Festival

DOK.fest München eröffnet!

Die 36. Ausgabe von DOK.fest München ging gestern Abend mit einem würdigen Eröffnungsfilm an den Start. Zum zweiten Mal muss es virtuell stattfinden.

06.05.2021 09:16 • von Heike Angermaier
"Hinter den Schlagzeilen" eröffnet DOKfest München (Bild: Bauderfilm)

Die 36. Ausgabe von wurde gestern Abend im Deutschen Theater eröffnet - zum zweiten Mal in einer virtuellen Veranstaltung. Dabei hatten sich die Macher*innen ein zumindest hybrides Festival erhofft, wie Festivalleiter Daniel Sponsel und seine Stellvertreterin Adele Kohout betonten. Sponsel hob in seinen Eingangsworten auch die Wichtigkeit des Dokumentarfilms als "Orientierung in schwierigen Zeiten" und in diesem Zusammengang den Fokus der Ausgabe Dok.Empowerment hervor. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter und Bayerns Staatsministerin für Digitales Judith Gerlach steuerten aufmunternde Grußworte bei, Gerlach sprach vom "Festival als Leuchtturm im virtuellen Raum".

Passend zu den Zeiten von Fake News und Lügenpresse - und zum Festivalstandort - feierten die Festivaltage ihren Auftakt mit einem Film über Investigativjournalisten der Münchner Süddeutschen Zeitung. Menschen und Geschichten Hinter den Schlagzeilen", so der Titel, sind regelmäßig Stoff für Dokumentarfilme. Hier begleitet Filmemacher und Journalist Daniel Sager Menschen, die die Schlagzeilen schreiben, bei ihrer Arbeit. Ihm sei es wichtig gewesen, ihre Arbeit zu zeigen und sie nicht einfach darüber sprechen zu lassen, so Sager vor dem Film. Für die Protagonisten Bastian Obermayer und Frederik Obermeier sei Motivation gewesen, mitzuwirken, den Anwürfen wie Lügenpresse zu begegnen und aufzuklären, wie Journalist*innen arbeiten, so Frederik Obermeier, der dem Film erst skeptisch gegenüberstand.

Dass es nicht um reißerische Yellow Press geht, macht der Einstieg klar, in dem die Protagonisten sich mit Edward Snowden im Hotel treffen - und die ruhige, zurückgenommene Aufmachung des Films trotz oder gerade wegen seines auch brisanten Inhalts. Der wohl aktuell bekannteste Whistleblower der Welt betont im Gespräch die Wichtigkeit des seriösen Journalismus. Und die Journalisten betonen später die Wichtigkeit von Whistleblowern für ihre Arbeit. Ohne sie ähnelt sie noch mehr Sisyphus' als sie es ohnehin schon ist. Der Film macht eindrücklich klar, wie hartnäckig, unglaublich geduldig und genau man sein muss, um an stichhaltige Informationen heranzukommen, diese einzuordnen und sie - wenn überhaupt - präsentieren zu können und wann. Und das trotz Zusammenarbeit auch mit anderen erfahrenen Journalist*innen renommierter Medien und Jurist*innen. Und er macht auch deutlich, wie gefährdet Journalist*innen sein können, wenn er Obermayer und Obermeier bei der Recherche in Malta über die Hintergründe zum offensichtlich politisch motivierten Mord an Kollegin Daphne Caruana Galicia begleitet.

Erhellendes Kernstück von "Hinter den Schlagzeilen" ist, wie die Journalisten mit dem ihnen zugespielten Video zur Ibiza Affäre umgehen, die in Österreich ein politisches Erdbeben auslöste, wie das Videomaterial über einen Spezialisten auf Echtheit geprüft wird, wie mit Juristen fast jedes einzelne Wort im geplanten Artikel abgeklopft wird. Oft wünscht man sich, dass der Film noch viel mehr offenbart, etwa wie das Duo an ihre Informanten herankommt und mit ihnen spricht, zum Beispiel auch bei der Suche nach konkreten Anhaltspunkten zum internationalen Waffenhandel, in deren Rahmen es auch bei der Münchner Sicherheitskonferenz gezeigt wird. Aber soweit durfte das Filmteam aus bekannten Gründen nicht folgen. Obermeier sagte bei der Einführung, dass der Schutz ihrer Quellen die Bedingung für die Zusammenarbeit beim Film gewesen sein.

So sind spannende von Anfang bis zum Ende erzählte Enthüllungsgeschichten oft nur späteren Spielfilmadaptionen wie Spotlight" oder Dokumentarstücken, die nicht live dabei sind, vorbehalten. Den starken, passenden Score zur würdigen Filmfesteröffnung lieferte übrigens Hannah von Hübbenet und John Gürtler, der mit dem Europäischen Filmpreis für Systemsprenger" ausgezeichnet wurde.

"Hinter den Schlagzeilen", produziert und mitgeschrieben von Marc Bauder, der mit Wer wir waren" im Berlinale-Programm 2021 vertreten ist, feierte kurz zuvor beim renommierten CPH Dox in Kopenhagen Weltpremiere und ist auch bei Hot Docs in Toronto zu sehen. Am 6. Juni ist der reguläre Kinostart vorgesehen.

Insgesamt 131 Filme aus 43 Ländern werden beim DOK.fest München @home bis zum 23. Mai präsentiert, darunter 90 Premieren und 28 Weltpremieren, und es werden 16 Preise - so viel wie nie - vergeben. Die Hauptpreise, der Viktor für den besten Film im internationalen, deutschen und Horizonte-Wettbewerb wird am 16. Mai vergeben. 95 Gespräche mit Filmemacher*innen, so viel wie nie zuvor, begleiten das Filmprogramm, u.a. ein täglicher Live-Talk um 20 Uhr. Parallel läuft das Branchenprogramm.