Kino

Fabian Gasmia: "Eine extrem laute, erhellende Botschaft!"

Der diesjährige Eröffnungsfilm des Festival de Cannes ist eine deutsche Koproduktion. Fabian Gasmia erzählt über seine Beteiligung an Leos Carax' "Annette" mit Adam Driver und Marion Cotillard.

04.05.2021 11:12 • von Barbara Schuster
Produzent Fabian Gasmia (Bild: Detailfilm)

Der diesjährige Eröffnungsfilm des Festival de Cannes ist eine deutsche Koproduktion. Fabian Gasmia erzählt über seine Beteiligung an Leos Carax' "Annette" mit Adam Driver und Marion Cotillard.

War es gesetzt, dass "Annette" nach Cannes eingeladen wird?

Überhaupt nicht. Leos Carax hat seine letzten Arbeiten zwar in Cannes gezeigt. Es gab also einen gewissen Verdacht, dass es auch bei "Annette" klappen könnte. Aber dass wir nicht nur im Wettbewerb, sondern zudem Eröffnungsfilm geworden sind, war eine Riesenüberraschung. Das hat uns kalt erwischt, und wir erfuhren es fast zeitgleich mit dem Rest der Welt, beziehungsweise erhielten am Abend vorher einen Anruf. Wie 2016 bei "Personal Shopper", da erhielten wir die Mitteilung auch erst am Vorabend der Bekanntgabe, dass er im Wettbewerb laufen wird. Ob es ein Film nach Cannes schafft, lässt sich nie, niemals annehmen, obwohl es bei manchen Regienamen sicherlich eine Grundtendenz gibt. Dass "Annette" nun Eröffnungsfilm ist, ist etwas Besonderes nach diesem extrem harten Jahr für uns alle. Eine extrem laute, erhellende Botschaft!

Was erwartet den Zuschauer bei "Annette"?

"Annette" erzählt eine Liebesgeschichte, aber auch eine Geschichte über Eifersucht, über Eifersucht innerhalb eines Power-Couples. In gewisser Weise geht es auch um toxische Maskulinität. Der Film verhandelt in meinen Augen viele zeitgemäße Themen. Mehr möchte ich nicht verraten.

Sie sind kein Neuling auf dem Parkett der internationalen Koproduktion, auch mit Frankreich entstanden schon einige Ihrer Filme. Mit "Annette"-Hauptproduzent Charles Gillibert haben Sie ebenfalls schon gearbeitet. Auf welche Erfahrungen blicken Sie bei Ihrer jüngsten Produktion zurück?

Es war eine sehr bewegte und längere Geschichte. Ich liebe deutsch-französische Koproduktionen, "Annette" ist bereits meine achte. Nicht nur über meine Frau, die Französin ist, bin ich eng mit dem Land verbunden. Ich bin auch als Vizepräsident in der deutsch-französischen Filmakademie aktiv. Mir liegt die Zusammenarbeit beider Länder einfach extrem am Herzen. Was "Annette" betrifft, so erhielt ich vor etwa sechs Jahren einen Anruf eines altgedienten französischen Produzenten, der wissen wollte, ob ich Interesse daran hätte, den neuen Film von Leos Carax mit auf den Weg zu bringen. Das Projekt gab es schon lange, es lag vormals bei einer anderen Firma. Aufgrund der Ambition und seines Budgets, das damals bei 16 Millionen Euro lag, war es jedoch sehr schwer auf die Beine zu stellen. Ich sagte sofort "Ja", woraufhin mich mein enges Umfeld zu Recht umgehend für verrückt erklärte.

Lag das an Leos Carax' Ruf als "enfant terrible"?

