Kino

Heiko Desch: "Die Filmbranche braucht alle Kinos"

Heiko Desch blickt als Theaterleiter des Autokinos Frankfurt Gravenbruch auf ein arbeitsintensives Corona-Jahr zurück. Für die gesamte Branche wünscht er sich im Blickpunkt:Film-Interview einen Sommer mit offenen Kinos und Hollywood-Blockbustern.

07.05.2021 10:11 • von Michael Müller
Das Autokino Frankfurt Gravenbruch gehört zu den Institutionen seiner Art in Europa (Bild: DRIVE IN Autokino Gravenbruch)

Heiko Desch blickt als Theaterleiter des Autokinos Frankfurt Gravenbruch auf ein arbeitsintensives Corona-Jahr zurück. Für die gesamte Branche wünscht er sich im Blickpunkt:Film-Interview einen Sommer mit offenen Kinos und Hollywood-Blockbustern.

Mehr als ein Jahr Corona-Pandemie - Wie blicken Sie auf diese Zeit als Theaterleiter des Autokinos Frankfurt Gravenbruch zurück?

HEIKO DESCH: Es war eine sehr bewegte und einzigartige Zeit - wie für uns alle. Wir mussten zu Beginn der Pandemie fünf Wochen schließen und durften am 20. April wieder öffnen. Danach waren die Besucherzahlen phänomenal und bis Juni fast jede Vorstellung ausverkauft. Unser Hygienekonzept sah vor, dass auch die Fahrzeuge auf dem Platz einen Mindestabstand von 1,5 Meter einhalten mussten, ausschließlich Online-Tickets verkauft wurden und die Besucher nur für den Toilettengang das Auto verlassen durften. Als im Sommer die Inzidenz-Zahlen fielen und allgemein Lockerungen verfügt wurden, öffneten wir auch wieder unseren, bis zu diesem Zeitpunkt geschlossenen Concession-Bereich. Die Hoffnung war groß, dass sich die Normalisierung fortsetzte. Das Ergebnis ist bekannt. Auf den Lockdown light im November folgte Lockdown auf Lockdown bis hin zur Neufassung des bundeseinheitlichen Infektionsschutzgesetzes. Dieser Beschluss bedeutete, dass wir aufgrund der automatischen Ausgangssperre am 24. April 2021 erneut schließen mussten. Während der gesamten Zeit war zu beobachten, dass sich die Besucherzahlen immer proportional zur Schärfe der Maßnahmen im Lockdown entwickelten.

Aber das klingt nach produktiven Monaten.

HEIKO DESCH: Wir hatten viel Arbeit und durch die Auflagen zur Bekämpfung des Coronavirus einen Personalaufwand, den wir vorher noch nie kannten. Dies resultierte hauptsächlich aus der Aufgabe heraus, alle Autos ordentlich mit mindestens 1,5 Meter Abstand auf dem Gelände zu platzieren. Im vergangenen Frühjahr haben wir über 50 geringfügig Beschäftigte neu eingestellt. Hierbei konnten wir auf viele Menschen zurückgreifen, die aufgrund ihrer Beschäftigung in der Gastronomie plötzlich keine Arbeit mehr hatten beziehungsweise in Kurzarbeit geschickt wurde. Hieraus sind mittlerweile sogar teilweise sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse geworden. Es hat auch Freude bereitet, diesen neuen Mitarbeitern in einer schwierigen Lage zu einem Einkommen verhelfen zu können. Viele Familien waren also nicht nur froh über das kulturelle Angebot Autokino, sondern auch über den Pandemie-Arbeitsplatz Autokino. Mittlerweile haben wir auch organisatorisch einiges geändert und haben zum Beispiel unseren Concession-Bereich komplett für den Kundenverkehr geschlossen. Speisen und Getränke werden nur noch am KFZ-Stellplatz über unsere App bestellt, und die Kunden bekommen alle Waren direkt an das Auto geliefert. Hier wird es besonders spannend zu sehen sein, wie sich das Kundenverhalten entwickelt, wenn sich die Lage weitgehend normalisiert hat und wir wieder mehrere Möglichkeiten der Snackbestellung anbieten. Denn auch diese Neuerung ist natürlich durch das Bedienen der Kunden am Auto besonders personalintensiv.

