Kino

20 Jahre eQuinoxe: "Unser Auswahlprozess ist anspruchsvoll"

eQuinoxe Europe unterstützt Autoren und Produzenten seit 20 Jahren bei der Entwicklung ihrer Kinostoffe. Die Gründerin Ellen Winn Wendl über das besondere Profil, potenzielle Profiteure und die beachtlichen Erfolge des Förderprogramms.

10.05.2021 09:53 • von Jochen Müller
eQuinoxe-Gründerin Ellen Winn Wendl (Bild: eQuinoxe)

eQuinoxe Europe unterstützt Autoren und Produzenten seit 20 Jahren bei der Entwicklung ihrer Kinostoffe. Die Gründerin Ellen Winn Wendl über das besondere Profil, potenzielle Profiteure und die beachtlichen Erfolge des Förderprogramms.

Vor 20 Jahren wurde eQuinoxe gegründet. Welche Idee stand dahinter?

ELLEN WINN WENDL: Es gab eQuinoxe bereits in Frankreich. Wir waren damals sieben Film Professionals, die Projekte aus fünf Ländern - Deutschland, Schweiz, Österreich, Tschechien und Polen - ausgewählt und dort eingereicht haben. Die Grundidee war, die Autoren bei der Entwicklung ihrer Kinostoffe zu unterstützen. 2001 haben wir eQuinoxe Germany, heute eQuinoxe Europe, gegründet.

Es gibt zahlreiche Drehbuchwerkstätten. Was sind die Säulen, die USPs von eQuinoxe Europe?

ELLEN WINN WENDL: Wir unterstützen die Entwicklungsarbeit eines Projekts. Unser Auswahlprozess ist anspruchsvoll, da investieren wir viel Energie und Expertise - was anderen wiederum Zeit und Geld spart. Gute Autoren und gute Geschichten müssen es durch den Auswahlprozess schaffen. Es gibt vieles, was gut ist, aber noch nicht gut genug, um es bereits zu produzieren. Auch hervorragende Autoren sind manchmal mit einem Projekt nicht so gut, wie sie sein könnten - das Buch hat seine Stimme verloren. Wir konzentrieren uns auf Autoren und Geschichten, die etwas zu sagen haben, die Substanz haben. Man hat uns einmal als "European Talent Filter" bezeichnet - ein Filter, auf den sich Produzenten verlassen können - ein schönes Kompliment!

Wie werden Sie diesem Anspruch gerecht?

ELLEN WINN WENDL: Im Zentrum stehen unsere internationalen Experten, die script advisors. Während der Workshops vertiefen sie sich zusammen mit den Autoren in die Projekte und geben wertvolle Hinweise. Die Autoren reflektieren und diskutieren ihre Arbeit. Der Input ermöglicht es ihnen, den kreativen Prozess auf einem anderen Niveau weiterzuführen, denn oft gibt es einfach Blockaden, die sich dann in den Workshops auflösen lassen. Die Autoren gehen mit neuen Ideen nach Hause und schreiben ihr Buch noch einmal um. Bei uns gibt es die Verpflichtung zu einem Rewrite, das ist einer unserer zentralen Punkte. Diese neue Fassung wird wiederum von uns gelesen und besprochen, und oft geht diese überarbeitete Drehbuchfassung dann in die Finanzierung oder Produktion.

Wen sprechen Sie an mit Ihrem Programm?

ELLEN WINN WENDL: Wir sind kein Programm für den Nachwuchs, sondern für die, die schon Steuern zahlen! Anfänger können diese umfangreichen Informationen oft gar nicht verarbeiten. Für die Teilnahme muss man schon mindestens einen Spielfilm oder Dokumentarfilm in Spielfilmlänge vorweisen können und über Erfahrung verfügen im Austausch mit Produzenten, Redakteuren, Regisseuren. Wenn Autoren zu uns kommen, sind zentrale Entscheidungen im Drehbuch ja bereits gefallen. Die gilt es im Austausch mit den eQuinoxe-Experten zu überprüfen. "Quo Vadis, Aida?" ist ein wichtiges Projekt und gutes Beispiel. Jasmila Zbanic nahm 2017 am Workshop teil und hat intensiv am Drehbuch gearbeitet. Daraus wurde dann ihre erfolgreiche Neun-Länder-Koproduktion. Man kann immer ein zweites Mal mit dem gleichen Projekt einreichen. Die Besten haben das gemacht. Profis wissen, wie sie Chancen nutzen können.

Eine weitere Besonderheit ist die frühe Einbeziehung der Produzenten ...

Winn Wendl: Ja, eine Produzent*in muss am Workshop teilnehmen. Unser Ziel ist es, dass wir am Ende beide, Autor und Produzent*in, mit der gleichen Vision nach Hause schicken. Seitdem wir die Produzenten einbeziehen, haben wir eine viel höhere Produktionsrate.

Die Produktionsrate von Stoffen, die das eQuinoxe-Programm durchlaufen haben, ist hoch. Viele schaffen es auf Festivals und holen Preise. Was sind Ihre größten Erfolge?

