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PREVIEW STREAMING: "The Underground Railroad"

Am 14. Mai startet bei Prime Video eines der Großereignisse des Streamingjahres 2021: Barry Jenkins hat "The Underground Railroad" als zehnteilige Miniserie verfilmt, Colson Whiteheads mit dem Pulitzer Preis gewürdigter Roman von 2017. Lesen Sie hier unsere Besprechung.

04.05.2021 18:07 • von Thomas Schultze
Episches Serienereignis: "The Underground Railroad" (Bild: Prime Video)

Am 14. Mai startet bei Prime Video eines der Großereignisse des Streamingjahres 2021: Barry Jenkins hat The Underground Railroad" als zehnteilige Miniserie verfilmt, Colson Whiteheads mit dem Pulitzer Preis gewürdigter Roman von 2017. Hier unsere Besprechung:

Als die erste Folge von "Roots" im Januar 1977 in den USA bei dem Sender ABC ausgestrahlt wurde, war die achtteilige Verfilmung des gleichnamigen Romans von Arthur Haley über die Wurzeln seiner Familie eine Sensation: Bis heute ist die Miniserie das in Erstausstrahlung meistgesehene fiktive Programm in der Geschichte des amerikanischen Fernsehens, zusammen mit Holocaust" das prägende Fernsehereignis der Siebzigerjahre. 44 Jahre später folgt nun "The Underground Railroad", ein nicht minder großes Ereignis. Barry Jenkins' Adaption von Colson Whiteheads Pulitzer-Preis-Gewinner von 2017 scheint wie mit einer unsichtbaren Nabelschnur mit "Roots" verbunden und geht doch ihre ganz eigenen Wege. Düstere Wege. In der Tat so düstere und radikale Wege, dass einem als direktester Verwandter eigentlich nur "Berlin Alexanderplatz" einfiele, Fassbinder deutscher Albtraum in Braun, Grau und Schwarz von 1980.

"The Underground Railroad", wie 12 Years a Slave" möglich gemacht und produziert von Brad Pitts Produktionsfirma Plan B, ist angelegt als episches Poem über den schwarzen Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit während der Sklavenzeit, das kaum Licht zulässt, in Folge sechs gar fast durchgehend in vollkommener Dunkelheit spielt. Rücksicht auf Sehgewohnheiten nimmt Jenkins, der mit "Moonlight" den Oscar für den besten Film gewinnen konnte, keine. Weil er der Vorlage gerecht werden will, die er zum einen behandelt wie einen heiligen Urtext, sie gleichzeitig aber doch nur als Katalysator verwendet. Er vertieft die Themen noch weiter, führt sie fort in Kaskaden jener sinfonischen Bilderfolgen, mit denen er zuletzt bereits versucht hatte, James Baldwins If Beale Street Could Talk" eine angemessene filmische Form zu geben. Ein Mangel an Ambition ist dem Filmemacher nicht vorzuwerfen, wenn er den 320-seitigen Roman streckt und dehnt auf mehr als neun Stunden Laufzeit, Whiteheads Worte zu seinen Bildern macht, mit einem Ziel, das im Roman bestenfalls angedeutet ist: Er will nicht weniger als Frieden schließen mit dem Land, von dem die Hauptfigur Cora sagt, es gebe dort nur Orte, vor denen man wegrennen, aber keine Orte, an die man fliehen könne. Um das möglich zu machen, müssen erst alle Sünden benannt, alle Schuld aufgedeckt, alle Verfehlungen erkannt werden.

Mit der Underground Railroad als Motor der Erzählung treten Roman wie Miniserie ihre Reise durch und buchstäblich in die Vereinigten Staaten an. Nur dass die Underground Railroad in Wahrheit ein loses Netz von Abolitionisten war, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts tausende versklavter Schwarzer aus den Südstaaten in den vermeintlich freien Norden schleusten. In diesem Narrativ existiert sie wirklich, kann man sie sehen und greifen, ist sie ein unterirdisch verlaufendes Schienennetz mit geheimen Zugängen, das Menschen in Zügen in die Freiheit trägt. Schmerzhafte Historie verschmilzt mit Fantasy, die amerikanische Ursünde erhält eine mythische Dimension. Allegorisch sind sie zu verstehen, diese Zugstrecken, Adern eines lebendigen Organismus, in dem es rumort und tost wie bei David Lynch, je tiefer man in ihn eindringt. Nicht die Menschen sind es, die schwarze Menschen aus Afrika versklavt haben, das von den weißen Eroberern erschaffene Land selbst schuld, macht seine Bewohner zu Tätern.

Deshalb wartet auf das Mädchen Cora, gespielt mit faszinierender Passivität von der fragilen und zarten Entdeckung Thuso Mbedu, auch nicht Freiheit, als ihr mit dem entschlossenen Caesar die Flucht von der Plantage in Georgia gelingt. Wohin die Underground Railroad sie auch trägt, immer sind sie Gefangene, werden ihnen in immer wieder neuen Konstellationen eigene Entscheidungen verwehrt. Im Norden werden sie zwar als Menschen angesehen, aber eben nur als Menschen zweiter Klasse. Untrennbar ist das Schicksal Coras verbunden mit dem Sklavenjäger Ridgeway, gespielt in einer mächtigen und mutigen Performance von Joel Edgerton, ein Captain Ahab, der stets mit einem schwarzen Jungen an seiner Seite reist: Er macht Jagd auf das Mädchen, weil einst ihre Mutter die Einzige war, die ihm entkommen und spurlos verschwinden konnte. Selbst Ridgeway mit seiner obsessiven Getriebenheit ist hier ein Opfer, eine weitere Schachfigur im grausamen Spiel dieses verdorbenen Amerika, in dem Schwarze am Rand einer endlosen Straße aufgeknüpft hängen, "strange fruit", so wie in "Spartacus" Gekreuzigte den Wegesrand säumen; in dem sich Cora Monate lang wie Anne Frank in einem winzigen Dachspeicher regungslos versteckt halten muss. Überdeutlich sind Verweise an andere Unrechtssysteme, den Nationalsozialismus, das Römische Reich. Um Schuld und Sühne geht es, um Verrat und Wahnsinn, um Gewalt und Auslöschung, um patriarchalische Strukturen, Schusswaffen und die alles zersetzende Wirkung des Kapitalismus, um die Seele Amerikas.

Und nie macht es sich Jenkins leicht, nie gibt er sich mit einfachen Antworten zufrieden. Manchmal geht er auch sich selbst auf den Leim, inszeniert schon mal bleiern schwer und längst nicht so virtuos, wie er das selbst wohl glauben mag. Dennoch lohnt es sich dranzubleiben, an allen zehn Folgen, ob sie mehr als eine Stunde lang sein mögen oder, wie im Fall von Episode 7, auch nur 20 Minuten. So etwas hat man noch nie gesehen: Man nenne es eine Teufelsaustreibung, eine Operation am offenen Herzen, eine gnadenlose Psychotherapiesession, eine Wette, die alles auf eine Karte setzt. "This is America", singt Childish Gambino über den Abspann von Folge neun, wie am Ende jeder Folge mit Popsongs von Marvin Gaye zu The Pharcyde der Bogen geschlagen wird zur Gegenwart. Es ist noch viel zu tun, und "The Underground Railroad" macht einen wichtigen, großen Schritt, wenn sich ganz am Ende der große Kreis schließt und die Handlung wieder da ankommt, wo sie ihre Reise begann, um die allerletzten noch offenen Fragen zu beantworten und den Weg zu weisen in ein neues Land, weit weg vom Süden und Norden, once upon a time in the west.

Thomas Schultze