Festival

Gastbeitrag: Lichtspielbilder am Rhein

Ein "Rückblick mit Aussicht" von Michael Kötz, Gründungsdirektor des Festival des deutschen Films. Im Krisenjahr 2020 war das Unternehmen reduziert auf ein einziges Open Air Kino am Rheinufer, 2021 plant Kötz ein Festival in alter Größe. In seinem exklusiven Gastbeitrag für Blickpunkt:Film plädiert er vor allem dafür, dass Kinos und Festivals endlich zusammenarbeiten.

07.05.2021 07:40 • von Jochen Müller
Michael Kötz, Gründungsdirektor des Festival des deutschen Films (Bild: Sebastian Weindel)

Ein "Rückblick mit Aussicht" von Michael Kötz, Gründungsdirektor des Festival des deutschen Films. Im Krisenjahr 2020 war das Unternehmen reduziert auf ein einziges Open Air Kino am Rheinufer, 2021 plant Kötz ein Festival in alter Größe. In seinem exklusiven Gastbeitrag für Blickpunkt:Film plädiert er vor allem dafür, dass Kinos und Festivals endlich zusammenarbeiten.

Das Leben kann schön sein, linksrheinisch und in der Pfalz, westlich von Karlsruhe und Heidelberg, wo man ohnehin das Leben mit bemerkenswerter Gelassenheit genießt. Auch ganz vorn, an der Kante der Pfalz. Weil dort der Rhein so lässig dahinfließt, schon von weit her kommt und doch immer weiter in die Ferne will. Das hat magische Anziehungskraft. Und das besonders dann, wenn dort auch noch auf riesigen Leinwänden Kino gemacht wird. Dann verbindet sich die Magie des Ortes mit der der Lichtspielbilder, für die wir alle leben - vor allem dann, wenn diese Lichtspielbilder sich nicht auf einem kleinen Bildschirm drängeln müssen. Stattdessen strahlen sie ausufernd auf einer Leinwand. Und die stehen eben bei uns auch noch am Rheinufer unter stattlichen alten Plantanen.

Dann eben wieder kleiner

Wir sind natürlich stolz darauf, dass uns die F.A.Z. deshalb dereinst "das schönste Festival Deutschlands" genannt hat und das weiterhin jedes Jahr alle, die zum ersten Mal hier sind, anschließend schwärmen von diesem magischen Ort des Kinos. Drei bestens ausgestattete Kinozelte, zwei mit jeweils 1.200 Plätzen und ein riesiges Open Air Kino sowie ausgedehnte Terrassen für die Bewirtung - das ist unser Festival. Aber nachdem wir 2019 schwelgen durften in der stattlichen Zahl von 120.000 Besucher*innen, die zu uns strömten, kam kurze Zeit später auch auf uns diese Vollbremsung des Jahres 2020 zu, mit der wir uns alle nun schon im 14. Monat herumschlagen. Als wir im Frühjahr 2020 den ersten Schock verarbeitet hatten, da entschieden wir uns aber auch, auf keinen Fall aufzugeben: Wenn wir das so schön groß gewordene Filmfestival nicht machen können, dann machen wir eben wieder ein ganz kleines - ein einsames (aber natürlich möglichst großes) Freiluftkino direkt am Wasser, mit Blick in den Sonnenuntergang. Natürlich gab es auch die nötigen Abständen zwischen den Stühlen, Masken, Desinfektion und Meldebögen. Aber es gab auch kleine weiße Tischchen neben jeweils zwei Stühlen, wo unsere Gäste ihre Flasche Wein und zwei Gläser und ein paar Snacks absetzen konnten. Schließlich sind wir in der Pfalz.

Zeichen setzen!

Worum ging es uns? Wir wollten nicht - wie alle anderen Festivalmacher auch - , dass die Menschen uns vergessen. Aber ins Internet abziehen, dorthin, wo mit Netflix, Amazon & Co der Gegner des Kinos sitzt, das wollten wir auch nicht. Lieber sollte es eine Pause geben, erzwungen von einem weltweiten Unglück - nicht nur für die Zuschauer, auch für die neuen deutschen Filme, die jetzt nicht wussten, wohin. Wir wollten die neuen Filme nicht halbherzig und - äußerst dürftig wahrgenommen - im Internet verheizen. Und das nur, damit dann 2021 wieder Platz ist für die frischen Filme des Folgejahres. Wir haben eigentlich gehofft, dass die Produzenten und Verleiher ihre schönen neuen Filmwerke tapfer aufbewahren, um sie dann, gut aufgehoben, umso strahlender 2021 zu präsentieren. Wir werden jedenfalls beim diesjährigen Festival einige dieser "alten" Filme mit großer Freude so präsentieren, als wären sie, was sie sind: nämlich nagelneu. So viel Solidarität in dieser Notlage des deutschen Films muss sein.

