Kino

Katharina Albrecht-Stadler von der Akademie des Österreichischen Films: "Die heimische Branche stärken"

Katharina Albrecht-Stadler ist seit Anfang des Jahres Geschäftsführerin der Akademie des Österreichischen Films. Im Gespräch wirft sie einen Blick auf das Nominierungsprozedere, die am 8. Juli anstehende Verleihung des Österreichischen Filmpreis, das aktuelle Filmschaffen und neue Ideen.

14.05.2021 08:06 • von Barbara Schuster
Katharina Albrecht-Stadler (Bild: AOEF)

Katharina Albrecht-Stadler ist seit Anfang des Jahres Geschäftsführerin der Akademie des Österreichischen Films. Im Gespräch wirft sie einen Blick auf das Nominierungsprozedere, das aktuelle Filmschaffen und neue Ideen.

Sie haben die Geschäftsführung seit 1. Januar 2021 inne. Wie haben Sie Ihren Start in diesen schwierigen Zeiten erlebt?

Sehr positiv. Weil ich eine anerkannte und wundervoll gewachsene Institution mit einem fantastischen Team übernehmen konnte. Und weil unsere Partner und Förderer weiterhin voll hinter uns stehen und uns unterstützen. Die Corona-Krise konnten wir dank des von der Regierung angebotenen Kurzarbeitergelds gut meistern. Die Verleihung des Österreichischen Filmpreises wurde auf Anfang Juli verlegt, was mir in meiner Funktion als Geschäftsführerin etwas mehr Luft verschafft. Wir sind alle guter Dinge und sehen durch die positiven Öffnungsschritte die Chance gegeben, die Preisverleihung auch wie angedacht durchführen zu können.

Die Nominierung zum Filmpreis ist abhängig von einem Kinostart, der in Corona-Zeiten schwierig, manchmal sogar unmöglich war. Haben sich die Teilnahmeregularien in diesem besonderen Jahr geändert?

Diese Thematik haben wir mit allen Filmakademien in Europa diskutiert und besprochen. Durch Corona sind wir im regen Austausch, gerade mit der Deutschen Filmakademie und der European Film Academy, was ich sehr begrüße. Wir haben uns abgestimmt, was die Richtlinien betrifft. Dieses Jahr durften schließlich auch Filme eingereicht werden, die nur einen Onlinestart hatten, weil ihr geplanter Kinostart aufgrund der Lockdowns ins Wasser fiel, wie zum Beispiel bei "Was wir wollten". Aber auch Filme, die nur sehr kurz in den Kinos waren, haben wir berücksichtigt und von der sonst vorgeschriebenen Zeitspanne abgesehen, die ein Film eigentlich im Kino gewesen sein muss. Wir haben den Produzenten gleichzeitig angeboten, dass sie ihre Filme auch noch zurückhalten und erst im nächsten Jahr einreichen können. Die Zahl der Einreichungen für den diesjährigen Filmpreis entspricht dem Angebot der letzten Jahre. Das ist erfreulich und zeigt, dass Corona das Filmschaffen nicht in die Knie gezwungen hat. Dank des tollen Hygiene- und Sicherheitskonzepts, das die Filmbranche rasch aufgesetzt hat, konnte in Österreich auch fast durchgehend gearbeitet werden.

Die Preisverleihung findet am 8. Juli erstmals im Globe in Wien statt. Was darf man sich von den Riahi-Brüdern, die für die Inszenierung verantwortlich zeichnen, erwarten?

Da es eine Inszenierung sein wird, die von Überraschungen lebt, darf ich nicht viel verraten. Es wird eine Hommage ans Kino sein, an die Magie dieses Augenblicks, dieses Sich-verzaubern-lassen. Mit Alexandra Maringer und Klaudia Kiczak haben wir tolle Ausstatterinnen an Bord, die sich Gedanken über das Szenenbild macht. Das Globe als Austragungsort bietet uns viele schöne Möglichkeiten. Im Wiener Rathaus, wo die Preisverleihung üblicherweise jedes zweite Jahr im Wechsel mit Grafenegg in Niederösterreich stattgefunden hat, wäre es bei den notwendigen Sicherheitsmaßnahmen bezüglich Abstandsregeln schwerer machbar gewesen. Der Theaterraum des Globe ist diesbezüglich dankbarer und besser zu nutzen.

Neuer Partner bei der Filmsichtung ist der Kino VoD-Club. Diese Partnerschaft soll jedoch auch auf andere Kooperationen ausgeweitet werden...

