Kino

"Streamern selbstbewusst gegenübertreten"

In einen Generationswechsel platzte die größte Krise, die das Kino je durchmachte. Wir sprachen mit zwei jungen Betreibern über ihre Vision für die Zeit nach Covid-19.

12.05.2021 13:30 • von Marc Mensch
"Zeigen, was Kino kann": Saskia und Stephan Häfner (Bild: Michael Stamp)

Im CinePlanet 5 im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg vollzog sich gerade ein Generationswechsel, als Covid-19 den KInobetrieb jäh stoppte - und nach kurzer Unterbrechung im Sommer 2020 nun seit über sechs Monaten in Folge lahm legte. Für Saskia und Stephan Häfner kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Sie blicken vielmehr nach vorne - und haben konkrete Vorstellungen davon, wie sie Kino für die Zukunft gestärkt sehen wollen.

BLICKPUNKT: FILM: Die Pandemie hat Sie mitten im Prozess der Übernahme des Kinobetriebs von ihren Eltern bzw. Schwiegereltern erwischt. Haben Sie in dieser Zeit - insbesondere den vergangenen sechs Monaten, die das Haus nun schon ohne konkrete Öffnungsperspektive geschlossen bleiben musste - je ans Aufgeben gedacht?

SASKIA HÄFNER: Nein, keine Sekunde lang. Das Kino ist das Lebenswerk meiner Eltern. Sie haben vor rund 40 Jahren mit zwei Sälen angefangen, jetzt haben wir sieben. Das wirft man nicht einfach hin. Natürlich nagt die Ungewissheit darüber an uns, wann es endlich wieder losgeht und wie sich das Geschäft dann entwickelt; natürlich trifft uns die Situation wirtschaftlich hart. Aber ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, meiner Leidenschaft zu folgen und das Kinogeschäft in vierter Generation fortzuführen. Davon lasse ich mich durch diese Pandemie sicherlich nicht abbringen. Aufgeben kommt für mich nicht in Frage. Denn das Kino kommt wieder, daran gibt es keinen Zweifel.

STEPHAN HÄFNER: Was uns in dieser Zeit vielleicht zugutekam: Eine Betriebsübernahme geschieht ja nicht von heute auf morgen, das ist ein gradueller Prozess, der schon ein paar Jahre dauern kann. In diesem Zusammenhang waren wir gedanklich eigentlich immer schon in der Zukunft, haben uns ausgemalt, was in fünf, was in zehn Jahren ist. Die Pandemie war ein harter Schlag ins Gesicht, gar keine Frage. Aber es ist uns gelungen, eine positive Einstellung zu wahren. Die Sehnsucht, umsetzen zu können, was man sich ausgemalt hat, wächst von Tag zu Tag.

SASKIA HÄFNER: Man könnte vielleicht allenfalls davon sprechen, dass die monatelangen Zwangsschließungen es meinen Eltern leichter gemacht haben, sich aus dem Tagesgeschäft zurückzuziehen. Denn sie konnten sich vorher nur schwer vorstellen, ihr Leben anders zu verbringen als bislang - und haben diese Erfahrung jetzt zwangsweise gemacht.

BF: An sich läge die Inzidenz in Schleswig-Holstein zum Zeitpunkt unseres Gesprächs bei etwa 70, bei Ihnen in Bad Segeberg sogar unter 60. Hätten Sie gewünscht, wenigstens im Rahmen eines Modellprojekts öffnen zu können?

STEPHAN HÄFNER: Selbstverständlich brennen wir darauf, so schnell wie möglich wieder zu öffnen. Aber isoliert macht das wirtschaftlich schlichtweg keinen Sinn. Wir brauchen bundesweite Öffnungen, um Neustarts zu bekommen. Nur mit Repertoire lässt sich unser Haus nicht dauerhaft betreiben.

SASKIA HÄFNER: Ich kann mir auch schlicht nicht vorstellen, ein Kino unter der Maßgabe zu öffnen, dass wir Besucher vor Ort testen müssten. Von den finanziellen und organisatorischen Aspekten einmal ganz abgesehen - ich weiß nicht, wie die Leute darauf reagieren würden.