Was ist die normale Anzahl von Mitarbeitern an einem Wochenende?

HEIKO DESCH: Zu Nicht-Pandemie-Zeiten arbeiten wir an den Wochenenden mit bis zu zehn Mitarbeiter. 25 waren jetzt an den Wochenenden die Normalität. Neben den stabil gebliebenen Zahlen der sozialversicherungspflichtigen Angestellten hatte sich die Anzahl der geringfügig Beschäftigten im letzten Jahr von 25 auf 75 verdreifacht und hat sich mittlerweile bei ungefähr 60 eingependelt.

Herrscht jetzt auch bei Ihnen wegen der Schließungen eine gewisse Tristesse vor?

HEIKO DESCH: Das Schöne ist: In der Neufassung des Infektionsschutzgesetzes steht ausdrücklich drin, dass Autokinos praktisch als einzige Ausnahme geöffnet haben dürfen - auch bei Inzidenzen von über 100. Das bringt uns allerdings nicht viel, weil ab einer 100er-Inzidenz überall Ausgangssperren herrschen. Da es aktuell so spät dunkel wird, können wir nicht spielen. Wir sind gerade dabei, eine Lösung zu finden, um eventuell wenigstens eine Vorstellung am Tag mit einer LED-Leinwand machen zu können. Aber diese sind, obwohl aktuell keine anderen Veranstaltungen sind, kaum erschwinglich und für einen normalen Kinobetrieb nur schwer finanzierbar. Die Grundkosten sind so hoch, dass man vor dem geringeren Platzangebot einer LED-Bildwand fast ausschließlich ausverkaufte Vorstellungen benötigt, um kein großes Minus einzufahren. Da sind wir noch am Rechnen und holen Angebote ein. Aber wir wollen eigentlich so schnell wie möglich weitermachen und sei es nur mit LED-Wänden, um den Leuten wenigstens etwas zu bieten. Kein Kino anbieten zu können, tut weh, und ich kann nur erahnen, wie sich viele Kolleginnen und Kollegen derzeit fühlen müssen. (Anm. d. Red.: Das Interview wurde am 26. April geführt. Inzwischen haben bereits wieder Kinos der Drive-in-Autokino-Kette mit LED-Leinwänden zu früher angesetzten Tageszeiten geöffnet)

Wie haben Sie denn die Konkurrenz der aus dem Boden sprießenden Pop-up-Autokinos im vergangenen Jahr wahrgenommen, die auch auf LED-Leinwände setzten?

HEIKO DESCH: Ich habe es wahrgenommen und war überrascht aufgrund der Preise für LED-Bildwände, dass so viele Veranstalter auf diese Pop-up-Autokinos gesetzt haben. Da konnte ich mir schon vorstellen, dass das kein langanhaltender Trend sein würde. Es war nur während der Pandemie machbar, da die LED-Bildwände nicht für andere Veranstaltungen benötigt werden. Auch die Pop-up-Autokinos in der näheren Umgebung habe ich nicht als Konkurrenz gesehen, insbesondere weil die Plätze nicht so groß waren. Ich habe mich vielmehr für die Kollegen aus der Branche gefreut, die nun auch eine Möglichkeit hatten, Veranstaltungen durchzuführen.

Was sagen Sie zum Filmangebot für Ihr Autokino? Aus Hollywood zum Beispiel kommt aus altbekannten Gründen vorerst noch wenig Neues nach.

HEIKO DESCH: Die besten Filme, die wir jetzt seit 14 Monaten spielen, sind die "ältesten" Filme wie "Nightlife" oder "Das perfekte Geheimnis". Es sind immer noch die größten Blockbuster. Neuere Filme wie "Tenet" oder "Greenland" aus dem vergangenen Sommer kann man auch immer wieder spielen. Natürlich schreiben auch Kunden auf unserer Facebook-Seite: Bringt doch mal was Neues. Na klar, würden wir gerne, antworten wir dann, aber es gibt nur beschränkt "Neuware". Hier kann man noch besonders die im vergangenen Herbst veröffentlichte Robert-De-Niro-Komödie "Immer Ärger mit Grandpa" herausheben. Diese passte wunderbar ins Kinder- und Familienprogramm. Man merkte schon sehr deutlich, dass in dieser schwierigen Zeit der Wunsch der Kunden nach Komödien sehr ausgeprägt ist. Wir konnten auch einige Sneak Previews mit Filmen wie "Kings of Hollywood", "Silk Road" oder "Seventh Day" präsentieren. Das waren auch sehr begehrte Vorstellungen, die großen Zuspruch fanden.

