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VAUNET-Chefin Kümmel: "2021 wird ein Entscheidungsjahr"

Der Verband Privater Medien (VAUNET) blickt auf schwierige Corona-Monate zurück. Die Vorstandsvorsitzende Annette Kümmel zeigt sich indes erstaunt darüber, dass in der Berichterstattung über die Privatsender Public Value als neues Gut hervorgehoben werde.

05.05.2021 13:10 • von Michael Müller
Die VAUNET-Vorstandsvorsitzende Annette Kümmel ist Chief Sustainability Officer ProSiebenSat.1 (Bild: ProSiebenSat.1 Media SE)

Am Mittwoch hat die Vorstandsvorsitzende des Verbandes Privater Medien (VAUNET), Annette Kümmel, bei einem Pressegespräch über den aktuellen Zustand der Branche Auskunft gegeben. Die wirtschaftliche Situation in der Corona-Pandemie verlange den privaten TV- und Radiosendern viel ab. Deswegen seien die vergangenen Monate auch vom Krisenmanagement geprägt. "2021 wird ein Entscheidungsjahr hinsichtlich der Zukunft der privaten Medien", sagte Kümmel, die zusammen mit Vorstand Claus Grewenig für den Fachbereich Fernsehen und Multimedia sowie Vorstand Marco Maier vom Fachbereich Radio und Audiodienste Auskunft gab.

Die Systemrelevanz der privaten Medien zeige sich stark in der Pandemie, führte Kümmel aus, die Chief Sustainability Officer bei ProSiebenSat1 ist. Im Bereich des Informierens hätten diese einen großen Reichweiten-Gewinn erzielt. Das Paradoxon sei die gleichzeitige herausfordernder wirtschaftliche Lage, die zu sehr unterschiedlichen Betroffenheiten in der Branche geführt habe. "Je lokaler und kleiner, desto schwieriger ist die wirtschaftliche Situation", brachte es Kümmel für die verschiedenen VAUNET-Mitglieder*innen auf den Punkt. Sie betonte, dass die Unternehmen - anders als noch 2020 - in diesem Jahr nicht zuerst gute Monate hatten, von denen das Jahr über gezehrt werden könne. "Die Situation hat sich für viele Unternehmen weiter verschärft."

Die Umsatzrückgänge in den vergangenen Lockdown-Monaten liegen demnach im deutlich zweistelligen Bereich. Damit blieben aber die meisten Unternehmen unter der Schwelle, die zu einer Überbrückungshilfe III qualifizieren würde. "Bei kleineren und lokaleren Anbieter können wir Insolvenzen nicht ausschließen", sagte Kümmel, die auf die daraus folgenden Schäden für die Vielfalt der Medienlandschaft hinwies. Die Vielfalt im Mediensektor sei schützenswert. Das gelte für private Radiosender, aber auch kleinere Fernsehsender, die noch keine Hilfe erhalten hätten.

Kümmel will bei VAUNET mit dem Vorstand einen Fokus darauflegen, dass die Wettbewerbsfähigkeit der privaten Medien auch mit Hilfe der Politik gegenüber den internationalen Tech-Giganten stabilisiert werde. Die Medienordnung müsse einen Beitrag zur Stabilisierung beitragen oder mindestens das Risiko für die Marktteilnehmer verringern. Eine engere Verzahnung von Europa, Bund und Ländern bei der Medienagenda würde da weiterhelfen.

Die Privatsender seien ein enormer Wirtschaftsfaktor. Die Branche könne über die Werbung zum Hochfahren der Wirtschaft beitragen. "Wir vermitteln und transportieren eine Narrative einer demokratischen und vielfältigen Welt", sagte Kümmel, die das Profil als nachhaltige Branche weiter stärken will. Allerdings zeigte sie sich "fast ein wenig erstaunt", wie die mediale Berichterstattung auf aktuelle Personalentscheidungen etwa bei ProSieben oder RTL reagierten, als ob die Privatsender jetzt das Thema Public Value für sich entdeckt hätten.

"Wir sind da schon länger dabei. Das ist kein neues Thema. Wichtig ist, dass diese Themen weiter an Wichtigkeit gewinnen und auch nach außen und gegenüber der Politik deutlich gemacht werden", sagte Kümmel. Die VAUNET-Mitglieder*innen wollen ein Gegengewicht zu Desinformationen in den sozialen Medien sein. In diesem Aspekt seien sie auch nicht im Wettbewerb mit den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, sondern komplementär. Bei Zuschauer*innen und Nutzer*innen stelle sie einen wachsenden Informationsbedarf bei relevanten Themen fest. Das zu bedienen, sei auch eine Möglichkeit, sich von den internationalen Playern abzugrenzen. "Es passiert ganz viel, aber es ist immer schon ganz viel passiert", hielt Kümmel fest.

Nicht mehr die öffentlich-rechtlichen Sender, sondern die global agierenden Medienunternehmen stehen offenbar jetzt als Bedrohung vermehrt im Fokus. "Das Thema Schärfung der regulatorischen Rahmenbedingungen im dualen Mediensystem müssen wir weiter im Fokus haben. Was aber auch deutlich ist: Wir haben mittlerweile ein besseres allgemeine Verständnis gegenüber den globalen Internetgiganten", sagte Kümmel. Deswegen müsse sich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk weiterentwickeln. Dabei müsse mit Verweis auf dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aber auch der Rahmen gewährleistet bleiben, damit die Wirtschaftlichkeit der Privatsender gegeben sei.

Der VAUNET-Vorstand hat sich darauf verständigt, Nachhaltigkeit als Selbstverständnis in den Unternehmen zu etablieren. Das gelte nicht nur für Nachrichten und Dokumentationen, sondern auch für die Unterhaltung, erläuterte Kümmel. Die Nachhaltigkeit als Wert habe einen immensen Push bekommen, etwa bei grünen Produktionen mit Mindeststandards.

Vorstand Claus Grewenig für den Fachbereich Fernsehen und Multimedia, der nicht mehr ganz neu, aber immer noch relativ frisch im Amt ist, sagte: "Nach mehr als einem halben Jahr kann ich sagen, dass die Arbeit sehr viel Spaß macht." Für den Fernsehbereich gab er das Motto den "Blick weiten" aus. Es gebe drei große Themen: Plattformen, Wettbewerb und Daten. Kabel sei lange Zeit der wichtigste Verbreitungsweg gewesen. Heute gehe es um die digitalen Netzwerke.

Bezugnehmend auf die Umsetzung des Medienstaatsvertrag und der baldigen Bundestagswahl bekräftigte Grewenig, der bei der Mediengruppe RTL Deutschland Bereichsleiter Medienpolitik ist: "Wir brauchen einen robusten Rechtsrahmen auf den Plattformen." Ein Erhalt der Refinanzierungsquellen sei ein Erhalt der privaten Medien. Dass das auf europäischer Ebene sicher gestellt werde, sei eine der zentralen Aufgaben des Verbandes.

Auf die Ausbalancierung zwischen linearen und non-linearen Angebot angesprochen, sagte er, dass gerade die Pandemie-Zeit zeige, wie hoch der Zuspruch für lineare Medien beim Thema Aktualität sei. Aber man müsse natürlich auch darauf schauen, wo die Stärken des Linearen liegen. Die Sender reagierten mit eigenen Sendungen sehr aktuell in der Primetime. Dieser Trend werde auch noch ausgebaut werden. Gleichzeitig brauche ein Sender auch ein starkes non-lineares Angebot. Es werde ein Kombinationsmodell für die Zukunft sein.