Kino

"Wir haben es in der Hand"

Zwischen Hoffen und Bangen schwankte beim virtuellen Filmtheaterkongress die Debatte um das Kinofenster und seine Neuverhandlung - die schon mit ganz grundsätzlichen Problemen verbunden ist, wie Fred Kogel deutlich machte. Der HDF will das Thema unterdessen bei den Hörnern packen.

18.05.2021 18:27 • von Marc Mensch
Torsten Frehse, Christine Berg, Gregory Theile und Peter Dinges diskutierten im Studio im ehemaligen IMAX am Potsdamer Platz, Yvonne Magwas, Fred Kogel und Steffen Presse waren live zugeschaltet (Bild: HDF Kino)

Dass ein Filmtheaterkongress in diesen Tagen nicht an einer Auseinandersetzung mit den Auswertungsfenstern vorbeikommen kann, liegt auf der Hand. Schließlich gab es in den vergangenen Monaten kaum ein vergleichbar heiß diskutiertes Thema - und noch weniger eines, bei dem sich in den USA eine derartige Revolution vollzog, die zumindest bis zu einem gewissen Grad nicht nur temporärer (sprich: pandemiebedingter) Natur ist. So unvermeidlich die Debatte also war, so sehr durfte man sich im Vorfeld die Frage stellen, wie viel Erkenntnisgewinn von einem Gespräch zu erwarten war, an dem diejenigen, die die Entwicklung zuletzt forcierten, nicht teilnehmen würden.

Primärer Adressat der Debatte schien am Ende - diesen Eindruck verstärkten die einleitenden Worte von Christine Berg zum grundsätzlichen Unterschied zwischen dem gesetzlich geregelten Kinofenster und dem sogenannten "Gentlemen's Agreement" für hierzulande nicht geförderte Filme nur - vor allem die Politik zu sein, bei der sich die Kinoverbände seit geraumer Zeit für gesetzliche Regelungen nach dem Vorbild des französischen Modells stark machen, in dessen Rahmen aktuell auch noch internationale Kinostarts strikten Fensterregelungen unterliegen.

Wie wir exklusiv berichteten, ist der Bundestag auf dem Weg (die verschobene zweite und dritte Lesung der kleinen FFG-Novelle ist nun für Donnerstag angesetzt), dem Bestreben der Kinos mit einer neuen Norm entgegenzukommen, die grundsätzliche Verkürzungen der gesetzlich geregelten Sperrfristen über bestehende Ausnahmen hinaus für den Fall ermöglicht, dass eine Branchenvereinbarung über den Umgang mit nicht-geförderten Filmen gefunden wird. Mit der kurzfristig eingebrachten Änderung des Gesetzesentwurfs habe man einen Kompromiss geschaffen, der den "dynamischen Zeiten ein Stück weit gerecht werden" solle, wie es die filmpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Yvonne Magwas, ausführte.

Doch wie steht es um die Chancen auf eine solche Einigung? Leonine-Geschäftsführer Fred Kogel sprach in diesem Zusammenhang nicht nur sehr offen über seine eigenen Vorstellungen, sondern benannte auch klar die hohen Hürden, die eine solche Vereinbarung nehmen müsste - die er selbst ausdrücklich als "wünschenswert", aber eben "sehr schwierig zu erreichen" bezeichnete. So ist selbstverständlich nicht nur die Kino- sondern auch die Verleihlandschaft sehr heterogen, teils könnten die Interessen kaum unterschiedlicher sein, wie übrigens auch Neue-Visionen-Geschäftsführer Torsten Frehse als starker Verfechter eines langen Exklusivzeitraums für die Kinos klar machte. Denn es stehen sich nicht nur Unternehmen mit bzw. ohne eigene Streamingplattform gegenüber - sondern natürlich auch solche mit einem hohen oder einem (verschwindend) geringen Anteil an deutschen Filmen, dessen Auswertungsregeln den von der Politik mit dem neuen FFG gewährten Verhandlungshebel darstellen.

Natürlich wurde von FFA-Vorstand und Moderator Peter Dinges die wichtige Frage gestellt, ob die Politik bereit sei, einen Schritt weiterzugehen, sollte die mit der Neuregelung propagierte Brancheneinigung nicht zustande kommen. Die Antwort von Yvonne Magwas, dass sie trotz zahlreicher skeptischer Stimmen optimistisch sei, dass die Branche an einem Strang ziehe und das Scheitern entsprechender Bemühungen durchaus eine Aussage wäre (dass der Wunsch der Branche nach einer Regelung doch nicht so groß sei, Anm.d.Red.), stellte Kinopolis-Geschäftsführer Gregory Theile allerdings noch nicht ganz zufrieden, denn gerade im kulturellen Sektor könne man seiner Auffassung nach die Konzentration von Marktmacht womöglich nicht gänzlich "dem freien Spiel der Kräfte" überlassen. Einzelvereinbarungen nach dem Vorbild der USA hält er unterdessen für denkbar - nicht umsonst hat Kinopolis zusammen mit weiteren familiengeführten Unternehmen die Verhandlungsgruppe "Cinema Family Group" gegründet (wir berichteten). Vor allem aber betonte Theile an dieser Stelle, dass ein Szenario denkbar sei, in dem ein oder zwei große Studios das Verhalten zahlreicher anderer Marktteilnehmer mittelbar mitbestimmen könnten, schließlich wolle keiner benachteiligt werden. Auch dies natürlich eine hohe Hürde für entsprechende Verhandlungen.

