Kino

And the Oscar will go to?

Am Sonntag werden zum 93. Mal die Academy Awards vergeben. Wir lassen das diesjährige Oscarrennen Revue passieren und benennen die Favoriten in den wichtigsten Kategorien.

23.04.2021 12:57 • von Thomas Schultze
Am Sonntag wird sich entscheiden, wer bei den 93. Oscars Geschichte schreibt (Bild: Richard Harbaugh / A.M.P.A.S.)

Wenn einem das diesjährige Oscarrennen lang und ermüdend vorgekommen ist, dann mag das der Extremsituation durch die anhaltende Corona-Pandemie geschuldet sein, aber genauso daran liegen, dass die Award-Season in den USA in diesem Jahr tatsächlich länger war als üblich. Denn eigentlich wären die 93. Academy Awards längst durch, und man hätte schon seit zwei Monaten wieder zum Tagesgeschäft übergehen können. Aber was heißt schon Tagesgeschäft in Zeiten wie diesen. Mitte Juni letzten Jahres hatte die Academy of Motion Picture Arts and Sciences angesichts der damaligen Entwicklungen der Corona-Pandemie bekannt gegeben, die Oscar-Verleihung vom geplanten Termin am 28. Februar auf den 25. April zu verschieben und damit erstmals auch Filmen eine Preischance zu geben, die nicht bis zum Jahresende wenigstens einen Tag im kommerziellen Kino gelaufen sind. Einerseits wurde der Einreichtermin verlängert, anderseits wurden angesichts der prekären Kinosituation erstmals auch Filme zugelassen, die eine Kinoauswertung zwar geplant hätten, aber aufgrund der Situation auf Streamingportale ausweichen mussten. Damals war man allerdings noch davon ausgegangen, dass sich die Lage für die Kinos bis spätestens Ende 2020 wieder entspannt haben würde. Dass sich der Lockdown in deutlichem Maße noch einmal über das komplette erste Quartal erstrecken würde, hatte man damals in dieser Form nicht auf dem Schirm.

Es ist aber auch eindeutig der Grund, warum sich das diesjährige Oscarrennen mehr anfühlt wie eine Verlängerung der Independent Spirit Awards als eine traditionelle Academy-Award-Auswahl: Die Studios haben ihre potenziellen Oscarhits für 2020 - darunter "West Side Story" von Steven Spielberg oder das Musical In the Heights" - bis heute nicht gestartet. Andere vermeintliche Kandidaten wurden ebenfalls zurückgehalten - wie The French Dispatch" von Wes Anderson, der nunmehr beim Festival de Cannes, so es denn tatsächlich im Juli stattfinden wird, Weltpremiere feiern wird. Was nicht heißen soll, dass die Filme, die am Sonntag unter sich ausmachen werden, wer der Beste ist, nicht würdig sind. Es ist nur einfach kein repräsentativer Querschnitt des tatsächlichen Filmschaffens von 2020. Gleichzeitig öffnet sich Oscar auch zwangsweise kantigeren, gewagteren Produktionen, wie man sie bislang eben eher bei den Independent Spirit Awards vermutet hätte. Was sicherlich auch daran liegt, dass die Academy in den letzten Jahren viel getan hat, um seine Mitgliederschaft jünger, diverser und internationaler zu machen. Das mag nicht unbedingt zum Glamour-Appeal der Oscars beitragen, aber durchaus das Profil der Veranstaltung schärfen, die in diesem Jahr tatsächlich eben jünger, diverser und internationaler zu werden verspricht, eben mehr ein Abbild einer modernen Gesellschaft im Jahr 2021.

Mittlerweile haben alle Auguren gesprochen und ihre Empfehlungen abgegeben, wer wohl das Rennen machen wird in der von Steven Soderbergh mit Stacey Sher und Jesse Collins inszenierten/produzierten Veranstaltung, die nach ersten Angaben der Macher eher einem Spielfilm entsprechen soll, mit ineinandergreifenden und narrativ verbundenen Elementen. Die Branchenmagazine habe ihre Einschätzungen genannt, und im Stundentakt erreichen einen weiterhin auch skurrile E-Mails, wie dieses oder jenes Wettbüro die Chancen für die einzelnen Titel und Künstler sieht. Mit zehn Nominierungen müsste eigentlich Mank" von David Fincher als Favorit zählen, aber mit Ausnahme des einen oder anderen technischen Preises gilt die Netflix-Produktion nicht als ausgemachter Oscaranwärter. Unter den acht Nominierten für den Hauptpreis als bester Film ist der einsame Favorit Nomadland". Schon seit seiner parallelen Weltpremiere in Venedig und Toronto und dem anschließenden Gewinn des Goldenen Löwen der Mostra gilt das Roadmovie von Chloé Zhao als der Film, den es zu schlagen gilt bei den Oscars. Nach dem Gewinn bei den Golden Globes, den BAFTA Awards und nunmehr auch den Independent Spirit Awards gilt es eigentlich als sichere Sache, dass sich "Nomadland" auch am Sonntag durchsetzen wird. Außenseiterchancen werden bestenfalls The Trial of the Chicago 7" eingeräumt. Zwischenzeitlich befanden sich angeblich auch Minari" und Sound of Metal" im Aufwind, aber mittlerweile gelten sie als abgeschlagen.