Leos Carax erlangte traurige Berühmtheit, als sein "Die Liebenden von Pont-Neuf" seinerzeit 1000 Prozent übers Budget ging. Das wurde ihm zugerechnet, und es sprach sich herum, dass er schwierig sei. Ich hatte gehörigen Respekt, bei einem seiner Projekte einzusteigen, und hatte damals weder die Erfahrung noch den Überblick. Es erwiesen sich im Verlauf der Arbeit an "Annette" zwar auch einige Dinge als sehr schwierig. Sie hingen aber definitiv nicht mit Leos Carax zusammen. Es waren andere Faktoren. Nach zwei Jahren Arbeit schien das Projekt zunächst - damals noch mit anderen Protagonisten - fast tot zu sein. Gott sei Dank übernahm dann aber mein wunderbarer Freund und Ausnahmeproduzent Charles Gillibert von CG Cinéma die Leitung auf französischer Seite. Damit kam frischer Wind und neue Energie in das Projekt - und bettete es auf eine ganz andere Vertrauensbasis nach unseren beiden gemeinsamen Produktionen "Personal Shopper" und "Alles was kommt". So kam der Cast mit Marion Cotillard und Adam Driver zustande, den ich ganz wunderbar finde. Allerdings wuchs das Projekt auf ein Budget in Höhe von 19 Millionen Euro an. Glücklicherweise fanden sich weltweit genügend Partner, die den Film mitgetragen haben. Eine besondere Freude war es, dass uns die Film- und Medienstiftung NRW mit einer großen Summe unterstützt hat. Im Gegenzug wickelten wir zehn Drehtage u.a. in Bonn, Köln, Düsseldorf, der Eifel und Münster ab.

Was zeichnet die Zusammenarbeit mit Charles Gillibert aus?

Zuvorderst steht ein sehr ähnlicher Geschmack, was das Filmische anbelangt. Wir stammen zudem aus derselben Generation, sind fast gleich alt und tendieren beide dazu, uns gegen den Rat enger Freunde für Projekte zu committen. Über die gemeinsamen drei Projekte ist wirkliche Freundschaft entstanden - wir sind gerade dabei, das vierte Projekt vorzubereiten. Wir besuchen uns gegenseitig zu den Geburtstagen und mögen uns einfach. Ich würde sagen, es ist die perfekte Mischung aus persönlicher Sympathie und einem ganz ähnlichen Filmgeschmack.

Bei "Annette" arbeitete Leos Carax mit dem legendären Popduo Sparks zusammen. Wie kam diese ungewöhnliche Kombination zustande?

Hinter der Geschichte und dem Drehbuch von "Annette" stecken sowohl die Sparks als auch Leos Carax. Zueinandergefunden hat das kreative Trio über verschlungene Wege bereits vor vielen Jahren. Leos wollte schon immer ein Musical inszenieren. Es ist einer seiner Kindheitsträume. Zudem ist er seit jeher großer Sparks-Fan. Auch die Sparks wollten gerne ein filmisches Musical machen und hatten bereits Ideen bezüglich der Musik im Hinterkopf. Gemeinsam schufen sie das Grundkonzept. Wie viel Schaffensanteile bei wem liegen, behalten sie für sich. Sie stellen "Annette" als gemeinschaftliche Leistung aus.

Hauptschauort des Films ist Los Angeles. Wurde dort auch gedreht?

Wir haben überwiegend in Europa gedreht. In Los Angeles waren wir am Ende des Tages nur drei Tage. Viel abgewickelt wurde in Belgien, dann die angesprochenen zehn Tage in Nordrhein-Westfalen. "Annette" ist keine rein monetäre Koproduktion. Für den Dreh in Deutschland kam schon der große Tross angereist. Ich erinnere mich, dass wir mit über 100 Leuten nachts in Bonn standen. Die vorbeigehenden Leute hatten keine Idee, dass sich hier gerade Marion Cotillard und Adam Driver vor 100 Komparsen küssten - die Szene, die auf dem ersten veröffentlichten Foto zu sehen ist! Eine der Szenen, die im Los Angeles Police Department spielt, haben wir in der Hauptzentrale der LMV Versicherung in Münster gedreht. Es sieht täuschend echt aus! Den Passanten bot sich ein recht surreales Bild, als plötzlich zehn amerikanische Polizeiautos durch das Münsteraner Büroviertel fuhren und zwei Hollywoodstars über die Straße liefen. Die Nazi-Ordensburg Vogelsang in der Eifel haben wir in ein amerikanisches Hochsicherheitsgefängnis umgewandelt. Weltweit haben wir zudem nach einer Villa gesucht, die Leos' Vorstellungen entsprach. Gefunden haben wir sie schließlich in Mexiko. Auch nach Japan verschlug es uns, wenn auch nur für einen Drehtag. Die Produktion fand auf drei Kontinenten statt, aber das Herz der Dreharbeiten, zu 80 Prozent, waren Belgien und Deutschland.

Die Corona-Pandemie spielte noch keine Rolle...

