Kino

GfK-Studie belegt wachsende Kinosehnsucht der Deutschen

Eine im Auftrag der FFA durchgeführte Umfrage unter Kinogängern zeigt, dass der Drang zur Rückkehr vor die Leinwand seit dem Sommer 2020 massiv gewachsen ist. Ein Szenario, auf dessen Basis die FFA auch eine Umsatzprognose für das zweite Halbjahr 2021 wagt. Interessant ist unterdessen auch der Blick auf den Home-Entertainment-Markt im ersten Quartal - denn dieser kennt nur einen Gewinner.

19.05.2021 15:24 • von Marc Mensch
Gegenüber dem Juli 2020 haben sich die Umfrageergebnisse deutlich verbessert - und Frank Völkert wagte die Prognose, dass sich diese Entwicklung sogar noch fortgesetzt hat (Bild: FFA)

Auch wenn die Präsentation von Frank Völkert (FFA) beim virtuellen Filmtheaterkongress so vorwärtsgewandt ausfiel, wie dies in einem Ausnahmejahr eben möglich ist - ganz ohne das vorherige Fundament des Rückblicks auf 2020 kam die Analyse natürlich nicht aus. An dieser Stelle sei zur Rekapitulation schlicht auf unsere Berichte aus dem Februar zu den Gesamtmarktergebnissen bzw. aus dem April zu den Kino-Sonderformen verwiesen, dort finden Sie auch jeweils Links zu den weiteren Statistiken.

Ergänzend anzumerken ist natürlich, dass weiterhin das gilt, was schon im Februar der Fall war: Die Entwicklung des Kinobestandes spiegelt die tatsächliche Situation womöglich nicht gänzlich adäquat wieder - was sich allerdings infolge dessen zeitnah ändern könnte, dass die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht mit Ablauf des Monats April endete. Dennoch lässt sich, wie Völkert betonte, derzeit keine seriöse Aussage darüber treffen, wie sich die zuletzt erstmals seit vielen Jahren wieder negative Bestandsentwicklung fortsetzen wird. Trotz einiger bedauerlicher Schließungen ist ein größeres Kinosterben bislang jedenfalls ausgeblieben, beispielhaft sei hier als gute Nachricht auch noch einmal die Rettung des Frankfurter Eldorado durch Christopher Bausch genannt.

Durchaus klarer ist das Bild dank einer von der FFA beauftragten GfK-Studie zum Besuchsverhalten der Kinogänger in den ersten sechs Monaten nach einer Wiedereröffnung - und es ist vor allem der Vergleich mit einer vorangegangenen Umfrage aus dem Juli 2020, der optimistisch stimmt. Auch wenn - das lässt sich nicht verschweigen - die Ergebnisse nicht ganz ohne Schattenseite sind.

Daher auch der negative Punkt zuerst: Ganze 15 Prozent der Befragten erklärten im Januar 2021, vorerst ganz darauf verzichten zu wollen, ins Kino zu gehen. Das ist auf den ersten Blick ein doch erheblicher Anteil - allerdings spielen hier diverse Gründe eine Rolle, die in der Mehrheit durchaus temporärer Natur sein sollten. Dazu später mehr. Vor allem aber sollte man bedenken, dass dieser Wert im Juli 2020 noch bei eher beunruhigenden 28 Prozent lag.

Während dieser Vergleich schon zeigt, dass etwaige Vorbehalte klar auf dem Rückzug sind, lässt sich an anderen Angaben doch sehr deutlich ablesen, wie stark die Sehnsucht der Kinogänger nach dem Leinwanderlebnis gestiegen ist. Gaben im Juli 2020 noch zwei Prozent der Umfrageteilnehmer an, innerhalb der ersten sechs Monate nach Wiedereröffnung sogar häufiger ins Kino gehen zu wollen, waren es zu Beginn dieses Jahres ganze sieben Prozent. Der Anteil derjenigen, die binnen eines halben Jahres zu ihrem normalen Besuchsverhalten zurückkehren wollen, stieg von 49 auf 64 Prozent. Seltener oder gar deutlich seltener wollten zuletzt nur noch 14 Prozent kommen, gegenüber 21 Prozent im Sommer 2020.

Wer den Blick in die Glaskugel nicht scheut, für den sei noch kurz auf die persönliche Prognose von Frank Völkert hingewiesen, der - betont optimistisch - schätzt, dass eine Befragung im Juli 2021 einen Anteil von 91 Prozent an Kinogängern ergeben würde, die wenigstens zu ihrem normalen Besuchsverhalten zurückkehren wollten. Das sei einmal so in den Raum gestellt.

