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Jakob Claussen: "Fairness ist keine Einbahnstraße"

Blickpunkt:Film sprach mit Jakob Claussen von Claussen + Putz, neben Amusement Park diesjähriger Gewinner des Fair Film Awards Fiction, über faires Drehen in Zeiten der Pandemie. Claussen äußerte sich auch zum Mehraufwand durch die Corona-Maßnahmen und den Folgen für nachhaltiges Drehen.

07.05.2021 13:23 • von Frank Heine
Jakob Claussen, Geschäftsführer Claussen Putz (Bild: Claussen + Putz)

Blickpunkt:Film sprach mit Jakob Claussen von Claussen + Putz, neben Amusement Park diesjähriger Gewinner des Fair Film Awards Fiction, über faires Drehen in Zeiten der Pandemie.

Sie haben zum zweiten Mal binnen drei Jahren den Fair Film Award gewonnen, zählen also zu den fairsten Produktionsfirmen in Deutschland. Wie wichtig ist Ihnen das?

JAKOB CLAUSSEN: Uli Putz und mich freut und ehrt das sehr. Die Auszeichnung jetzt für "Biohackers 2" hat für uns die größte Bedeutung, weil die Dreh- und Produktionsumstände für uns als unabhängige Firma im letzten Jahr so herausfordernd waren. Wenn uns das unter diesen Voraussetzungen gelungen ist, bin ich darauf ein bisschen stolz. Und zwar auf das gesamte Team: Fairness ist ja keine Einbahnstraße, die Leute müssen sich genauso für uns und ihre Arbeitsplätze verantwortlich fühlen, wie wir uns für die Projekte und die Arbeitsbedingungen.

Netflix-Serien haben in der Vergangenheit schon wesentlich schlechter beim Fair Film Award abgeschnitten. Hat das damit zu tun, dass in der Zusammenarbeit mit Streamern ein größerer zeitlicher Druck besteht?

JAKOB CLAUSSEN: Das widerspricht unseren Erfahrungen. Wir haben Netflix als ausgesprochen fairen Partner empfunden. Wir waren tatsächlich gegen die Pandemie versichert, das konnte uns kein anderer Auftraggeber gewährleisten, und wir selbst konnten uns das auch nicht ermöglichen. Das schafft viel Sicherheit und Zuversicht. Netflix hat außerdem einige Mechanismen in Gang gesetzt und in das Miteinander während der Produktionszeit eingewoben, damit es den Leuten gut geht. Es gibt Ansprechpartner, an die man sich wenden kann, wenn man sich gemobbt oder missbraucht wähnt. Und es wurden dem Team Webseminare angeboten, die beispielsweise Ratschläge für das psychische Wohlbefinden in Pandemiezeiten boten.

Das spricht dafür, dass Netflix sehr beweglich ist und schnell reagiert und Dinge verändert.

JAKOB CLAUSSEN: Das liegt auch daran, dass dort mit schmaleren Strukturen gearbeitet wird und die einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ziemlich umfassenden Kompetenzen ausgestattet sind. Die schlanken Strukturen haben sich in diesen schwierigen Zeiten definitiv bewährt.

Wie schafft man es, in besonderen Drucksituationen, die am Set bestimmt häufig entstehen, ein fairer Partner zu sein?

JAKOB CLAUSSEN: Ganz wesentlich ist eine gute Vorbereitung. Unfair ist es, das Team mit einer zu kurzen Vorbereitung in den Dreh zu schicken. So kumulieren die Probleme am Set und müssen dann mit fehlendem Weitblick bearbeitet werden. Die Aufgabe des Produzenten ist es, so vernünftig zu planen, dass alle ihre Hausaufgaben machen können. Und wir kämpfen natürlich immer für genügend Drehzeit, das ist ebenso in aller Interesse und hilft dabei, Entscheidungen souverän und überlegt treffen zu können.

Ist Fairness schon zu einem Attribut geworden, von dem Sie bei der Verpflichtung von Teammitgliedern und von Kreativen profitieren können?

JAKOB CLAUSSEN: Ich glaube schon, dass die Leute gerne mit uns arbeiten. Nach über 25 Jahren, die es unsere Firma nun schon gibt, ist das bestimmt ein Kriterium. Wir versuchen auch, in der Zusammenarbeit mit den Teammitgliedern, mit denen wir gerne zusammenarbeiten und gerne gemeinsame Lebenszeit verbringen, Kontinuität zu wahren. Ich will gar nicht ausrechnen, wie viel Zeit ich pro Woche im Büro und mit unseren Projekten verbringe. Mein Wohl und Wehe als Mensch hängt auch vom Gelingen der Projekte ab und davon, wie es der Firma und den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen geht.

Haben Sie den Eindruck, dass der Fair Film Award dazu beiträgt, dass die Branche fairer geworden ist?

JAKOB CLAUSSEN: Schwer zu sagen. Ich glaube nicht, dass ein Produzent, dessen Wesen es nicht hergibt, anständig mit seinen Leuten umzugehen, sich darüber Gedanken macht, wie er sich zu verhalten hat, damit er den Fair Film Award gewinnt. Aber der Preis stellt für die an einem Film beteiligten Menschen ein wertvolles Tool dar, sich zu äußern.

Erschwert Corona den fairen Umgang am Set?

JAKOB CLAUSSEN: Aktuell ist es etwas komplizierter geworden, weil die Abläufe in allen Phasen der Herstellung komplexer geworden sind. Corona ist eine wahre Mühsal, die es zu bewältigen gilt. Nicht nur finanziell - nach unseren Erfahrungen schlagen Corona-Aufwendungen mit mindestens drei Prozent des Budgets zu Buche. Um sich der Herausforderung Corona zu stellen, ist der wesentliche Punkt, dass alle im Team gleichermaßen mitmachen. Elementar dabei ist - der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf - mit welch gutem Vorbild der Showrunner und die Regisseure und Regisseurinnen vorangehen. Christian Ditter und Tim Trachte waren bei "Biohackers 2" ganz besonders verantwortungsbewusste und tolle Partner an unserer Seite.

Sind die Hygiene- und Schutz-Verordnungen dem grünen Drehen abträglich?

JAKOB CLAUSSEN: Das ist leider so. Die Unmengen, die man an Plastik und an kontaminiertem Müll verursacht, die werden wir, wenn die Pandemie zurückgedrängt ist, Stück für Stück vermeiden können. Aber, das ist das Positive, wir haben alle ein noch deutlicheres Bewusstsein für grünes Drehen entwickelt und wir wissen, dass wir uns nach der Pandemie noch mehr darauf konzentrieren müssen. Wir schließen unsere Projekte jeweils mit einer CO2-Bilanz ab, um zu erkennen, was wir an Müll und CO2-Ausstoß verursacht haben und kommunizieren das auch an die verschiedenen Gewerke, damit wir es beim nächsten Mal besser machen.

Das Interview dührte Frank Heine