Der Kino VoD-Club hat uns eine Plattform programmiert, über die die nominierten Filme gestreamt werden und über die auch das Voting stattfinden kann. Die "Zettelwirtschaft" ist somit hinfällig geworden. Das Online-Voting-Verfahren hat sogar zu einer erhöhten Wahlbeteiligung geführt, wahrscheinlich dank der Vereinfachung. Darüber hinaus wollen wir in Kooperation mit dem Kino VoD-Club einen Lei(n)wand Kino-Club für Jugendliche einrichten. Die Nähe der Filmakademie des Österreichischen Films zum jungen Publikum ist dadurch schon gegeben, dass wir jedes Jahr gemeinsam mit der European Film Academy den Young Audience Award organisieren. Dieser Event fand bis dato immer in Kinos verteilt in verschiedenen Städten Europas statt. 2020 und 2021 musste der EFA Jugendpreis Corona-bedingt digital abgehalten werden. Es hat sich gezeigt, dass wir durch das Onlineformat wesentlich mehr Kinder und Jugendliche im ländlichen Raum erreicht haben, wo keine Kinos in unmittelbarer Nachbarschaft sind. Wir erhielten begeisterte Rückmeldungen über die neu gegebene Möglichkeit der Teilnahme. Dies ermutigte uns zu der Überlegung, für diese Zielgruppe auch unterjährig ein Angebot zu schaffen. Über den Lei(n)wand Kino-Club soll einmal im Monat ein österreichischer, oder auch europäischer, Jugendfilm gezeigt werden mit anschließender Diskussionsrunde. Die Zusammenarbeit mit dem Kino VoD-Club kann ich mir auch bei anderen Formaten vorstellen, wie etwa bei der Kurzfilmschau, die die Akademie des Österreichischen Films schon lange mit den österreichischen Kulturinstituten im Ausland durchführt. Eine VoD-Plattform eröffnet viele Möglichkeiten.

Gibt es in der Akademie als Botschafterin des österreichischen Films Stellschrauben, an denen gedreht werden muss?

Wir dürfen nicht aufhören, das österreichische Filmschaffen, die Werke und die Menschen, die dahinterstehen, im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten und die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Es gibt immer noch Schichten, die dem heimischen Filmschaffen nicht so zugetan sind. Die amerikanischen Blockbuster haben einfach mehr Marketingbudget und erreichen die breite Masse leichter. In unserer überladenen Welt, in der es um das Buhlen um Aufmerksamkeit geht, ist es nicht einfach. Wem widmet man seine Aufmerksamkeit? Dem, der am lautesten schreit? Der am buntesten angezogen ist? Für uns gilt es, gezielte Maßnahmen auszuarbeiten und umzusetzen, um das österreichische Filmschaffen im Bewusstsein einer möglichst breiten Öffentlichkeit zu stärken. Diesbezüglich gibt es Überlegungen, dass Institutionen, die von Haus aus für das österreichische Filmschaffen stehen, mehr zusammenrücken, eine gemeinsame Initiative bilden. Ich finde es sinnvoll, nicht gegeneinander, sondern miteinander zu arbeiten. Auch die Sender sind ein wichtiger Partner, um die Filme sichtbarer zu machen. Wir können noch so tollen Content produzieren, haben aber nichts davon, wenn er in der Schublade landet. Die Akademie hat diesbezüglich schon erfolgreich um bessere Sendeplätze für österreichische Filme beim ORF gekämpft. Auch wollen wir verstärkt einen Blick hinter die Kamera werfen und zeigen, dass Film Teamarbeit ist und tolle Berufsfelder bietet. Der Fachverband der Filmwirtschaft hat unlängst eine Studie erhoben, wie viele Unternehmen im Filmbereich arbeiten. Das sind zig Tausende. Beim Film wird viel Geld umgesetzt, neben dem kulturellen gibt es auch den wirtschaftlichen Faktor zu bedenken. Mir ist es ein großes Anliegen, die heimische Branche über die Akademie als Botschafterin nach außen, aber auch nach innen zu stärken.

Mit welchen aktuellen Projekten sind Sie derzeit beschäftigt? Welche Themen stehen auf Ihrer Agenda?

