Kino

KOMMENTAR: Nur im Kino!

Wenn ich einen Euro bekäme für jedesmal, wenn in den letzten Tagen im Zuge der Academy Awards Bill Wilders "Sunset Blvd." zitiert wurde, könnte ich wohl immerhin, naja, die Zeche bezahlen, falls ich mich in einer Bar betrinken wollte.

05.05.2021 08:16 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wenn ich einen Euro bekäme für jedesmal, wenn in den letzten Tagen im Zuge der Academy Awards Bill Wilders "Sunset Blvd" zitiert wurde, könnte ich wohl immerhin, naja, die Zeche bezahlen, falls ich mich in einer Bar betrinken wollte. Sofern das denn möglich wäre in diesen tristen Tagen. "It's the pictures that got small", sagt Gloria Swanson als verblasster Hollywoodstar Norma Desmond. Zeitlos guter Satz, schon klar. Führt man eben gerne an, wenn man dann rumorakelt, dass die Zeit des Kinos angeblich abgelaufen sein soll, weil bei den Oscars in diesem Jahr so wenig Leute eingeschaltet haben wie nie zuvor und die nominierten Filme kaum in den Mainstream der Gesellschaft vorgedrungen sind. Richtig ist natürlich, dass die Filme aktuell gezwungen sind, klein zu sein, weil man sie nicht auf der großen Leinwand sehen kann. Richtig ist sicherlich auch, dass die Zeit der Oscarepen, wie sie in den Achtzigerjahren regelmäßig gewannen und mit denen man die Academy Awards vermutlich am meisten verbindet, Filme wie Gandhi", Der letzte Kaiser", Amadeus" oder Jenseits von Afrika", heute zumindest in dieser Form im Grunde nicht mehr gemacht werden.

Aber wer die acht Nominierten für den besten Film gesehen hat, der weiß auch, dass sie würdige Nominierte waren, tolle Filme, starke Geschichten, brillant umgesetzt. Und die massiv davon profitieren würden, wenn man sie in einem optimalen Umfeld sehen könnte. Sprich: in einem Kino. Gerade heute morgen habe ich im Rahmen einer Diskussion, ob Anthony Hopkins ein würdiger Oscargewinner war oder einfach nur Chadwick Boseman die verdiente posthume Auszeichnung gestohlen hat, einen Clip der letzten Szene von The Father" gesehen.

Danach erübrigt sich jede weitere Diskussion. Besser als Hopkins und Olivia Williams (ungerechter Weise nicht für einen Oscar nominiert) kann man nicht spielen. Ich war in Tränen aufgelöst, nur von dieser einen, völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Szene. Und wage es mir gar nicht auszumalen, wie dieser unfassbar bewegende und zutiefst menschliche Moment auf der großen Leinwand gewirkt hätte, in einem dunklen Saal, am Ende einer emotionalen Tour de Force.

Und natürlich ist Nomadland" ein ungewöhnlicher Film. Aber seine Bilder der Weite der amerikanischen Landschaft entfalten ihre Power auch erst so richtig im Kino. Weil man danach über die Filmespricht, weil sie erst im Kino wirklich ein Teil der öffentlichen Wahrnehmung werden. Freuen wir uns darauf, dass die Oscargewinner hoffentlich bald in die Kinos kommen. Freuen wir uns darauf, dass die Gewinner des Bayerischen Filmpreises bald in die Kinos kommen. Nur da sind "Schachnovelle", Tides" oder Contra" richtig gut. Und falls Sie es noch nicht gewusst haben sollten: Ich will endlich wieder ins Kino gehen.

Thomas Schultze, Chefredakteur