STEPHAN HÄFNER: Zentrale Anlaufstellen, bei denen man sich für eine ganze Reihe an Unternehmungen "freitesten" kann, wären natürlich eine andere Sache - und wenn ein Modell genutzt werden könnte, um bessere Rahmenbedingungen für eine bundesweite Wiedereröffnung zu erarbeiten, wäre ich unter dieser Voraussetzung an sich gerne dabei. Aber das könnte kein dauerhafter Zustand sein, zumal ich es auch nicht für sinnvoll erachte, Konsumenten eine Scheinperspektive zu geben, die nicht erfüllbar wäre.

BF: Welche Rahmenbedingungen schweben Ihnen denn für eine wirtschaftlich tragbare Wiedereröffnung vor?

SASKIA HÄFNER: Ich persönlich wäre froh, wenn wir wenigstens wieder unter denselben Bedingungen arbeiten könnten, wie im vergangenen Sommer. Das wäre zwar alles andere als ideal, aber zumindest in der Anlaufphase denke ich, dass die Kapazitätsbeschränkungen nicht allzu sehr ins Gewicht fallen würden, denn die Menschen werden vermutlich erst wieder Vertrauen fassen müssen. Was aber vielleicht auch mit dem Bild zusammenhängt, das seitens der Politik vermittelt wird, die Kinos wie Risikoorte behandelt. Das fand ich schon im vergangenen Jahr schwierig - und es ist leider nicht besser geworden: Ich verstehe nicht, weshalb es einfach nicht zählt, dass das Ansteckungsrisiko in Kinos dank des guten Luftaustauschs extrem niedrig ist. Dass noch keine einzige Ansteckung auf ein Kino zurückgeführt wurde, kommt bei der Politik irgendwie nicht an...

BF: Kommen wir zu etwas Positiverem - Ihrer Kinophilosophie. Beim letzten HDF-Kongress in Baden-Baden ist mir eine Wortmeldung von Ihnen im Kopf geblieben: "Kino muss wieder sexy werden!" Was verstehen Sie darunter?

STEPHAN HÄFNER: Zuallererst denken wir, dass das Kino im Alltag wieder deutlich präsenter sein muss - und das schließt nicht zuletzt seine Rolle in der Bildung mit ein. Zumindest punktuell hat sich in den vergangenen Jahren ja schon etwas getan; so etwas wie SchulKinoWochen etwa kannte ich in meiner Jugend schlicht nicht. Aber ich denke, dass man das noch viel breiter aufstellen müsste, insbesondere was die Früherziehung anbelangt. Kino wird ja gerne als banal abgestempelt. Aber Kino kann sehr viel mehr als nur Lärm machen - es kann Türen zu anderen Kulturen öffnen.

SASKIA HÄFNER: Ich würde nicht nur gerne viel stärker mit Schulen zusammenarbeiten, sondern würde mir wünschen, dass man so früh wie möglich ansetzt, gerade auch bei KiTas, wie das im Rahmen einzelner Projekte, z.B. anlässlich des Kurzfilmtages, ja bereits geschehen ist. Ich denke, das wäre ein wichtiger Schritt, um mehr Wertschätzung für das Kino zu erzeugen.

BF: Sie denken, es fehlt an Wertschätzung?

SASKIA HÄFNER: Bis zu einem gewissen Grad ja - und es ist ein Phänomen, mit dem ich mich auch im Rahmen meiner Bachelorarbeit auseinandergesetzt habe. Die Menschen gehen im Schnitt sehr häufig in Restaurants - tatsächlich würden wir von einem enormen Wachstum sprechen, könnten wir den Durchschnittsbesuch im Kino auf ein vergleichbares Level heben. Im Restaurant wiederum geben sie in der Regel ungleich mehr Geld aus, als bei jedem Kinobesuch. Oder nehmen wir Freizeitparks. Die Ausgaben, die dort getätigt werden - gerade auch für Concessions - stehen in überhaupt keinem Verhältnis zu den Kosten für einen Kinobesuch mit allem Drum und Dran. Über das Kino hört man dennoch sehr häufig, es sei zu teuer, obwohl es das gerade auch im Vergleich nicht ist...