Noch klarer ist der Fall im Regierennen. Hier besteht eigentlich kein Zweifel, dass Chloé Zhao gewinnen wird, als zweite Frau nach Kathryn Bigelow überhaupt und entsprechend auch als erste asiatischstämmige Filmemacherin überhaupt. Nachdem im vergangenen Jahr Bong joon-ho siegreich war, würde zum zweiten Mal in Folge ein asiatischer Filmemacher*in gewinnen. Davor hatten übrigens zweimal in Folge Mexikaner gewonnen. Damien Chazelle ist übrigens der einzige männliche weiße Amerikaner, der seit 2008 siegreich war. Eine klare Sache scheint auch der Oscar für den besten Schauspieler zu sein: Hollywood wird sich mit einiger Sicherheit vor der Lebensleistung des im vergangenen Jahr gestorbenen Chadwick Boseman verneigen, auch wenn sein Auftritt in Ma Rainey's Black Bottom" streng genommen eher eine tragende Nebenrolle war.

Das Gleiche lässt sich auch über Viola Davis und ihren Auftritt in demselben Film sagen, aber auch sie, die erst vor vier Jahren für ihre Leistung in Fences", ebenfalls die Verfilmung eines Theaterstücks von August Wilson, als beste Nebendarstellerin geehrt wurde. Sie gilt aktuell als Favoritin bei den Schauspielerinnen, dem wohl spannendsten und unsichersten Rennen der diesjährigen Oscars: Sie wäre damit im dritten Jahr in Folge ein Darsteller*in, der für die Darstellung einer/s realen Sänger*in gewinnen würde (Rami Malek als Freddie Mercury in Bohemian Rhapsody" 2019; Renée Zellweger als Judy Garland in Judy" 2020). Lange hatte Frances McDormand als stärkste Kandidatin im Feld gegolten, aber in Hollywood gilt es als eher unwahrscheinlich, dass man ihr den nach "Fargo" im Jahr 1996 und Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" im Jahr 2017 dritten Oscar bewilligen wird. Gute Chancen hat sicherlich auch Carey Mulligan, die für Promising Young Woman" zwar erst ihre zweite Oscarnominierung erhalten hat, aber seit ihrem Durchbruch mit An Education" (erste Oscarnominierung) im Jahr 2009 als eine der führenden Darstellerinnen ihrer Generation zählt. Schauspieldebütantin Andra Day gewann für ihre Leistung in The United States Vs Billie Holiday" (in dem sie, anders als Viola Davis, auch selbst singt) einen Golden Globe, aber konnte seither nicht von dem Momentum profitieren. Als chancenlos gilt indes einzig Vanessa Kirby, die für Pieces of a Woman" zwar in Venedig die Coppa Volpi gewann, Netflix aber bei seiner Oscarkampagne eher auf Viola Davis setzt (und sich nicht selbst Konkurrenz machen will).

Vergleichsweise klare Angelegenheiten sind die Preise bei den Nebendarstellern: Daniel Kaluuya gilt mit seiner Rolle in Judas and the Black Messiah" als unschlagbar, auch wenn LaKeith Stanfield mit seinem Auftritt in diesem Film ebenfalls als bester Nebendarsteller nominiert ist. Ebenso wäre es eine Riesenüberraschung, wenn die koreanische Darstellerinnenlegende Youn Yuh-jung nicht für ihren Auftritt als unkonventionelle Großmutter in "Minari" gewinnen würde. Sowohl Kaluuya und Youn haben in den letzten Monaten alle relevanten Preise für sich reklamieren können. Sollten die Vorhersagen wirklich eintreffen, würden erstmals überhaupt alle Hauptpreise der Oscars an nicht-weiße Künstler gehen. Das würde die 93. Academy Awards zu einer legendären, wegweisenden Veranstaltung machen.

Thomas Schultze