Wo aber liegen beispielsweise die Vorstellungen von Leonine? Grundsätzlich sei man offen für jede Diskussion, zumal man auf das Kino als starke Auswertungsform setze, so Kogel. Er selbst sehe für Lizenztitel sechs bis acht Wochen als möglichen Mindestzeitraum einer Kinoexklusivität, bei geförderten deutschen Filmen könne man über zwei bis drei Monate reden - wobei es im Grunde keinen Sinn mache, an dieser Stelle zu unterscheiden. Wichtig wäre ihm dabei ein zentrales Element des französischen Modells: ein "Ausnahmetatbestand" für Filme, die nach zwei Wochen eine bestimmte Besucherhürde nicht nehmen würden. Grundsätzliche Zustimmung gab es dafür von Theile, der sich parallel dazu aber (natürlich) lieber auf drei Monate als realistische Vorstellung kaprizierte, als auf sechs Wochen.

Zustimmung kam auch von Quantum-Kino-Geschäftsführer Steffen Presse, der zwar zu bedenken gab, dass diverse Filme durchaus mehr als zwei Wochen benötigten, um sich über Mundpropaganda ihr Publikum in der Fläche zu erarbeiten, der sich aber grundsätzlich aufgeschlossen für die Idee der Flexibilisierung zeigte - wie er sich auch persönlich durchaus vorstellen könne, Online-Auswertungen von Filmen in die Hände der Kinos zu geben. "Wenn wir Menschen vor Ort glücklich machen können, warum dann nicht auch digital?", so Presse, der zu bedenken gab, dass diejenigen, die eine besonders enge Bindung zum Publikum hätten, auch für eine digitale Auswertung womöglich besser aufgestellt seien als ein anonymer Dienst. "Unser Geschäftsmodell ist es, Menschen zusammenzubringen und zu begeistern", so Presse, der sich dafür aussprach, gemeinsam nach Wegen zu suchen, um den sprichwörtlichen Kuchen zu vergrößern. Er jedenfalls zeigte sich zuversichtlich, dass diejenigen, die das Kino liebten, auch immer ein Interesse daran haben würden, seine Exklusivität zu bewahren.

Keine Frage ist das für Torsten Frehse, der sich ebenfalls für eine Branchenlösung, dabei aber dediziert gegen "panisches Handeln", wandte. Er selbst sieht in einer Kinoauswertung mit solidem Fenster nach wie vor die beste Strategie für alle Seiten. "Wer Day&Date plant, traut seinem Film nicht", so Frehse - der Kinobetreiber aufforderte, entsprechen genau hinzusehen. Gleichzeitig verwies er nicht nur darauf, dass der weltweite Online-Boom nicht annähernd ausgereicht habe, um die durch die Pandemie weggebrochenen Kinoumsätze auszugleichen. Sondern auch darauf, dass man im Segment TVoD (also dem kostenpflichtigen Einzelabruf) im Gegensatz zu SVoD eher von einer Stagnation reden müsse.

Was am Ende einen ganz entscheidenden Punkt berührt, den Fred Kogel gleich zu Beginn der Debatte in den Raum stellte: Aktuell könne man schlicht noch nicht sagen, wohin sich die unterschiedlichen Modelle bewegen würden. Denn wenngleich man während der Pandemie zahlreiche Erfahrungen - positive wie negative - gemacht habe, seien diese doch vor dem Hintergrund außergewöhnlicher Umstände erfolgt und noch in keiner wie auch immer gearteten Form an normalen Bedingungen zu messen gewesen. Kogel verwies dabei nicht zuletzt auf ein stark reduziertes Filmangebot, das den einzelnen großen neuen Titeln per se hohe Visibilität beschere. Wobei er durchaus feststellte, dass die Veränderungen nicht aus dem Nichts gekommen, sondern zumindest teilweise durch die Pandemie nur beschleunigt worden seien. Insbesondere die viel zu hohe Zahl an Kino-Neustarts sei ein Problem, das bereits zuvor dringend habe adressiert werden müssen.

Die vielen - und großen - Unbekannten sind es am Ende denn auch, die unter anderem Gregory Theile trotz aller Zuversicht angesichts der bevorstehenden Rückkehr des Kinos warnen lassen: "Wir wären als Branche gut beraten, nicht alles auf einen Schlag einzureißen." Vielmehr gelte es, sich einer neuen Flexibilität zu nähern, ansonsten könne am Ende eben doch eine "existenzielle Gefahr" für die Kinos drohen. Denn dass drastische Verkürzungen des exklusiven Kinozeitraums Besucher kosten würden, werde laut Theile "niemand ernsthaft bezweifeln". Und bei Besucherrückgängen um die zehn Prozent spreche man am Ende womöglich nicht nur über zehn Prozent weniger Ertrag - sondern vielleicht die ausschlaggebenden Prozent, die über den Erhalt eines Kinos entscheiden könnten.

Der HDF Kino jedenfalls wird - das kündigte Christine Berg an - das Thema proaktiv angehen. Natürlich würden entsprechende Gespräche nicht einfach, aber man müsse damit einfach anfangen - und werde dazu schon bald an einen runden Tisch laden. Ihr Aufruf - und gleichzeitig das Schlusswort: "Wir haben es in der Hand!"