BF: Worauf führen Sie diese kritische Einschätzung zurück?

SASKIA HÄFNER: Ich glaube, dass ein Schlüssel darin liegt, die Menschen über das Geschäftsmodell Kino aufzuklären. Sogar in meinem Freundeskreis war man ursprünglich der Ansicht, wir Kinobetreiber würden selbst für Blockbuster vom Schlage eines "Star Wars" nur ein paar hundert Euro hinlegen und uns ansonsten eine goldenen Nase verdienen. Dabei könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt sein, von Ticketverkäufen alleine können wir nicht leben. Ich denke, da ließen sich durchaus Vorurteile abbauen. Es ist ja nicht so, dass es keine grundsätzliche Zahlungsbereitschaft gäbe. Auch bei uns sind die Premium-Logen mit besonders komfortablen Ledersesseln in der Regel als erste besetzt, obwohl die Tickets etwas mehr kosten. Aber wir müssen es stärker in die Köpfe bekommen, dass ein Kinoerlebnis nicht mit einem Netflix-Stream und Supermarkt-Popcorn für zwei Euro zu vergleichen ist. Und dazu gehört noch mehr als die große Leinwand und der tolle Ton.

BF: Sie wollen also das Thema Service stärker in den Fokus rücken?

SASKIA HÄFNER: Im Colloquium zu meiner Bachelorarbeit erzählte mir mein Dozent, dass er nur deshalb nicht ins Kino gehe, weil ihm der Service fehle. Wenn er wüsste, dass er nicht nur die Tickets, sondern auch Snacks und Getränke bequem von zuhause buchen könnte und diese vor Ort an den Platz geliefert bekäme, sich also nicht in irgendeine Schlange stellen müsste, würde er nicht nur ins Kino kommen - sondern wäre auch bereit, mehr zu bezahlen. Und ich denke, das ist kein Einzelfall. Auch bei uns im Kino habe ich an besonders guten Tagen schon von Gästen gehört, dass sie eigentlich noch etwas kaufen wollten, sie aber keine Lust hatten, sich noch in eine Schlange zu stellen. An dieser Stelle kann man sicherlich etwas tun. Vielleicht nicht zwangsweise mit Service am Platz, da das extrem personalintensiv wäre. Aber wenigstens mit einer Abholtheke ohne Wartezeiten.

BF: Sie haben Netflix bereits erwähnt - wie steht es denn generell um Ihren Blick auf die Streaming-Konkurrenz?

STEPHAN HÄFNER: Ich denke, dass das Kino den Streamern selbstbewusst gegenübertreten kann - gerade jetzt, wo die Leute dem andauernden Starren auf den kleinen Bildschirm sichtlich müde werden. Zudem liegt der Fokus der Streamer ganz klar bei den Serien, weil damit Kundenbindung über einen längeren Zeitraum möglich ist. Was sich übrigens auch in der Veröffentlichungspolitik bemerkbar macht: Davon, ganze Staffeln auf einen Schlag zu veröffentlichen, ist man weitgehend abgerückt, stattdessen kommen neue Folgen in der Regel wöchentlich.

SASKIA HÄFNER: Ich habe überhaupt keine Vorbehalte gegen Streamer, ich nutze sie ja selbst. Und ich denke, dass dort auch viele Filme eine gute Heimat finden, für die man im Zweifel nicht bereit wäre, Eintritt zu bezahlen, denen man im Abo aber vielleicht eine Chance gibt. Filme also, bei denen man schon sieht, weshalb sie nicht im Kino laufen mussten. Allerdings muss man selbstverständlich zugeben, dass gerade Netflix definitiv auch Produktionen hat, die auf der Leinwand bestens aufgehoben wären - und von denen ich mir auch grundsätzlich vorstellen könnte, sie zu zeigen.

BF: Die Frage der Auswertungsfenster sehen Sie also nicht allzu dogmatisch?

