Festival

Amazonen beim DOKfest München

Im Programm des zweiten DOKfest@home fallen zwei Filmdebüts von Regisseurinnen auf, die mitreißend von modernen Amazonen erzählen, "Amazonen einer Großstadt" von Thais Odermatt und "The Other Side of the River" von Antonia Kilian. Und ein echtes Best of Fests ist "This Rain Never Stops" von Alina Gorlova.

11.05.2021 10:47 • von Heike Angermaier

Im Programm des zweiten fallen zwei Filmdebüts von Regisseurinnen auf, die mitreißend und ganz unterschiedlich von modernen Amazonen erzählen, das mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnete "Amazonen einer Großstadt" von Thais Odermatt und das beim DOKfest mit dem VFF-Produktionspreis ausgezeichnete The Other Side of the River" von Antonia Kilian.

Thais Odermatts etwas über einstündiger Film, der in der Schweiz als bester Abschlussfilm prämiert wurde, und nun im deutschen Wettbewerb um einen der Hauptpreise Viktor konkurriert, ist sehr persönlich und verspielt erzählt. Die u.a. von Erinnerungen an die fürs Frauenwahlrecht kämpfende Mutter, Träume als Kind und historischen Beschreibungen inspirierte Auseinandersetzung von Odermatt mit dem Begriff Amazone rückt drei charismatische Titelheldinnen,"Amazonen einer Großstadt", in den Fokus: die aus der Ukraine stammende MMA-Sportlerin Maryna, die sich im Voll-Kontakt-Kampf messen und ihr Studium abschließen will, die ehemalige kurdische Freiheitskämpferin in einer Fraueneinheit Zilan, die sich um ihr Kind kümmert und dabei weiterhin für ihre Ideale engagiert, und Sara, ehemaliges Findelkind aus Dhaka, das als Djane That Fucking Sara Erfüllung und Freund*Innen gefunden hat und Kurse für Jugendliche in Marokko gibt. Alle drei und auch andere im Film gezeigte Frauen leben in Berlin, sind Beispiele für moderne Amazonen, Frauen, die sich gegen Unterdrückung, Vorurteile und Nazis zur Wehr setzen, um ihre Rechte und freie Entfaltung und die anderer kämpfen. Odermatt zeigt die drei in Aktion und im Gespräch und schneidet mit teils kuriosen Archivmaterial, u.a. Xylophon spielende Damen in schwarz-weiß, aktuelle Videos von schreienden Gebärenden aber auch aus eigenen Familienvideos und einem Dokumentarfilm von 2007, in dem Zilan als blutjunge Soldatin zu sehen ist, einen höchst unterhaltsamen, optimistischen Film, der dabei die teils knallharten Hintergrundgeschichten der Protagonistinnen nicht verharmlost, der wehrt euch, engagiert euch, geht euren Weg ruft, aber ohne penetrant zu sein. Ein gelungenes Debüt über selbstbewusste, unheimlich offene Frauen Zwei der Nebenfiguren, sie bilden die Band Razor Cunts, steuern mit ihren Punksongs den richtigen Sound dazu bei.

Eine andere Herangehensweise hat Antonia Kilian bei ihrem Langfilmdebüt "The Other Side of the River", der am vergangenen Freitagabend ausgezeichnet wurde. Sie porträtiert eine junge Frau, Hala, die sich ähnlich wie Zilan einer kurdischen Fraueneinheit angeschlossen hat, im autonomen Gebiet in Nordostsyrien Rojava, auf der anderen Seite des Euphrat. Kilian, die auch selbst die Kamera führt und mit ihrer Firma Pink Shadow mitproduziert, konzentriert sich auf ihre Figur, auch sie selbstbewusst, aber noch jugendlich, wütend, folgt ihr mit der Kamera, erzählt ganz direkt, ohne zu überhöhen, ohne weiteres Material, das ist auch den schwierigen Umständen entsprechend. Sie zeigt Halas Ausbildung, die jungen Frauen in der Gemeinschaft, Hala mit der Kommandantin, mit der jüngeren Schwester, die Hala zu sich holt, zu Besuch bei den Eltern, die nicht einverstanden sind, mit dem, was sie tut. Der Film ist roher, im positiven Sinne, auch hier gelingen schöne, verspielte Szenen, etwa wenn die Frauen baden gehen. Er liefert einen ungeschminkten Blick auf den Alltag der Frauen. Hala erreicht ihr Ziel erst mal nicht, aber sie wird wie die "Amazonen" nicht aufgeben.

Beide Filmemacherinnen studierten übrigens an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf - bei "Amazonen" agiert sie als Koproduzent der schweizer Maximage - und man darf jetzt schon gespannt auf die nächsten Arbeiten von Kilian und Odermatt sein.

Beeindruckend sind die Bilder des herausragenden in der Sektion "Best of Fests" gezeigten "This Rain Will Never Stop" der ukrainischen Filmemacherin Alina Gorlova, der zuletzt bei GoEast und zuvor in Amsterdam prämiert wurde. Gorlova erzählt in ihrem dritten Langfilm die Geschichte eines stillen jungen Mannes, der beim Roten Kreuz arbeitet, als Jugendlicher mit seiner Familie aus der Heimat seines kurdischen Vaters Syrien flüchtete, um bei der Familie der Mutter im ebenfalls Kriegsgeschüttelten Donbas zu landen. Er besucht seine Onkels und versucht das aufgegebene Haus der Familie wieder zu sehen. Doch die durch den Regen überflutete Brücke über den Grenzfluss verhindert das. Seine Geschichte ist der lockere rote Faden, der die wie monumentale Gemälde anmutende Landschaften verbindet, winterliche bäuerliche und Industrie-Szenerie in der Ukraine, weite kargen Landschaften in Syrien und Irak zwischen Idyll und Trostlosigkeit und im Propaganda-Stil gehaltene Bilder strammer Militärparaden und Folkloreaufführung (samt Konzert fürs Volk zu Ehren des Jubiläums des Roten Kreuz bei dem James Lasts Little Shepard gespielt wird) verbindet. Großes Kino, das von Krieg, Flüchtigen und starken Menschen erzählt.