Produktion

Anja Marquardt über "The Girlfriend Experience": "Besonderer Funke"

Auf Starzplay läuft aktuell die dritte Staffel der Serie "The Girlfriend Experience". Geschrieben und inszeniert wurde sie von der deutschen Filmemacherin Anja Marquardt. Ein Gespräch über das Arbeiten mit Steven Soderbergh und auf beiden Seiten des Atlantiks.

11.05.2021 13:14 • von Thomas Schultze

Auf Starzplay läuft aktuell die dritte Staffel der Serie "The Girlfriend Experience". Geschrieben und inszeniert wurde sie von der deutschen Filmemacherin Anja Marquardt. Ein Gespräch über das Arbeiten mit Steven Soderbergh und auf beiden Seiten des Atlantiks.

2014 wurde über Ihr Regiedebüt She's Lost Control" gesprochen. Warum hat es so lange gedauert, bis man wieder von Ihnen gehört hat?

ANJA MARQUARDT: In den letzten sechs Jahren habe ich vor allem Sisyphus-Arbeit bewältigt, den Stein mühsam den Berg hochgerollt und dann mitangesehen, wie er mir entglitt und wieder hinabrollte. Mit ein oder zwei Projekten, die ich angeschoben hatte, wäre es mir fast gelungen. Deren Umsetzung war zum Greifen nah. Sie waren voll finanziert, wurden bereits besetzt, mein Regievertrag war bereits ausverhandelt. Aber aus den unterschiedlichsten, immer völlig überraschenden Gründen kamen sie dann auf dem letzten entscheidenden Meter doch nicht zustande. So ist das im Filmgeschäft. Man muss das akzeptieren und weitermachen. Aber der Energieverlust ist doch jedes Mal enorm, egal ob es sich um eigene Stoffe handelt oder Projekte, bei denen ich nur als Regisseurin beteiligt wäre. Der emotionale Reibungsverlust ist eigentlich immer gleich hoch, weil ich mich als Filmemacherin nur auf Stoffe einlassen will, hinter denen ich mit jeder Faser meines Körpers stehe. Ich brauche diesen besonderen Funken, um mich auf ein Projekt einlassen zu können.

Woran genau haben Sie gearbeitet?

ANJA MARQUARDT: Ich habe in erster Linie Drehbücher geschrieben, viele eigene Stoffe, aber auch eine Romanadaption oder ein Konzept für eine Serie, die zwischen den USA und Europa spielt. Und davon sind durchaus noch einige im Spiel. Aber auch bei den Stoffen, die nicht verwirklicht werden, sehe ich das Positive: Jeder einzelne hat mich weitergebracht, als Autorin, als Geschichtenerzählerin. Es war also auf keinen Fall verlorene Zeit.

Wie sind Sie mit dem Frust umgegangen, wenn man erlebt, dass man trotz positiv aufgenommenem Debüt nicht vom Fleck kommt?

ANJA MARQUARDT: Die Berlinale war ein wunderbarer Auftakt für "She's Lost Control". Das setzte sich dann ja nahtlos bei SXSW und bei New Directors New Films fort, gerade letzteres ist ein echtes Mekka für ernsthafte Filmkritik und Cinephilie. Da spürte ich schon, dass Dinge in Bewegung geraten, Drehbücher wurden mir angeboten. Aber man muss dann auch erkennen, was für Stoffe einem angeboten werden. Ich hätte gerne auch in Deutschland gearbeitet, aber da war es sehr schwer, etwas Neues anzufangen, weil ich nicht durch das deutsche Filmhochschulsystem gegangen bin und meine Kontakte zu diesem Zeitpunkt nur aus Leuten bestanden, die mich als Assistentin kannten oder jemand, der am Filmhochschulset Kaffee gebracht hat. Ich hatte bei Redakteuren und Sendern keinen Fuß in der Tür und konnte außer meinem Filmdebüt nichts vorweisen, dass es mir möglich sein würde, auch mit etwas höheren Budgets zu hantieren. In den USA war es genau umgekehrt: Da schickte man mir Drehbücher für Projekte mit Budgets von fünf Millionen Dollar plus. Aber da handelte es sich fast immer um Remakes und Projekte, die meinem Debüt thematisch oder tonal sehr nahestanden. Da sprang der Funke nicht über. Da ich jemand bin, der langfristig denkt und plant, habe ich mich lieber auf eigene Stoffe verlegt und damit auch in Kauf genommen, dass ich das Momentum nach "She's Lost Control" nicht direkt würde nutzen können.

Und dann platzt der Knoten: Sie konnten nicht nur die komplette dritte Staffel von "The Girlfriend Experience" selber drehen, sondern auch noch die Drehbücher schreiben und werden als co-executive producer gelistet. Wie kam es dazu?