Wo aber liegen mögliche Bedenken? Hier lohnt sich der Blick zurück ins Jahr 2020 und auf eine weitere Umfrage nach den Gründen dafür, warum Konsumenten in den sechs Monaten seit der damaligen, kurzlebigen Wiedereröffnung nicht im Kino waren. Auch hier sei vorangestellt: Der Anteil von 33 Prozent, die (bei möglichen Mehrfachnennungen) angaben, kein Interesse an Kino zu haben oder darauf verzichten zu können, sollte aufhorchen lassen - zumal laut Völkert ein Großteil dieser Stimmen aus den Reihen neuer SVoD-Abonnenten kam.

Allerdings entfiel ein erheblicher Anteil der Antworten auf Faktoren, die im Lauf des Jahres 2021 - teils sogar sehr schnell - keine auch nur annähernd so große Rolle wie 2020 mehr spielen sollten, allen voran die "nicht ansprechende Filmauswahl" (35 Prozent - und überdurchschnittlich oft von 10- bis 29-Jährigen genannt) und die "Sicherheitsbedenken wegen Corona" (27 Prozent). Auch der "Zeitmangel" (18 Prozent) ist laut Völkert durchaus mit Corona-Phänomenen wie geschlossenen Schulen und fehlender Kinderbetreuung verbunden, auch das "Fehlen der gewohnten Kinoatmosphäre" (13 Prozent) und "Störende Hygienevorschriften" (zehn Prozent) sollten sich über kurz oder lang erledigt haben.

Was aber bedeutet das potenzielle Besucherverhalten für die potenziell noch in 2021 zu erzielenden Kinozahlen? Die FFA wagt sich an dieser Stelle tatsächlich an eine konkrete Prognose - wobei Völkert einschränkte, dass diese auf einem Halbjahr mit einem gänzlich (!) regulären Kinobetrieb beruhe, also einer bundesweiten Öffnung ohne Abstandsauflagen. Dass dies zum 1. Juli tatsächlich schon Realität werden könnte - man muss es bezweifeln.

Genannt seien die Zahlen natürlich dennoch: So geht die FFA auf Basis der Besucherbefragung gegenüber einem "normalen" Durchschnittshalbjahr in den ersten sechs Monaten des wiederaufgenommenen Spielbetriebs von Rückgängen um 14 Prozent aus. Ausgehend von einem "Normalniveau" von 50,8 Mio. Besuchern und 443,9 Mio. Euro Umsatz wären das 43,9 Mio. verkaufte Tickets und 383,5 Mio. Euro Umsatz.

Kurz noch zu weiteren Zahlen aus 2020: Dass zahlreiche Statistiken respektive Vergleiche aufgrund der Ausnahmesituation nur bedingt Sinn machen, liegt auf der Hand, beispielhaft sei nur die deutliche Steigerung der Online-Quote genannt, die schon deshalb zwingend war, weil der Vorverkauf vielfach zur Voraussetzung für einen Kinobesuch wurde - insbesondere in den Autokinos. Dennoch weisen die Erhebungen zu den Abwanderungsbewegungen eine hochinteressante Auffälligkeit auf. Denn dass es 2020 ganze 13,2 Mio. "Abwanderer" aus dem Kinomarkt gab, überrascht angesichts der Umstände ebensowenig wie die grundsätzliche Tatsache, dass Home Video Millionen neuer Nutzer gewann. Dass deren Zahl aber nur bei 5,5 Millionen lag und 7,7 Millionen Nutzer gänzlich aus dem Filmmarkt abwanderten (was man kaum als dauerhafte Entwicklung interpretieren kann) - das überrascht dann doch.

Erwartungsgemäß ist SVoD der klare Profiteur der Entwicklung, tatsächlich zeigten die brandneuen Zahlen für das erste Quartal 2021 nicht nur, dass sich der Negativtrend beim physischen HE-Geschäft sogar noch deutlich beschleunigt hat - die Umsätze sanken demnach gegenüber dem ersten Quartal 2019 von 133 auf nur noch 94 Mio. Euro, trotz positiver "Zuwanderungseffekte" durch die Kinoschließungen im Vorjahr. Vielmehr sanken auch die TVoD-Umsätze von 41 auf 37 Mio. Euro, während EST bei 67 Mio. stagnierte. SVoD hingegen machte einen weiteren immensen Sprung - von 342 auf 521 Mio. Euro Umsatz alleine in den ersten drei Monaten des Jahres.

Platzhirsch nach Abos ist mit 13 Millionen laut Völkert übrigens Amazon Prime, gefolgt von Netflix mit 11 Millionen und Disney+. Bei den Umsätzen ist Netflix allerdings weit voraus, schließlich fallen unter das Prime-Abo eine ganze Reihe nicht-filmbezogener Services.

Abschließend noch eine Zahl, die für eine weitere Entlastung der Kinos und eine Belastung der FFA steht: Nachdem beschlossen wurde, für die Filmabgabe keine Hochrechnung von in 2020 erzielten Umsätzen vorzunehmen, sind in diesem Jahr laut Völkert ganze 86 Prozent der Leinwände abgabefrei.