Kino

"Großartige Jahre werden kommen"

Während in Deutschland immer mehr Bundesländer erste Perspektiven für eine Wiedereröffnung von Kinos unter strikten Auflagen erarbeiten, ist die spanische UCI-Schwester Cinesa seit Ende März wieder mit sämtlichen Häusern am Start. Über die Erfahrungen sprachen wir mit Geschäftsführer Ramón Biarnés, der als Director Southern Europe der Odeon Cinemas Group auch UCI leitet.

14.05.2021 14:13 • von Marc Mensch
Ramón Biarnés ist Managing Director Southern Europe der Odeon Cinemas Group (Bild: Limbo Agency)

Noch ist offen, wann die UCI-Kinos in Deutschland wieder flächendeckend öffnen werden - doch sie werden dies jedenfalls auch auf Basis von bis dahin gesammelten Erfahrungen der Mutter Odeon Cinemas Group (diese wiederum Tochter der weltweit größten Kette AMC) tun können. Denn während die britischen Häuser am 17. Mai öffnen werden, sind sämtliche Häuser der spanischen Cinesa bereits seit März wieder am Start. Wir sprachen mit Ramón Biarnés, der als Managing Director Southern Europe der Odeon Cinemas Group für die Märkte Spanien, Italien, Deutschland und Portugal verantwortlich ist.

BLICKPUNKT: FILM: Zumindest in Teilen Spaniens durften Kinos bereits seit dem Sommer vergangenen Jahres wieder spielen - wenngleich natürlich mit erheblichen Einschränkungen. In welchem Umfang hat Cinesa seine Häuser wieder geöffnet?

RAMÓN BIARNÉS: Wir haben jetzt seit dem 26. März alle unsere Kinos in Spanien geöffnet. Es stimmt, dass einige Einschränkungen gelten, die sich je nach Region unterscheiden. Wir haben uns aber, genau wie andere Kinobetreiber auch, dazu entschieden, komplett zu öffnen.

B:F: Welche Sicherheitsmaßnahmen wurden dafür umgesetzt?

BIARNÉS: Wir halten uns natürlich strikt an alle Empfehlungen und Vorgaben der Behörden wie z.B. die Abstandsregeln und das Tragen von Masken während des gesamten Aufenthaltes. Dies gilt sowohl für die Mitarbeiter, wie auch für die Gäste. Wir haben außerdem eindeutige und auffällige Hinweise in sämtlichen Standorten platziert, um sicherzustellen, dass die Gäste die Vorgaben kennen und diese auch befolgen.

B:F: Ist es unter den gegebenen Umständen überhaupt möglich, Standorte zumindest kostendeckend zu betreiben?

BIARNÉS: Ja - und unser Team aus der Sales-Abteilung war sehr aktiv. Wir haben etwa Verträge mit Kirchen und anderen Vereinigungen abgeschlossen, die ihre Veranstaltungen nicht in den üblichen Räumlichkeiten durchführen konnten und diese dann stattdessen bei uns umgesetzt haben. Kinos sind die besten Orte für diese Veranstaltungen. Wir haben genug Platz, damit ordentliche Abstände gewahrt bleiben können und bieten außerdem einen großartigen Service für unsere Kunden. Um noch ein anderes Beispiel zu nennen: In Schottland werden unsere Kinos von den lokalen Behörden für Gerichtsverhandlungen genutzt - und das funktioniert auch sehr gut.

B:F: Was stellt aktuell das größte Hindernis dar? Kapazitätsbeschränkungen? Mangelnde Filmauswahl? Oder vielleicht sogar Zurückhaltung bei den Gästen wegen pandemiebedingter Bedenken?

BIARNÉS: Die Hauptprobleme waren bislang der Mangel an Content und die regionalen Unterschiede bei den Beschränkungen, respektive die Unbeständigkeit mancher Regelungen - das hat zu enormen operativen Schwankungen geführt. Ich verstehe grundsätzlich, dass die Studios bzw. Verleiher angesichts der bestehenden Beschränkungen zurückhaltend bei der Terminierung bestimmter Filme sind. Aber wenn sie uns nicht unterstützen, werden wir auch nicht in die Lage kommen, ihnen wieder das zu zeigen, was wir zum Beispiel 2019 erreicht haben, als die Kinos Rekordbesuche verzeichneten. In den Ländern, in denen die Studios eng mit den Kinobetreibern zusammengearbeitet haben - wie etwa in China oder Japan - sind bereits wieder historische Rekordumsätze erzielt worden. Das bestätigt doch, dass die Menschen wieder ins Kino zurückkehren wollen.