ANJA MARQUARDT: Es war eine überaus überraschende Fügung. Ich saß in meinem Kämmerchen beim Schreiben und erhielt einen Anruf von meinen Agenten in den USA, die mir sagten, ich solle mich kurz hinsetzen, Steven Soderbergh habe Kontakt zu ihnen aufgenommen, ob ich Lust hätte, mich mit ihm über die dritte Staffel von "The Girlfriend Experience" zu unterhalten. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Aber ich habe nicht sofort zugesagt. Ich musste mir erst einmal klarwerden, ob das wirklich der Schritt sein würde, den ich machen will. Ich hatte so viel Energie und Zeit in meine eigenen Stoffe gesteckt, viele von ihnen völlig anders, vom Ton her, von der Thematik her, von den Figuren her, dass ich erst einmal für mich klären musste, was die Arbeit an "The Girlfriend Experience" für mich bedeuten würde. Letztlich konnte ich zumindest ein Gespräch nicht ablehnen. Steven Soderbergh ist eines meiner ganz großen Vorbilder, allein The Limey" habe ich während meiner Studienzeit mindestens zwölfmal gesehen.

Was gefällt Ihnen an ihm?

ANJA MARQUARDT: Ich bin ein Fan seiner Arbeitsweise und seinem Denken über Film. Mich beeindruckt, dass er immer wieder ein Pionier ist, was die technische Umsetzung von Film anbetrifft. Er war der erste Filmemacher, der sich ernsthaft mit der damals brandneuen RED ONE auseinandergesetzt und immer wieder gedreht hat. Er hat einen holistischen Ansatz, an Film heranzugehen, stellt den Status Quo immer wieder in Frage, findet immer wieder neue spannende Ansätze. Das beeindruckt mich. Dass es auf einmal die Gelegenheit gab, mit ihm über ein Projekt zu reden, war wie das Schließen eines Kreises. So etwas passiert einem wahrscheinlich nicht so oft im Leben.

Wie ist er auf Sie aufmerksam geworden?

ANJA MARQUARDT: Das habe ich mich natürlich auch gefragt. Ich wollte aber auch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und mich als riesiger Fan outen. Also habe ich ein bisschen auf cool gemacht und so getan, als wäre es natürlich total selbstverständlich, dass er sich mit mir treffen will. Ein paar Monate später habe ich mich dann bei einem Kaffee getraut, ihn direkt zu fragen. Ich hatte mir die verrücktesten Szenarien ausgemalt. Es war dann aber ganz profan. Steven hatte Amy Seimetz, die die beiden ersten Staffeln von "The Girlfriend Experience" mit Lodge Kerrigan gemacht hatte, gefragt, wen sie sich als Nachfolgerin für die dritte Staffel vorstellen könnte. Es war eine kleine Liste, und mein Name war dabei. Ich kannte Amy ein bisschen aus New York, weil wir uns einmal zusammengesetzt hatten, um über alternative Vertriebsmöglichkeiten für Independentfilme zu diskutieren. Aber dass sie bei einer solchen Liste an mich denken würde, hätte ich mir niemals gedacht. Das sind die kleinen Glücksmomente, bei denen man sich freut, in dieser Branche zu arbeiten.

Es stand gleich fest, dass Sie die Bücher schreiben und dann auch alle Folgen als Regisseurin selbst drehen würden? Dieser Autorenansatz ist beim Fernsehen nicht unbedingt üblich, wo meist der Showrunner über allem steht und Regisseure eher Auftragsarbeit machen.

ANJA MARQUARDT: Man kann sich "The Girlfriend Experience" als Franchise vorstellen, das in den unterschiedlichen Inkarnationen über eine jeweils sehr autarke Bildsprache und Erzählweise verfügt. Steven Soderberghs Kinofilm von 2009 mit Sasha Grey in der Hauptrolle, der der Fernsehadaption zugrunde liegt, aber auch die beiden Staffeln von Amy Seimetz und Lodge Kerrigan sind jeweils für sich sehr unabhängig und sehr verschieden voneinander: Sie sehen völlig anders aus, sie fühlen sich völlig anders an, sie probieren ihre ganz eigenen Dinge aus und gehen ihre eigenen Wege. Insofern gab es keine Vorgaben für mich, wie ich meine Staffel umzusetzen hatte, keine strengen Regeln, an die ich mich halten musste. Als guter Vergleich fällt mir die deutsche Netflix-Serie Dark" ein, die einen ähnlichen Filmemacher-basierten Ansatz verfolgt, in der auch alles aus einem Guss gemacht ist. Das Wort Autorenfilm wäre zu stark, aber bei diesen Serien handelt es sich um eine andere Art von Fernsehen, die von einer viel prägnanteren Bildsprache und einer filmemacherischen Vision lebt. Eine persönliche Handschrift lässt sich aber auch überhaupt nicht vermeiden, wenn ein Regisseur alle Folgen einer Staffel dreht, wie es bei uns der Fall war. Tatsächlich war es mir auch wichtig, nur mit einem Kameramann zu arbeiten, einem Editor, einer Szenenbildnerin. Tonale Kohärenz war mir wichtig. Ich denke, dass das in der Serienlandschaft eine Entwicklung ist, die erst am Anfang steht.

Aber was gab man Ihnen denn als unumstößliche Konstanten mit auf den Weg? Sie müssen einen ja nicht unbedingt einschnüren, sondern können auch hilfreiche Wegweiser sein.

ANJA MARQUARDT: Es war eine interessante Kombination aus kompletter Freiheit und einigen wichtigen Grundfesten, die als thematische Richtschnur dienen. Wir hatten ein Gespräch mit unserem Sender Starz, um gemeinsam festzulegen, um was es wirklich geht bei dem Franchise. Die Perspektive von Steven und auch des Senders war, dass man einer Hauptfigur den Raum gibt, ohne moralische Wertungen Entscheidungen zu treffen, die auf freiem Willen basieren. Das hört sich sehr konzeptionell an. Für mich war das aber sehr hilfreich, das so vom Sender zu hören. Das gab mir die Zuversicht, all jene Themen in meine Geschichte einzubauen, denen ich in den fünf Jahren davor in meinen Drehbuchexperimenten nachgegangen war: Neurowissenschaften, Entgrenzung des Ichs, Technologien, die uns in eine ungewisse Zukunft führen. Die Freiheit war sehr groß, eine eigene Geschmacksrichtung reinzubekommen, die auch "The Girlfriend Experience" neue Wege eröffnet. Man muss unbedingt beachten, dass sich die Welt wahnsinnig verändert hat, seitdem die erste Staffel herausgekommen ist. Wir unterhalten uns mittlerweile ganz anders über zwischenmenschliche transaktionale Beziehungen im weiteren Sinne. Wie verhält man sich auf beiden Seiten, wenn ein Machtgefälle besteht? Solche Diskussionen gab es vor fünf Jahren noch gar nicht. Es war ein besonderer Zeitpunkt, sich damit auseinanderzusetzen auf eine Weise, die ein Stück weiterdenkt und sich Gedanken macht, wie weit sich die Grenzen von Simulation pushen lassen.

Dazu kommt eine Welt, die sich im Zuge von Corona rasend schnell radikal verändert hat. Inwiefern waren Sie betroffen?

ANJA MARQUARDT: Die Bücher standen, die Vorproduktion war fast abgeschlossen, wie waren zwei Wochen vom Drehstart entfernt, als durch den ersten Lockdown alles dicht gemacht wurde in London. Ich habe zu Beginn des Gesprächs von Energieverlust gesprochen. Das war hier ähnlich. Es war gar nicht so einfach, diese rollende Maschine von heute auf morgen wieder zu stoppen. Und dann wieder in Bewegung zu setzen. Es gab ein paar Monate der kompletten Ungewissheit, in denen ich in London ausgeharrt habe, weil ich mir dachte, dass ich als Kapitän des Staffelschiffs nicht einfach von Bord gehen könnte. Ich musste einfach die Stellung halten. Im Herbst tat sich kurz ein Fenster auf, an dem wir uns dachten: Jetzt oder nie, wir müssen die Gelegenheit beim Schopf packen. Unter Berücksichtigung der gesundheitlichen Richtlinien haben wir es dann tatsächlich geschafft, die Staffel zu drehen, mit einem eher kleinen Team, was uns aber die nötige agile Handlungsstruktur verlieh, um schnell zu arbeiten. Eine Woche nach Drehschluss kam der zweite Lockdown.

Spüren Sie jetzt schon, nach dieser Staffel als Filmemacherin wieder im Spiel zu sein?

ANJA MARQUARDT: Jede neue Arbeit, die man als Filmemacher herausbringt und nach Jahren der Entwicklung mit dem Publikum teilen kann, ist ein idealer Punkt, neue Projekte anzuschieben. Mein Herz schlägt in beiden Welten, in Europa und in den USA. Die Stoffe, die bei mir aktuell den Funken am meisten überspringen lassen, sind auch tatsächlich eher global angesiedelt, spielen zwischen den Welten. Selbst die für mich aktuell interessanten Geschichten, die in Deutschland angesiedelt sind, blicken über den Tellerrand hinaus, haben eine internationale Komponente. Es ist eine super Zeit, tatsächlich ein globales Publikum erreichen zu können. Für mich als Filmemacherin, die in zwei Sprachen schreibt und Regie führt, ist es spannend, Schauspieler aus verschiedenen Ländern zusammenzubringen. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass das nächste Projekt nicht wieder fünf Jahre dauern wird.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.