Kino

KOMMENTAR: Neustart Kino

Sechs lange Monate gilt nun schon der Total-Lockdown für die Kinobranche. Für Mai zeichnen sich wieder erste Öffnungsperspektiven ab. Was es jetzt braucht, ist Fairness, von Politik und Partnern.

14.05.2021 07:29 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Sechs lange Monate gilt nun schon der Total-Lockdown für die Kinobranche. Für Mai zeichnen sich wieder erste Öffnungsperspektiven ab. Was es jetzt braucht, ist Fairness, von Politik und Partnern. Weil die verspätete Impfkampagne endlich Fahrt aufnimmt, und die Inzidenzwerte gemächlich sinken, darf wohl als letzte Maßnahme auch an den Neustart der Kultur gedacht werden. Nachdem alle Länder um uns herum bei deutlich höheren Werten den Kinos schon vor Wochen ein planbares Öffnungsszenario für Mitte Mai in Aussicht gestellt haben, denken nun auch bei uns erste Bundesländer laut darüber nach, den Kinos eine Überlebenschance einzuräumen. Deutsche Politiker haben in diesem langen Lockdown für sich reklamiert, auf die Wissenschaft zu hören, da wäre es schön, wenn sie das auch bei der Öffnung täten.

Schon jetzt zeichnen sich überzogene Beschränkungen für den Kinobetrieb ab, beim Zutritt mit Tests, bei den gebotenen Abständen und beim Verzehrverbot, wenn am Platz eine Maske getragen werden muss. Alles das macht einen wirtschaftlichen Betrieb fast unmöglich. Die wissenschaftlich belegte Sicherheit des Ortes Kino, der bis zur Schließung keinerlei Beitrag zum Pandemiegeschehen geleistet hat, scheint erneut genauso ignoriert zu werden wie der sorgfältige Hygieneschutz samt garantierter Nachverfolgung, den die verantwortungsvollen Kinobetreiber schon vor dem Lockdown in ihren Häusern implementiert hatten. Nicht nur der Betrieb wird so erschwert, das unabgestimmte Vorgehen der einzelnen Bundesländer schafft auch den Flickenteppich an geöffneten Kinos, der garantiert, dass dringend benötigte Blockbuster wohl nicht vor Juli gestartet werden können. Denn auch die Filmverleiher brauchen Auswertungsbedingungen, die sich wirtschaftlich rechnen lassen.

Nicht zuletzt der Druck auf Verleihseite, den Lockdown aus eigener Kraft zu überstehen, hat dazu geführt, dass eine Handvoll Titel ihren Weg direkt auf die Streamingplattformen genommen haben. Und mit diesen Plattformen werden sich die Kinos beim Neustart arrangieren müssen. Denn die großen Studios haben über sie direkten Zugang zu einem film- und serienbegeisterten Publikum bekommen, das zu einem Teil schon vor der Pandemie nicht mehr den Weg in die Kinos gefunden hat.

Die Kinoketten in den USA haben sich mit den Studios schon auf die neuen Bedingungen verständigt: kürzere exklusive Auswertungsfenster gegen bessere Konditionen. Auch hierzulande formieren sich Verhandlungsgruppen, die faire Bedingungen jetzt nach der Pandemie fordern. Dass sich das FFG eignet, Veränderungen im globalen Verwertungsmarkt aufzuhalten, mag frommer Wunsch bleiben. Aber Fairness dürfen die Kinos nach dem langen Lockdown verlangen, von der Politik wie von ihren langjährigen Partnern. Das Publikum hat sich schon entschieden: für Streaming UND Kino.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur