Produktion

Jantje Friese und Baran bo Odar zu "1899": "Durch und durch europäisch"

Heute fällt in Berlin die erste Klappe zu "1899", die neue Serie der "Dark"-Macher Jantje Friese und Baran bo Odar, die ebenfalls für Netflix entsteht. Im exklusiven Interview erklären die beiden Showrunner, was das Besondere an ihrer außergewöhnlichen neuen Show ist.

03.05.2021 09:00 • von Thomas Schultze
Inszenierung kurz vor Drehstart: Baran bo Odar und Jantje Friese (l.) präsentieren im LED-Volume ihren "1899"-Cast (Bild: Rasmus Voss)

Heute fällt in Berlin die erste Klappe zu 1899", die neue Serie der Dark"-Macher Jantje Friese und Baran bo Odar, die ebenfalls für Netflix entsteht. Im exklusiven Interview erklären die beiden Showrunner, was das Besondere an ihrer außergewöhnlichen neuen Show ist.

Was ist "1899"?

JANTJE FRIESE: Vereinfacht und auf den Punkt gebracht: Es ist eine achtteilige Mystery-Show, die sich vor dem Zuschauer wie ein interessantes Puzzle ausbreitet. Wir spielen wieder mit Ideen und Erwartungen. Und was uns ganz wichtig ist: "1899" erzählt eine durch und durch europäische Geschichte und ist parallel dazu auch im Entstehen eine durch und durch europäische Show. Es geht um europäische Auswanderer auf einem Schiff nach Amerika, Auswanderer aus einer Vielzahl von Ländern, alle sprechen ihre Sprache: Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch, Polnisch, Dänisch, Portugiesisch. Das Schiff wird zu einem kleinen europäischen Mikrokosmos. Parallel zur Geschichte selbst ist auch das Erschaffen ein gemeinschaftlicher europäischer Prozess; wir arbeiten entsprechend mit einer Crew aus aller Herren Länder.

Was war die Ausgangsidee?

JANTJE FRIESE: Wir haben in den letzten Jahren mit wachsender Sorge mitverfolgt, dass Europa ein bisschen am Auseinanderbrechen ist. Das stimmt uns traurig, weil wir uns in erster Linie als Europäer fühlen. Wir sind selbst viel gereist, haben viele Sprachen gehört. Wir empfinden das als wichtige und bereichernde Erfahrung, die den eigenen Horizont erweitert. Man lernt viel, wenn man zusieht, wie sich Menschen in anderen Kulturkreisen verhalten. "1899" ist ein Herzensprojekt. Wir wollen, dass es ganz viel Europa atmet. Damit machen wir es uns nicht einfach: Eine paneuropäische Produktion während einer Pandemie ist eine besondere Herausforderung. Aber ich denke, man kennt uns mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass wir vor Herausforderungen nicht zurückschrecken.

Stichwort Herausforderungen: Gehen Sie denn auch bei der technischen Umsetzung neue Wege?

BARAN BO ODAR: Wir werden "1899" mit einer Technologie umsetzen, die so neu ist, dass man sich noch nicht einmal auf einen Namen geeinigt hat. Aktuell kennt man sie als Volume-Technologie. Bei The Mandalorian" kam sie zum ersten Mal in großem Umfang zum Einsatz und ist seither in aller Munde. Genauso werden wir jetzt auch drehen, mit großen LED-Walls und -Ceilings, die wir in einer Studiohalle in Studio Babelsberg aufgebaut haben. Dort haben wir auch einen riesigen Turntable, auf dem wir ganze Sets reinrollen können, die wir dann mit virtuellen Welten umgeben. Auf diese Weise kann man Orte in camera erschaffen. Wenn ich es meiner Mutter erklären muss, mache ich das so: Früher hat man mit Rückprojektionen gearbeitet, die man abgefilmt hat - das geht zurück in die Fünfzigerjahre. Das Neue hier ist, dass man dreidimensionale Welten baut, egal ob durch Fotoscanning oder einfach nur im Computer generiert, die es einem beim Drehen auf der Studiobühne ermöglichen, an alle erdenklichen Orte zu reisen.

Ließe sich das nicht auch mit Green-Screen machen?

BARAN BO ODAR: Das ist eine Möglichkeit, aber ich hasse Green-Screen. Das Geniale bei der neuen Technologie ist, dass alles bereits in der Kamera entsteht. Die Hintergründe müssen nicht erst in der Postproduktion hinzugefügt werden. Bei einer Show, die im Jahr 1899 spielt, mussten wir überlegen, wie man an Orte von vor mehr als 100 Jahren reisen kann. Green-Screen habe ich für mich ausgeschlossen. Das Reisen mit einer Produktion ist schwierig während einer Pandemie. Also drängte sich die Volume-Technologie zur Lösung dieses Problems regelrecht auf.