Ich habe meinen Start bei der Akademie für eine Mitgliederumfrage genutzt, um herauszufinden, was unsere Mitglieder von uns denken und über unsere Arbeit wissen. Es stellte sich heraus, dass der Österreichische Filmpreis natürlich am ehesten mit uns verbunden wird. Aber wir machen noch viel mehr, wie den erwähnten Young Audience Award oder die Kurzfilmschau, den vergangenes Jahr neu eingeführten Tag der Akademie mit Symposien. Green Filming und Green Producing stehen bei uns auf der Agenda. Die Akademie selbst wurde 2020 ja mit dem Österreichischen Umweltzeichen als nachhaltige Kulturveranstaltung zertifiziert. Für mich zeichnete sich ab, dass wir durchaus an einem besseren Informationsfluss feilen können. Neu eingeführt habe ich deshalb die monatlichen, noch ausschließlich via Zoom abgehaltenen, Akademiegespräche, wo zuletzt Alexander Dumreicher-Ivanceanu vom Fachverband für Filmwirtschaft über die geplante Einführung eines Tax Incentives gekoppelt an Green Producing berichtete. Interesse bekundet hat auch die Kulturstadträtin, die mit der Branche gerne in diesem Rahmen in Dialog treten würde. Sobald persönliche Treffen wieder möglich sind, möchte ich zudem eine Art Stammtisch gründen, bei dem sich unsere Mitglieder in lockerer, ungezwungener Atmosphäre austauschen können. Der Wunsch nach mehr Begegnungen und Austauschmöglichkeiten trat ganz deutlich bei der Mitgliederbefragung zutage. Darüber hinaus beschäftigen wir uns im Zusammenspiel mit den anderen Filmakademien in Europa mit den Themen Gender, Diversität und faire Arbeitsbedingungen in der Branche, die in verschiedenen Arbeitsgruppen behandelt werden. Diese Themen im Zusammenspiel mit den europäischen Kolleg*innen aufzugreifen, finde ich sinnvoll, weil wir dadurch eine stärkere Stimme bekommen. Es gibt viel zu wenig Lobby für Kulturschaffende.

Wie ist es um Förderer, Sponsoren und Kooperationspartner bei der Akademie bestellt? Steht sie da auf sicheren Beinen?

Ich bin erstmal froh, dass wir eine relativ gesicherte Finanzierung haben. Dennoch würden Beständigkeit und Mehrjährigkeit bei den Verträgen die planerische Sicherheit befördern. Mein Anliegen ist es, vermehrt Geld aus der Wirtschaft zu bekommen, auf Regionalität und Bioprodukte zu setzen und einen Bezug zu den Unterstützern herzustellen. Nur das Logo abdrucken, reicht nicht. So etwas will ich auch nicht. Die Sponsoren wollen miteinbezogen werden, Teil des Narrativs sein. Das hat sich im Vergleich zu früher geändert, aber das finde ich auch gar nicht schlimm.

Sie sprachen bereits Vorteile an, die eine Plattform wie der Kino VoD-Club bietet. Die Corona-Pandemie befeuerte ja geradezu angesichts geschlossener Kinos die Streamingdienste. Wird das so bleiben?

Es hat sich gezeigt, dass die Welt viel Content und Geschichten braucht. Was hätten wir getan, wenn wir in der Zeit der Lockdowns die Dienste nicht gehabt hätten? Wahrscheinlich hätten wir uns die Köpfe eingeschlagen. Der Wunsch nach Inhalt, Kultur, Geschichten bleibt auch nach Corona ungebrochen. Die Frage, in welchen Formaten sich das künftig abspielt, ist die viel größere. Ich glaube ans Kino. Und ich glaube auch, dass wir durch Corona und die Lockdowns viel stärker gemerkt haben, wie wichtig dieses Gemeinschaftsgefühl ist, das man nur im Kino hat. Jeder durstet mittlerweile danach, nach draußen zu gehen, wieder unter Menschen zu kommen. Ob jeder Film im Kino überlebt, weiß ich nicht. Aber dieses Problem bestand auch schon vor Corona. Bestimmte Genres tun sich mittlerweile schwer auf der großen Leinwand. Für diese sind die VoD-Portale als alternative Wege in der Auswertung doch eine Chance.

Wenn Sie auf die diesjährigen nominierten Filme blicken: Was fällt Ihnen am aktuellen Filmschaffen Österreichs auf?

In den Filmarbeiten werden viele aktuelle, gesellschaftsrelevante Themen aufgegriffen. Zudem ist die Bandbreite groß, vom kleinen Genrebeitrag hin zum großen Ausstattungskino. Grandios finde ich vor allem die Dokumentarfilme. Neben der Vielfältigkeit zeichnet sich auch die eigene Handschrift ab: Man erkennt den österreichischen Film in seiner Machart. Für meinen Geschmack könnten noch mehr Komödien dabei sein - schließlich hat Österreich doch ein großes komödiantisches Talent. Prinzipiell lebt ein guter Film von einem guten Drehbuch. Da sollte der Fokus stärker hingehen. Wenn ich mir denke, welches Niveau viele amerikanische Serien halten, bin ich immer wieder baff. Dass ich mich auch noch in der zehnten Staffel von "Modern Family" totlachen kann, lässt auf die exzellente Drehbucharbeit zurückführen. Diesen Bereich könnten wir in Österreich auf jeden Fall noch mehr stärken und unterstützen.

 Das Gespräch führte Barbara Schuster

Zu den nominierten Filmen geht es hier.