STEPHAN HÄFNER: Da muss man sicherlich differenzieren. Ich persönlich finde es grundsätzlich nicht verkehrt, wenn ein Verleih in einer Situation wie der Pandemie auf die Kinos zugeht und mit offenen Karten spielt, wie dies z.B. Warner mit "Scooby" gemacht hat. Man hat ihn uns mit dem Hinweis angeboten, dass die Streamingverträge schon fix seien und man uns nur ein rund vierwöchiges Fenster anbieten könne. Wir hatten die Wahl, wir haben ihn eingesetzt - und wir haben es nicht bereut. Wenn man dagegen über Facebook erfahren muss, dass ein Film, den man monatelang beworben hat, nun exklusiv bei Amazon kommt, wie das bei Der Boandlkramer und die ewige Liebe" der Fall war, dann sorgt das verständlicherweise für erheblichen Unmut. Aber grundsätzlich machen mir die Debatten um kurze Fenster oder sogar Parallelauswertungen im Einzelfall eher wenig Sorgen. Denn es geht eben nicht nur um den Film, sondern auch das Umfeld, die Atmosphäre. Wir haben nach dem ersten Lockdown tatsächlich einmal mit der provokanten Frage bei unseren Gästen vorgefühlt, ob sie sich beispielsweise einen "Bond" auch bei uns ansehen würden, wenn er ein paar Wochen später im Streaming wäre. Die Antworten fielen klar zu unseren Gunsten aus. Insofern sehe ich Streamingdienste selbstverständlich als Mitbewerber. Aber wenn sie hochqualitative Filme haben, dann würde ich die Chance gerne wahrnehmen, ihnen auch eine Bühne auf der großen Leinwand zu geben.

SASKIA HÄFNER: Wir müssen selbstbewusst mit dem umgehen, was Kino kann. Natürlich fände ich es nicht gut, wenn sich Parallelauswertungen häufen würden. Aber Filme wie "Scooby!" oder Trolls World Tour" haben bei uns gezeigt, dass auch größere Familiengruppen gerne kommen, obwohl es für sie im Stream viel günstiger gewesen wäre. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Studios sich die Kinoeinnahmen ohne Not torpedieren würden, schließlich können sie darauf nicht verzichten, erst recht nicht bei den wirklich großen Filmen. Zudem sehe ich Raum für neue Vereinbarungen, gerade bei sehr kurzen Fenstern sollte man natürlich auch über niedrigere Leihmietensätze sprechen können. Was mich übrigens noch zu einem anderen Thema bringt, das mir auf dem Herzen brennt: Zu den grundsätzlichen Einsatzbedingungen, dem Zwang, Filme auch in Schienen einzusetzen, in denen sie nachweislich keine Besucher bringen. Ich verstehe nicht, weshalb man die Kompetenz der Betreiber vor Ort an dieser Stelle völlig ignoriert. Kein Verleih wird uns doch absprechen können, unsere Säle gerne so voll wie möglich zu bekommen - wovon er wiederum direkt profitiert. Stattdessen wird sehenden Auges Potenzial vernichtet. Ich glaube, an dieser Stelle zu einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, birgt eine gang große Chance!

BF: Gibt es denn Projekte, die Sie zeitnah zu einer Wiedereröffnung gerne konkret anpacken würden?

SASKIA HÄFNER: Wir wollen auf alle Fälle noch präsenter in Bad Segeberg und Umgebung werden, wollen uns noch stärker vernetzen, auf die Leute zugehen, zeigen, was Kino kann. Das Autokino, das wir im vergangenen Jahr mit Partnern aus der Region durchgeführt haben, war da ein guter Schritt. Zunächst müssen wir aber erst einmal neu sortieren, fürchte ich. Denn uns haben über diese vielen, vielen Monate der Kinoschließungen hinweg zahlreiche Mitarbeiter verlassen, wir müssen rund zehn Stellen neu besetzen. Im Grunde müssen wir uns einen neuen Mitarbeiterstamm aufbauen - was mich noch zu einem abschließenden Appell bringt: Unsere Branche bräuchte eine auf unsere Bedürfnisse abgestimmte, anerkannte Berufsausbildung. Denn die Mitarbeiter sind das Kapital des Kinos!

Das Gespräch führte Marc Mensch