Sie haben diese Bühne speziell für "1899" in Babelsberg errichtet?

BARAN BO ODAR: Das ist richtig. Sie nennt sich Dark Bay. Wir haben sie mit Hilfe von Netflix und Studio Babelsberg auf einer Stage des Studiogeländes eingerichtet. Und sie wird auf jeden Fall die nächsten Jahre ein fester Bestandteil in Babelsberg bleiben. Wenn wir "1899" abgeschlossen haben, kann sie für andere Produktionen genutzt werden, von Netflix, aber genauso auch von anderen Auftraggebern. Aktuell ist es die größte Volume-Technologie in Europa.

Wird die komplette Serie in der Dark Bay realisiert?

BARAN BO ODAR: Nein, nur die Hälfte der Dreharbeiten wird dort abgewickelt - wobei "nur" eine freundliche Untertreibung ist: Es ist ein ordentliches Pensum, das wir dort absolvieren werden. Wir haben darüber hinaus aber auch konventionelle Sets in Babelsberg errichtet, wie Kabinen oder Korridore. Bei kleineren Innenaufnahmen ist kein Volume nötig.

Hat das Wissen, dass diese Technologie zum Einsatz kommen wird, die Arbeit an den Drehbüchern beeinflusst?

JANTJE FRIESE: Ganz wesentlich. Für uns Alle bedeutete es erst einmal einen gewaltigen Lernprozess. Man denkt schnell, man hätte verstanden, mit was man es da zu tun hat. Aber dann muss man es doch erst einmal mit eigenen Augen gesehen haben, um wirklich zu erahnen, was sich erzählerisch an Freiheiten eröffnet. Die Entscheidung, in einem Volume zu drehen, fiel mitten in die Arbeit an den ersten Fassungen. Wir mussten also recht schnell lernen, wie man Szenen anders schreiben muss. Darsteller bewegen sich anders im Raum. Und natürlich verändert sich die Welt völlig, in die sich die Darsteller begeben. Man muss adaptieren, dass man freier denken kann, weil sich eine wahnsinnige Palette an neuen Möglichkeiten eröffnet. Ich selbst habe den Eindruck, beim Schreiben sehr viel über diese Technik gelernt zu haben.

Die Arbeit an den Drehbüchern war sicherlich auch so schon kompliziert genug: Mit wie vielen Autoren aus wie vielen Nationen haben Sie im Writers Room gearbeitet, um all die verschiedenen Sprachen einarbeiten zu können?

JANTJE FRIESE: Dass das Sprachthema eine gewaltige Herausforderung sein würde, war uns von Anfang an bewusst. Allerdings war uns zunächst nicht bewusst, wie komplex sich die Umsetzung gestalten würde. Wir hatten nicht einfach nur Autoren aus verschiedenen Ländern, wir beschäftigen eine ganze Sprachabteilung, die die Drehbücher in ihren jeweiligen Fassungen mit allen Änderungen in alle relevanten Sprachen übersetzt. Man muss erst einmal eine Kommunikationsbasis finden. Natürlich findet diese Kommunikation auf Englisch statt, weil das die Sprache ist, die alle beherrschen. Aber wenn man erst einmal eintaucht in die Arbeit, stellt man schnell fest, dass Sprache etwas sehr Subjektives ist. Das hat noch nicht einmal mit kulturellen Unterschieden zu tun, sondern fängt bei individuellen Dingen an: Was empfindet man als schönen Satz? Welcher Satz drückt am besten den Charakter einer Figur aus? Als Headwriter stößt man schnell an seine Grenzen, weil man gar nicht nachvollziehen kann, ob ein Satz auf Polnisch wirklich das wiedergibt, was man selbst ausdrücken wollte. Neben den Autoren beschäftigen wir also in unserer Sprachabteilung noch Übersetzer, Korrekturleser und Sprachassistenten, die sich allesamt im fortwährenden Austausch miteinander befinden. Parallel zum Drehbuch gibt es immer auch noch einen Dialog über Sprache. In Final Draft tauschen wir uns in den Scriptnotes in einer Meta-Unterhaltung immer noch so intensiv über Sprachfeinheiten aus, dass wir das Programm ständig zum Abstürzen bringen. Unsere Drehbücher sehen auch ganz anders aus, weil sie im Dual Dialogue abgefasst sind: Englisch auf der linken Seite, die jeweilige Sprachfassung auf der rechten Seite. Das ist ausufernd und anstrengend, macht aber auch irre viel Spaß, weil ich unerwartet viel dazulerne darüber, wie sehr sich Menschen über Sprache und ihre potenziellen Limitierungen definieren.

Das führt zur nächsten Herausforderung: Wie werden Sie in den vielen verschiedenen Sprachen inszenieren?

BARAN BO ODAR: Die Schauspieler sind bereits bei uns in Berlin, die ersten Leseproben haben wir schon hinter uns. Für mich ist es ein echtes Geschenk, den Reichtum der vielen unterschiedlichen Sprachen zu hören. Bei den Schauspielern spürt man, dass sie diese Herangehensweise mit dem babylonischen Sprachengewirr als Bereicherung empfinden. Beim Drehen habe ich Dolmetscher und Sprachcoaches an meiner Seite. Mir ist aber bewusst, dass ich sehr instinktiv arbeiten werden muss und mich vom Klang der Sprachen werden leiten lassen müssen, ohne immer jedes Wort zu verstehen. Viel wird darauf ankommen, dass die Schauspieler und ich das nötige Vertrauen aufbauen können. Aber die ersten Treffen stimmen mich zuversichtlich, dass es klappen wird.

Wie gestaltet sich der Aufwand? Wie sieht der Zeitplan aus?

BARAN BO ODAR: Die erste Klappe fällt am 3. Mai, und wir werden bis November drehen. Der Aufwand ist letztlich aufgrund der neuen Technologie und des Drehs in der Volume-Technologie sehr hoch, deutlich höher als bei "Dark", auch wenn wir da schon am

Anschlag gearbeitet haben. Diesmal packen wir noch einmal eine Schippe drauf.

Wie haben Sie die Darsteller aus den verschiedenen europäischen Ländern gecastet?

BARAN BO ODAR: Lucy Bevan aus London hat bei "1899" das Casting gemacht. Wir waren

sehr skeptisch, weil es nicht möglich war, die Schauspieler persönlich zu treffen und ein unmittelbares Gefühl für die Kandidaten zu entwickeln. Weil es wegen Corona nicht möglich war zu reisen, fand das komplette Casting über Zoom statt. Ich war dann verblüfft, wie gut es funktioniert hat, wie schnell sich jeder an die neue Situation angepasst hat. Wir haben vielleicht ein paar Runden mehr gemacht als üblich, um sichergehen zu können, aber auch weil wir in Märkte gehen mussten, in denen wir uns überhaupt nicht auskennen. Wenn man an deutsche Figuren denkt, hat man sofort ein paar Gesichter im Kopf, die in Frage kommen könnten. In den anderen Territorien ist es schon nicht mehr so einfach. Umso mehr haben wir uns darüber gefreut, wie spannend und gewinnbringend es war, für uns richtig neue Gesichter zu entdecken.

Hinter der Kamera haben Sie Ihr vertrautes Team versammelt?

BARAN BO ODAR: Viele Mitstreiter von "Dark" sind wieder mit dabei, allen voran Kameramann Nikolaus Summerer, Szenenbildner Udo Kramer, Hair & Makeup Designer Christina Wagner und Komponist Ben Frost. Gleichzeitig sind auch neue kreative Kräfte an Bord wie die für "Mulan" oscarnominierte Kostümbildnerin Bina Daigeler und VFX Supervisor Christian Kaestner von VFX Dienstleister Framestore. Dazu kommen viele Crewmitglieder aus ganz Europa, um dem Charakter der Serie gerecht zu werden. Bei unseren Meetings wird Englisch gesprochen, damit alle an einem Strang ziehen können.

Hat Sie die Erfahrung mit "Dark" eingeschworen auf die Arbeit an "1899"?

JANTJE FRIESE: Aus vielerlei Gründen könnte es "1899" ohne "Dark" nicht geben. Zum einen hat der Erfolg von "Dark" die neue Serie ermöglicht. Zum anderen ist es auch so, dass wir uns in jeder neuen Staffel von "Dark" noch einmal mehr vorgenommen und immer wieder Neues dazu gelernt haben und auf diese Weise an der Herausforderung wachsen konnten. Wir konnten uns eine Produktionserfahrung aneignen, die uns auf ein Großprojekt wie dieses vorbereitet hat. Wir haben gelernt, uns auch Dinge zuzutrauen, vor denen wir davor noch erstarrt wären.

"1899" ist die erste Produktion Ihrer eigenen Produktionsfirma Dark Ways. Was sind Ihre Pläne?

JANTJE FRIESE: Wir glauben daran, dass man aus Deutschland heraus, große, internationale Geschichten erzählen kann, die ihre Zuschauer überall finden können. Wir sehen uns als eine Boutique-Produktion, die ausgewählten, kreativ anspruchsvollen und hochwertigen Content herstellt, mit uns als Kreativen an der Speerspitze. "1899" illustriert sehr gut, was wir uns

darunter vorstellen.

Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit seit den Anfängen vor mehr als zehn Jahren entwickelt?

JANTJE FRIESE: Wir sind gemeinschaftlich älter und müder geworden. Aber im Ernst: Ich denke, dass der gegenseitige Respekt für die Leistung des anderen unverändert ist. Das ist der Kitt zwischen uns. Wir finden nach wie vor krass, was der Andere leistet. Wir konnten uns immer schon aufeinander verlassen. Aber dieses Gefühl, gemeinsam alles schaffen zu können und einander unbedingt vertrauen zu können, bei jeder Entscheidung, hat sich im Verlauf des Geleisteten immer weiter verstärkt. Das macht vieles einfacher.

BARAN BO ODAR: Ich unterstreiche das unbedingt. Wir sind so gut aufeinander eingespielt, dass ich es mir nicht vorstellen kann, ohne Jantje an einem Projekt zu arbeiten. Wenn ich es dennoch täte, würde ich ziemlich sicher viel Mist bauen. Wir müssen einfach zusammenarbeiten. Unsere jeweiligen Stärken kommen bei der gemeinsamen Arbeit mehr zum Tragen, unsere jeweiligen Schwächen spielen untergeordnete Rollen. Ich könnte es mir nicht besser vorstellen.

Wie sieht es bei "1899" in diesem Zusammenhang mit dem Zusammenspiel mit Netflix aus?

JANTJE FRIESE: Netflix ist mit großem Enthusiasmus dabei und stärkt uns bei den wichtigen Entscheidungen den Rücken. Gerade was unseren Plan anbetraf, die Show in einer Volume zu realisieren, wurden wir immer unterstützt. Eine solch aufwändige Sache gegen einen Partner durchzusetzen, der nicht auch die Möglichkeiten erkennt und sofort mit dabei ist, wäre sicherlich ausgesprochen schwierig. Wir merken, dass Netflix unbedingt an das Projekt glaubt, eben nicht nur von deutscher Seite. Wir haben Experten aus den USA, die schon Erfahrung mit dieser Form von virtuellen Produktionen gesammelt haben und sich mit uns kurzschließen und ihren Wissensschatz mit uns teilen oder uns mit Leuten verbinden, die uns bei der Beantwortung unserer Fragen helfen können.

Sie haben "1899" während der Pandemie geschrieben und vorbereitet. Inwiefern hat diese ungewöhnliche Zeit Ihren Blick verändert auf das, was Sie machen?

JANTJE FRIESE: Mir ist vor allem bewusst geworden, wie wichtig es ist, Geschichten erzählt zu bekommen. Es spielt keine Rolle, in welcher Form das passiert, ob man nun liest oder auf einem Bildschirm ansieht. Unsere Tochter hat immer schon viel gelesen, ist aber während des Lockdowns noch mehr abgetaucht in die Welt der Bücher. Geschichten helfen uns, wach zu bleiben, den Verstand nicht zu verlieren. Sie geben einem Halt, Hoffnung und Verständnis fürs Menschsein. Ich will nicht anmaßend sein und behaupten, dass unser Beruf unbedingt systemrelevant ist. Und doch darf man gerade während einer Pandemie nicht unterschätzen, wie wichtig es ist, in der Lage zu sein, die Welt aus anderen Augen betrachten zu können, gemeinsam erleben und sich gemeinsam austauschen zu können. Vielleicht machen wir ja doch einen Job, der wichtig ist.

BARAN BO ODAR: Früher hat man schneller gemotzt, über das Restaurant, weil es nicht so gut ist, über die Party, weil sie nicht so cool war, über den Film, weil er nicht so gut gemacht war. Jetzt wäre ich froh, wieder in einem Restaurant zu sein, auf eine Party zu gehen oder mir in einem Kino einen Film anzusehen. Ich bin dankbarer geworden für die Dinge, die man vorher als gegeben hingenommen hat. Ich denke, das schadet nicht.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.