ELLEN WINN WENDL:"Quo vadis, Aida" war für den Oscar 2021 nominiert und hat einige Preise gewonnen, Schwesterlein", die beide aus dem gleichen Workshop 2017 in Norwegen hervorgingen, wurde von der Schweiz ins Oscar-Rennen geschickt. Zwei Projekte aus einem Workshop, beide von Frauen, das ist ein schönes Signal zum 20-jährigen Jubiläum. Und die aktuellen Projekte von früheren Alumni, wie John Quester und Julia von Heinz, haben auch ihren Weg gemacht.

Worauf sind Sie persönlich besonders stolz?

ELLEN WINN WENDL: Ich erinnere mich besonders gern an die Premiere von "Die Wand" bei der Berlinale. Das Projekt hat mich sehr beeindruckt. Julian Pölsler hat mit dem Buch gekämpft und eine enorme Umsetzung geschafft. Auch 2018 erlebten wir eine schöne Bestätigung, als zwei unserer Projekte für 14 Deutsche Filmpreise nominiert waren, darunter beide für Bester Film (3 Tage in Quiberon" und Das schweigende Klassenzimmer"). Sehr glücklich bin ich auch, dass es letztes Jahr in vier verschiedenen EU-Ländern 25 Nominierungen für sechs von uns geförderte Filme gab. Elf Preise haben unsere Alumni gewonnen! Unser Programm hat mehr Erfolg innerhalb der letzten Jahre als je zuvor. Für ihre Unterstützung möchte ich mich ausdrücklich bei unseren zahlreichen Förderern aus Deutschland und Europa bedanken.

Es gab Masterclasses in neun verschiedenen Ländern, dennoch ist das Programm nicht sonderlich bekannt. Woran liegt das?

ELLEN WINN WENDL: Das eQuinoxe Europe Programm hat Werkstattcharakter. Wir sind die, die im Hintergrund arbeiten und alle Energie in die Qualität stecken. Auch bekannte Autoren erleben, dass sie ihr Potenzial nicht voll ausschöpfen. Wir greifen ein, wenn es irgendwo klemmt und bringen den kreativen Prozess wieder zum Laufen und auf ein neues Niveau. In diesem Prozess sind wir nicht unbedingt für Medien und Öffentlichkeit interessant, aber wir verstärken seit einiger Zeit aktiv unsere Präsenz im Netz.

Inwiefern hat sich Corona auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

ELLEN WINN WENDL: Wir wollten 2020 unseren International Screenwriters Workshop in Murnau am Staffelsee abhalten, das Programm stand schon. Ich hatte vier Hybrid-Versionen ausgearbeitet, für alle Fälle ... Dann war im November wieder kompletter Lockdown, es blieb uns nur die Online-Option. Wir haben die Zeit verlängert und statt normalerweise sieben Tagen 14 Tage angesetzt. Die Advisors-Meetings waren eine logistische Herausforderung, wir hatten Teilnehmer aus vier Kontinenten mit unterschiedlichen Zeitzonen. Im Endeffekt hat das Ergebnis meine Erwartungen übertroffen, kann aber ein echtes Zusammentreffen nicht ersetzen. Ich hoffe, es bleibt eine Ausnahme. Online könnte bei anderen Formaten funktionieren, aber für die Workshops ist das echte Zusammensein essenziell.

Was haben Sie sich vorgenommen, gibt es konkrete neue Projekte?

ELLEN WINN WENDL: Das wichtigste bleibt die künftige Finanzierung und Durchführung der eQuinoxe Workshops. Neu bieten wir als Service jetzt auch ein Skript-Development für Alumni an. Außerdem haben wir hervorragende Autoren und Storys in einer fortgeschrittenen Entwicklungsphase, unsere Black List kann sich sehen lassen. Wir arbeiten daran, Alumni-Projekte mit Produzenten/Coproduzenten gezielt zusammenzubringen. Zwei sind aktuell mit den bayerischen Produzenten Fritjof Hohagen, Enigma Film, und Miriam Düssel, Akzente Film, platziert. Es ist wahnsinnig schwer, einen kreativen und finanziellen Abschluss für Projekte zu finden. Aber genau das ist mir wichtig, dass die Autoren, die jahrelang investieren, mindestens ein Projekt zum Abschluss bringen. Das bringt sie weiter. Und uns als eQuinoxe Europe dann auch.

Wir haben bislang Projekte aus 28 Ländern betreut. Wir verfügen über ein breites Netzwerk von Autoren und Produzenten. Unsere Skills und unsere geballte Erfahrung könnten auch Streaming-Anbieter nutzen, alle, die Content brauchen und suchen. Wir sind so etwas wie ein "One-stop-shop" für Produzenten und freuen uns darauf, kontaktiert zu werden. Außerdem werden wir Webinare weiterführen. Unsere letzte Masterclass im November mit Lord David Puttnam über die Musik von Ennio Morricone und Alan Parker war sehr erfolgreich. Mit ihm haben wir weitere Projekte vor. Ein paar andere Ideen sind in der Entwicklung. Alles in allem gehen wir engagiert in die Zukunft.

Das Gespräch führte Marga Boehle.