B:F: Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung, die der spanische Markt in diesem Jahr bislang genommen hat?

BIARNÉS: Seit wir am 26. März wieder alle Kinos geöffnet haben, sehen wir ein Besucherniveau von etwa 35 bis 40 Prozent dessen, was wir 2019 im Schnitt erzielen konnten. Ohne die Restriktionen könnten wir sogar mit mittelstarken Filmen auf 80 Prozent kommen. Das gibt uns das gute Gefühl, dass die Menschen die Kinoerfahrung auch hier wieder genießen wollen. Um Ihre Frage also geradeheraus zu beantworten: Als Geschäftsführer kann ich sagen, dass ich zufrieden bin und große Hoffnung hege, dass großartige Jahre kommen werden.

B:F: Der britische Verleiherverband hatte Anfang April Umfrageergebnisse veröffentlicht, wonach das dortige Publikum es gar nicht erwarten könne, ins Kino zurückzukehren, 40 Prozent der Befragten gaben demnach an, eine Rückkehr bereits innerhalb der ersten Wochen nach Wiedereröffnung zu planen. Entspricht das den Erfahrungen, die Sie mit dem Publikum in Spanien und Portugal gemacht haben?

BIARNÉS: Ich besuche unsere Kinos in Spanien regelmäßig, um sowohl mit meinen Teams zu reden, als auch mit den Gästen ins Gespräch zu kommen - so auch in den letzten Wochen. Wissen Sie, Umfragen und Statistiken sind toll, aber für mich hat nach wie vor den größten Wert, was ich direkt von unseren Gästen höre. Und sie haben mir gegenüber einstimmig zum Ausdruck gebracht, dass sie sich in den Kinos sicher fühlen, dass sie uns vermisst haben und das sie es schlicht lieben, endlich wieder die Erfahrung machen zu können, Filme so zu sehen, wie man sie sehen muss: auf der großen Leinwand und mit dem besten Sound. Diese Einschätzung halte ich für enorm wertvoll.

B:F: Es wurde berichtet, dass Cinesa den Behörden die Nutzung seiner Standorte als Test- bzw. Impfzentren angeboten hat. Wurde dieses Angebot wahrgenommen - und welche Motivation steckte dahinter?

BIARNÉS: Wir haben das tatsächlich vorgeschlagen und das Angebot liegt nach wie vor auf dem Tisch. Die Behörden haben unsere Initiative begrüßt und uns signalisiert, dass sie darauf zurückkommen wollen, falls sie nicht anderweitig genug Platz haben, um den Impfplan in den kommenden Wochen umzusetzen. Wir verfügen über große Räumlichkeiten und die notwendige Technologie, um diesen Prozess zu unterstützen - und wir wollen gerne jegliche Hilfe anbieten, um möglichst schnell zu einer gewissen Normalität zurückkehren zu können.

B:F: Obwohl Spanien während der Pandemie extrem kritische Zeiten durchmachte, ist die Situation dort - und umso mehr in Portugal - zum Zeitpunkt unseres Gesprächs stabiler als etwa in Deutschland. Was denken Sie, wurde bei Ihnen im Kampf gegen Covid-19 letztlich richtig gemacht?

