfilm des Publikumspreis am letzten Wochenende spontan in die Kinos zu gehen, sehr gut angenommen worden und ein wichtiges Signal für die Perspektive der Kinos.

Werden Sie Elemente aus dem digitalen Festival auch beim/ bei den kommenden Livefestivals beibehalten? Überlegen Sie, Filme eventuell parallel auch digital anzubieten?

DANIEL SPONSEL: Wenn jetzt auch die Kinos endlich wieder öffnen können, warten große Aufgaben auf uns alle. Die Kino- und Festivalbranche wird sicher nicht mehr die gleiche sein wie vor der Pandemie, erweiterte Präsentations- und Erlösmodelle, auch von Seiten der Kinos, gibt es bereits, auch die Sperrfrist ist mit der Novellierung der FFA-Richtlinien im Gespräch. Für uns geht es dabei auch um eine Barrierefreiheit in jeder Form und wir haben jetzt ein Jahr Zeit, die Erkenntnisse aus den letzten beiden Jahren bei den Planungen für das kommende Jahr zu berücksichtigen.

Welche Sektion, welche Veranstaltungen kamen besonders gut an?

DANIEL SPONSEL: Der internationale und auch der deutsche Wettbewerb präsentieren Welt- und Deutschlandpremieren, die großen Zuspruch finden. Unsere Reihe DOK.focus Empowerment hat für Aufmerksamkeit gesorgt. Darüber hinaus sind es einzelne Filme, die immer wieder herausragen. Einer davon war dieses Jahr unser Eröffnungsfilm Hinter den Schlagzeilen" von Daniel Sager, der mit knapp 5.000 Besucher*innen ein größeres Publikum erreichte als viele Dokumentarfilme in der regulären Kinoauswertung.

Wie sind die zwei neuen Preise, für den Schnitt und die Serie, angekommen? Werden Serien in den nächsten Jahren auch ins Programm fürs Publikum integriert?

DANIEL SPONSEL: Dokumentarische Serien haben wir die letzten Jahre schon vereinzelt im Programm gehabt. Bei unserer Preisstiftung geht es um die Förderung der Entwicklung von anspruchsvollen Serien. Das ist uns mit unseren Partnern megaherz und Tellux-Film ein Anliegen. Der erstmals ausgeschriebene DOK.edit Award ist dank unseres neuen Partners Adobe möglich geworden und ein bisher deutschlandweit einmaliger Preis, der die wichtige Arbeit der Montage für einen Dokumentarfilm ins Rampenlicht stellt.

Wie wurde die neue Plattform Wonder angenommen? Wie stark war die Beteiligung an den Filmgesprächen?

DANIEL SPONSEL: Noch fremdeln einige Menschen mit den virtuellen Empfängen und Begegnungen, doch tatsächlich wurden hier zum großen Teil Gespräche geführt, die sich von der persönlichen Begegnung kaum unterscheiden. Mit den Gestaltungsmöglichkeiten konnten sogar die Locations abgebildet werden. Wir haben mit der digitalen Kommunikation in unserem Branchenbereich wertvolle Erfahrung gesammelt und obwohl wir alle uns wieder auf persönliche Begegnungen bei Festivals und auch sonst freuen: Hier stehen weltweit nachhaltige Veränderungen an.

Wie stark, denken Sie, werden die Auswirkungen von Corona in der nächsten Ausgabe zu spüren sein? U.a. bei der Anzahl der Einreichungen?

DANIEL SPONSEL: Die Anzahl der Filmeinreichungen ist in diesem Jahr sogar leicht gestiegen. Das hat damit zu tun, dass einige Filme durch Corona erst zeitversetzt fertig geworden sind. Tatsächlich können wir davon ausgehen, dass es im kommenden wohl zu einer Corona-Delle kommen wird. Etliche geplante und auch geförderte Filme konnten noch gar nicht mit den Dreharbeiten beginnen.

Was war ihr Lieblingsmoment des Festivals?

DANIEL SPONSEL: Einmal als ich mit meiner Familie zuhause vor dem Fernseher saß und der Countdown für die Eröffnung runterzählte. Obwohl ich ja wusste, was kommt, war das für mich wirklich ein Live-Moment. Das andere war die Begegnung mit dem schwerkranken Aktivisten Ady Barkin aus dem Film "Not Going Quietly" der uns aus den USA zugeschaltet war und über seine virtuelle Stimme von seinem Kampf um die Verbesserung des Gesundheitssystems in den USA erzählt hat.

Gibt es schon Ideen fürs nächste Jahr? 

DANIEL SPONSEL: Wir werden zurückkehren in die Kinos, daran glauben wir alle ganz fest, das ist der Ort, wo wir alle Filme idealerweise sehen sollten. Und wir wollen unser Programm "Ganz großes Kino" im Deutschen Theater noch ausbauen. Anderseits sehen wir große Chancen darin, auf der digitalen Leinwand eine größere Reichweite für Filme zu schaffen, die außerhalb des DOK.fest München nicht wieder in Deutschland zu sehen sein werden. An dem neuen Programm arbeiten wir ab September, jetzt sind wir erst einmal happy, dass diese Edition trotz all der Hürden so gut gelaufen ist.

Die Fragen stellte Heike Angermaier