Haben Sie auch Alternativ-Veranstaltungen wie Konzerte oder Comedy-Auftritte bei sich im Autokino ausprobiert?

HEIKO DESCH: Ja, das haben wir teilweise gemacht. Aber wir haben grundsätzlich nicht so stark darauf gesetzt. Da geht es auch wieder um die Finanzierungsfrage. Wenn Sie bekannte Künstler haben, ist so etwas kaum zu finanzieren. Wir haben mit dem Kinogeschäft gute Einnahmen gemacht und an den Wochenenden "ausverkaufte Häuser" gehabt. Mehr Plätze kann man bei einem Konzert auch nicht verkaufen. Mit Künstlergagen, Bühnenaufbau oder LED-Wänden ins Risiko zu gehen, ist sehr schwierig, da der Ertrag am Ende nicht größer ausfällt als bei einer Kinovorstellung. Aber wir sind dafür weiterhin offen und prüfen neue Anfragen immer sehr detailliert. Ich bin aktuell auch in Gesprächen mit einer Künstlergruppe. Dabei geht es aber mehr darum, das Filmerlebnis beziehungsweise den Event-Charakter Autokino zu stärken. Das Publikum will gut unterhalten werden. In der heutigen Zeit heißt das, dass wir mehr als nur den Film bieten müssen. Hierbei darf man den Bogen aber nicht überspannen, sondern muss sehr gezielt Maßnahmen ergreifen, die punktgenau auf Film und Zielpublikum zugeschnitten sind. Außerdem muss man immer ein vernünftiges Preisgefüge im Auge behalten und muss sich trotzdem in die Lage versetzen, in ein Sonderprogramm investieren zu können.

Sie wünschten sich vor rund einem Jahr bei einem digitalen Comscore-Panel, dass der kurzfristige Autokino-Boom auch einen nachhaltigen Effekt haben möge. Ist der bei Ihnen schon feststellbar?

HEIKO DESCH: Uns gab es vor und während der Pandemie. Uns wird es auch danach geben. Wir sind gut aufgestellt und haben auch in den vergangenen Jahren, als die Kinobranche ebenfalls schon sehr komplizierte Herausforderungen zu bewältigen hatte, unsere Besucherzahlen steigern können. Dabei haben wir immer großen Wert darauf gelegt, die Besonderheiten und den Event-Charakter des Autokinos herauszustellen. Dies ist uns gelungen und wurde von den Besuchern goutiert. Wie nachhaltig sich die herausragenden Zahlen des vergangenen Jahres in der Zukunft auswirken, wird man erst nach der Pandemie sagen können. Natürlich haben wir schon Pläne, wie wir uns bei unserem treuen Kunden bedanken werden und hoffen so auch ganz allgemein, die Lust der Deutschen am Kino wieder steigern zu können. Vor der gesamten Branche liegen so viele schwierige Aufgaben, die wir nur gemeinsam bewältigen können. Ich freue mich schon unglaublich auf die ersten Zusammenkünfte mit den Kollegen, die nicht online stattfinden werden und auf eine positive Aufbruchstimmung, sobald dieser verdammt schlechte Film "Covid-19" sein Ende findet.

Was wünschen Sie sich neben einer hohen Impfquote für den Sommer?

HEIKO DESCH: Es wäre schön, wenn Filme wie der neue "Fast & Furious 9" oder "Black Widow" für alle Kinos starten würden. Im Juli ist in der Kinostartliste eine richtige Schwemme mit vielen tollen Neustarts zu erkennen. Da bin ich mir dann sicher, dass die Menschen auch wieder in alle Kinos strömen - egal ob Autokino, Arthauskino oder Multiplex. Das wäre gut für die gesamte Branche, weil ohne die anderen Kinos auch die Autokinos nicht überleben werden. Die Filmbranche braucht alle Kinos und ich freue mich wenn alle Kollegen bald wieder ihre Häuser öffnen können.

Das Interview führte Michael Müller