BIARNÉS: Ich sage stets, dass niemand, erste recht keine Regierung, Erfahrung mit einer solchen Situation hatte. Glücklicherweise möchte man sagen, aber es war auch ein Unglück. Denn uns wurde jetzt quasi abverlangt, das Rennen zu meistern, während wir gerade unsere ersten Schritte lernten - es war eine hässliche Situation, die da zu bewältigen war. Ich erinnere daran, dass einmal zu lesen war, Neuseeland oder ein paar andere Länder hätten es perfekt gemacht - und doch standen auch sie Wochen später vor Problemen. In diesem Sinne hat es vielleicht niemand wirklich richtig, aber auch niemand wirklich falsch gemacht. Hier in Spanien wurden beispielsweise Restaurants und Kinos in Madrid offen gehalten, während andere Regionen diesem Beispiel nicht folgten - und die Zahlen zeigen, dass es keine eindeutig richtige oder falsche Entscheidung gab. Ich persönlich bin überzeugt davon, dass die Impfungen den Unterschied machen werden und ich freue mich, wenn ich lesen kann, dass man in Ländern wie Israel, wo 70 Prozent der Bevölkerung geimpft wurden, wieder ein normales Leben ohne Masken oder soziale Distanz führen kann. Das gibt mir die Hoffnung, dass es in Europa und auf der ganzen Welt bald genauso sein wird.

B:F: Denken Sie, dass sich die Politik in Deutschland zu zögerlich zeigt, sich auf bewährte Sicherheitsmaßnahmen und die Einschätzungen von Experten - wie sie unter anderem bereits in mehreren Studien zutage treten, die Kinobesuchen ein sehr niedriges Infektionsrisiko bescheinigen - zu stützen, wenn es um die Frage der Zulässigkeit kultureller Veranstaltungen geht?

BIARNÉS: Ich werde nicht kritisieren, was die Politiker tun, denn ich denke, dass ihre Aufgabe in dieser Situation schwierig genug war und ist. Worum ich sie allerdings bitten möchte, ist, sich anzusehen, wie andere Länder vorgegangen sind. Wenn man sieht, dass wir in Spanien geöffnet haben und es keine Ansteckungen in den Kinos gab, könnte man dem Beispiel dann nicht folgen? Die Menschen sind es leid, zu Hause eingeschlossen zu sein - und wir sollten es im Auge behalten, die graduelle Rückkehr zur Normalität auf sämtlichen Ebenen zu vollziehen. Warum etwa kann ich in einem Flugzeug längst wieder ohne jeglichen Mindestabstand reisen - aber in Deutschland nicht in ein Kino gehen, wo es keine Infektionen gab?

B:F: In der Schweiz und in Italien dürfen Kinos wieder öffnen, in England sollen sie am 17. Mai folgen, zwei Tage später in Frankreich und Österreich. Könnte es zum Problem für deutsche Betreiber werden, dass große US-Titel womöglich in zahlreichen europäischen Märkten gestartet werden könnten, lange bevor Kinos hierzulande wieder spielen dürfen?

BIARNÉS: Wenn ich mir die aktuelle Entwicklung des Infektionsgeschehens betrachte, würde ich denken, dass Deutschland hinsichtlich der Öffnungsperspektive nicht weit hinterherhinken wird. Ich gehe davon aus, dass die Verleiher im Lauf des Monats auch zunehmend fixe Starttermine für ihre Filme setzen und die Planungssituation damit immer verlässlicher werden wird. Das ist zumindest meine aufrichtige Hoffnung.

B:F: Was bedeutet das Abkommen zwischen AMC und Universal für die Rolle, die UCI als Mitglied des HDF Kino in dessen Kampf für das Kinofenster spielen kann?

BIARNÉS: Wir sprechen von einem Abkommen für die USA, es ist nicht gesagt, dass es in Europa genauso laufen wird. Wir stehen in ständigem Austausch mit den Verleihern über derartige Themen und ich kann nicht über etwas sprechen, das noch in der Diskussion ist.

B:F: Obwohl es sich von vornherein um ganz offensichtlich unfundierte Gerüchte handelte, waren viele Medien nur allzu schnell bereit, sich auf Spekulationen zu stürzen, Amazon wolle AMC kaufen. Sehen Sie einen Mangel an Vertrauen in die Standhaftigkeit des Kinos?

BIARNÉS: Seit es das Kino gibt, gibt es Gerüchte aller Art - angeblich sollten wir ja sofort sterben, als die VHS aufkam. Wenn ich alle Gerüchte und Spekulationen um Kinos und deren Käufer auflisten würde, könnte ich ein Buch füllen. Das Kino existiert seit über 100 Jahren und auch wenn ich es selbst leider nicht erleben werde, bin ich doch überzeugt davon, dass noch wenigstens 100 weitere Jahre vor ihm liegen. Also keine Sorge.

Das Gespräch führte Marc Mensch