Open Air unter harten Auflagen

Das 16. Filmfestival 2020 war also gar keines - es war ein simples "Open Air Kino" am Rhein - als eine lebensbejahende Notausgabe in einem "Jahr mit 13 Monden". Einer der schönsten Filme von Rainer Werner Fassbinder, 1978, hieß übrigens so - mit Volker Spengler in der Hauptrolle, der 80-jährig dann ausgerechnet im zweiten Monat dieses denkwürdigen Jahres starb. Wir wollen nicht behaupten, dass es leicht war, diese Open Air Ausgabe des Festivals zu realisieren, weder in finanzieller Hinsicht noch in Bezug auf die Behörden, die auf alle Unsicherheiten vorzugsweise mit optimaler Restriktion reagierten. Da ging es um Obergrenzen zeitgleich anwesender Besucher*innen und um die Weigerung, dieses Freiluftkino als Kino anzuerkennen und nicht als Versammlung im öffentlichen Raum...

Selbst das Wetter war 2020 nicht so einfach, verfiel im September mit herbstlicher Kühle gerne in regenreiche Abende. Umso erfreulicher war unser Publikum. Es strömte zu uns als gäbe es kein Morgen, saß noch im Wolkenbruch tapfer vor der Leinwand, sorgte für regelmäßig ausverkaufte Abendvorstellungen und am Ende für immerhin fast 16.000 Besucher*innen mit einer einzigen Leinwand. Wobei... es war gar keine. LED hat uns gerettet. Nur so war es möglich, auch schon am frühen Abend noch bei Tageslicht Filmbilder in Höchstqualität zu präsentieren, die Jahreszeit hätte uns sonst wegen fehlender Dunkelheit dazu verdammt, nur einen einzigen Film pro Abend zeigen zu können. Damit wäre die Sache endgültig vollkommen unwirtschaftlich gewesen. Mühsam haben wir mit dem Ticketverkauf die Gelder wieder eingesammelt, die das Freiluftkino gekostet hat. Die Hilfe von Sponsoren und Förderern galt nur dem Erhalt des Festivalunternehmens selber, das zu 80 Prozent von Eigeneinnahmen lebt, aber 2020 keine hatte.

Richtiges und falsches Kino

Wer täglich im Programmkino oder dem Arthouse-Verleih ums Überleben kämpft oder in Konzernen die großen Umsätze sichern muss, der wird uns nicht mögen: "diese Hobby-Kinomacher" der zahllosen Open Airs oder Festivals. Er schimpft dann gern, die seien doch alle mit Steuergeldern subventioniert und gar keine richtigen Kaufleute. Ich verstehe das.

Es muss frustierend sein, zu sehen, dass das Open-Air oder Festival-Event so schön viel Aufmerksamkeit in den Medien erfährt und tausende strahlender Menschen zu Gast hat.

Da hilft es auch nicht, wenn ich vorsichtig darauf hinweise, dass wir nur zu genau acht Prozent des Jahresbudgets gefördert werden und dass wir nicht nur Filme zeigen, sondern dazu jedes Mal das halbe Team beherbergen, Sponsoren überzeugen und glücklich machen müssen, mit Behörden kämpfen etc pp. Es hilft nicht, weil der Neid da ist auf den Hype, den Eventcharakter, mit dem wir auftrumpfen können. Während es immer weniger ein Event ist, wenn im Kino ein neuer Film startet... Ich verstehe das. Trotzdem ist es falsch, die Sache so zu sehen.

Feiertage, die das Kino retten

Ins Open Air, aufs Filmfestival gehen zahlreiche Menschen, die schon lange nicht mehr im Kino waren. Dort genießen sie die Erlebnis- und Erfahrungsqualität des Lichtspieltheaters. Sie fühlen sich wie Gäste einer Party, sie sind in Hochstimmung und Feierlaune. Und das aber nicht irgendwo auf einem Fest, sondern mitten in der Kinowelt. Deshalb sind die Open Airs und Filmfestivals ein großartiger Werbefeldzug für das Kinoerlebnis, eine sinnliche Werbung dafür, überhaupt ins Kino zu gehen, wenn man einen Film sehen will. Weshalb Filmfestivals und Open Airs nicht die Gegner der Alltagskinos sind, sondern deren enge Verbündete. Und weil es längst ums Ganze geht, um den Erhalt des Kinos überhaupt, ist dieser Faktor ein Mehrfaches dessen "wert", was da dem Kino an verkauften Tickets entgehen mag. Und selbst diese Einbußen sind gar keine: Welches Filmfestival würde sich weigern im Abspann darauf hinzuweisen, dass die Freunde und Nachbarn nächste Woche diesen Film auch sehen können: nämlich im Kino xy um die Ecke, wo er eine ganze Woche läuft? Jeder Kinobetreiber im Umfeld um eines der rund 400 Filmfestivals im Land, ob mit oder ohne Open Air, sollte bei unseren Kollegen vorstellig werden, um gemeinsam zu überlegen, wie Kinoevents dieser Art sich nützlich machen können für den Fortbestand der Alltagskinos. Ich bin sicher, dass der Kinobetreiber, einmal über den Schatten gesprungen, "mit denen" zu reden, dort auf große Sympathie treffen wird. Denn ohne Open Air-Events und Filmfestivals wäre das Kino im Bewusstsein der Menschen noch viel weniger präsent - und ohne das Kino des Alltags gäbe es umgekehrt diese vielen Festivalmacher, die das Kino lieben, auch nicht. Let´s get together. Wenn Sie Ihr Kino in der Region Rhein-Neckar haben, können wir gleich damit anfangen - beim "17. Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein" im August/September 2021!

Zu unserem Autor:

Dr. Michael Kötz ist Gründungsdirektor und Gesellschafter der Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein gGmbH.