Nein, wir hatten vor dem ersten Lockdown alles im Kasten. Die Idee war, für Cannes 2020 fertig zu werden. Aber für ein großes Musical mit internationaler Musikproduktion wäre unser Zeitfenster in der Postproduktion von vier Monaten bis Festivalstart absolut sportlich gewesen. Mit den Lockdowns in Europa war schnell absehbar, dass wir einen Gang runterschalten und den Film in Ruhe fertigstellen können. Das hat in gewisser Weise für Entspannung gesorgt, obwohl es auch abenteuerlich war, gerade was die Aufnahme des Soundtracks betraf, die in Babelsberg stattfand. Aufgrund der Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen durch die Corona-Pandemie mussten alle Musiker ihre Stimmen einzeln einspielen. Regie und Musiksupervisor, die auch für "La La Land" verantwortlich zeichneten, saßen über die Kontinente verteilt und waren online zugeschaltet. Sie haben alle einzelnen Stimmen nach und nach übereinandergelegt. Das habe ich so auch noch nie erlebt. Die Pandemie hatte auf alle Fälle einen großen Lerneffekt. Ich freue mich, dass an diesem Projekt so viele Menschen Hand in Hand gearbeitet haben und am Ende alles gut wurde.

Wie haben Sie Ihre beiden prominenten Hauptdarsteller beim Dreh erlebt?

Sehr fokussiert, sehr zurückgezogen, in sich gekehrt. Ganz anders, als es beispielsweise mit Pierre Richard bei "Monsieur Pierre geht online" war, der mit dem Team nach Drehschluss gerne noch was getrunken hat und quasi Patenonkel des Kinds des Oberbeleuchters wurde. Marion Cotillard und Adam Driver waren sehr in ihren Rollen, die extrem und intensiv sind. Sie arbeiteten hochprofessionell, haben am Set krass geliefert und sind danach wieder zurück in ihre Wohnwagen.

Werfen wir noch einen Blick auf Ihre aktuellen Projekte: Was steht an?

Ich arbeitete zum einen an David Wnendts nächstem Kinofilm, die Bestsellerverfilmung "Sonne und Beton". Es ist ein wunderbares Projekt, für das wir gerade die Finanzierung zusammen bekommen haben. Es ist in meinen Augen ein unglaublich kraftvoller, energiereicher David Wnendt, der in die Magengrube zielt, witzig, aber auch politisch ist. Ich bin überzeugt, dass wir damit über die Vorlage und über den Autor der Vorlage, Felix Lobrecht, eine große und sehr junge Zielgruppe ins Kino bringen werden, die sich vielleicht in den letzten Jahren gar nicht so sehr für den deutschsprachigen Film interessiert hat. Zum anderen werden wir mit einem Film punkten können, der intelligent und lustig ist und die feinen Töne beherrscht. Vom Gesamtpaket und der Zusammenarbeit mit David bin ich restlos begeistert. Es macht mir große Freude, dieses Projekt vorzubereiten, wäre da halt nicht Corona mit all den Unannehmlichkeiten, wie sie alle Kollegen in der Branche gerade durchleiden müssen. Darüber hinaus bereite ich Julia von Heinz' neues Projekt vor, mit dem wir gerade in die Finanzierung gehen. "Iron Box" ist ihr internationales Debüt, ihr erster englischsprachiger Film mit Lena Dunham und Mandy Patinkin in den Hauptrollen. Das Drehbuch ist sensationell, das nach vielen Jahren des Feilens steht und für das wir viele positive Rückmeldungen erhalten. Der Launch für den internationalen Markt erfolgt im Rahmen des Marché du Film in Cannes.

Diese Projekte entstehen aber über die gemeinsame Firma Seven Elephants...

Richtig. Mein Fokus und mein Herz liegen mittlerweile bei dieser Firma, hinter der neben Julia von Heinz, David Wnendt und mir auch noch Erik Schmitt steckt. Meine nächsten Jahre stehen ganz klar im Zeichen von Seven Elephants. Insgesamt sind bei uns derzeit zehn Projekte in unterschiedlichen Stadien in Arbeit, überwiegend von unseren Gesellschaftern. Wir verschließen uns jedoch überhaupt nicht davor, Projekte auch von extern mit anzunehmen. Meine Detailfilm macht überwiegend Development mit der klaren Vision, die Projekte dann Seven Elephants zu übergeben. Wenn man schon ein neues Baby in die Welt setzt, sollten auch 100 Prozent der Lebenskraft und Arbeitszeit dort hineinfließen.

 Das Gespräch führte Barbara Schuster