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PREVIEW STREAMING: "The Mosquito Coast"

Am 30. April startet bei Apple TV+ ein weiteres Serienhighlight, die siebenteilige Neuverfilmung von "The Mosquito Coast" mit Justin Theroux, die auf faszinierende Weise völlig anders ist als die Vorlage (und die erste Verfilmung von 1986 mit Harrison Ford). Hier unsere Besprechung.

21.04.2021 14:37 • von Thomas Schultze
Ein letzter Moment der Idylle vor dem Höllenritt: "The Mosquito Coast" (Bild: Apple TV+)

Am 30. April startet bei Apple TV+ ein weiteres Serienhighlight, die siebenteilige Neuverfilmung von "The Mosquito Coast" mit Justin Theroux, die auf faszinierende Weise völlig anders ist als die Vorlage (und die erste Verfilmung von 1986 mit Harrison Ford). Hier unsere Besprechung.

Anders als bei Peter Weirs an der Kinokasse enttäuschenden Adaption von 1986 mit Harrison Ford und Helen Mirren in den Hauptrollen werden sich Leser von Paul Theroux' fünf Jahre zuvor erstmals veröffentlichten Kultroman "Moskito-Küste" nicht sofort zurecht finden in der für Apple TV+ als Siebenteiler entstandenen Neuverfilmung des Stoffs. Tatsächlich geht die Miniserie von "Luther"-Schöpfer Neil Cross und Regisseur Rupert Wyatt, der die erste und vierte Folge inszenierte, sehr frei um mit der Vorlage; zunächst scheint eigentlich nur die Prämisse identisch: Ein exzentrischer und herrischer Erfinder lässt mit seiner Familie den Wohlstand der Vereinigten Staaten hinter sich und bricht zu einem neuen Leben in den Süden auf. Am Anfang sieht man ihn noch, wie er versucht, eine seiner Erfindungen, mit der sich mit bloßer Feuerkraft Eis herstellen lässt, vergeblich bei seinem Arbeitgeber an den Mann zu bringen. Damit enden zunächst aber schon die Parallelen zu dem Roman.

In der Miniserie hat Allie Fox nicht vier Kinder, sondern zwei, eine Tochter und ein Sohn im Teenageralter; seine Frau Margot nimmt eine deutlich zentralere und aktivere Rolle ein. Und vor allem geht es zumindest in diesen sieben Episoden nicht mitten in den Dschungel im Norden von Honduras, wo Fox seine eigene kleine Zivilisation begründet. Vielmehr ist die hektische Flucht der Familie aus dem südkalifornischen Hinterland hier begründet darin, dass das Ehepaar wieder auf den Radar der Regierungsbehörden kommt, nachdem es vor Jahren untergetaucht war, vom Erdboden verschwunden, und nun Jagd auf sie gemacht wird. Warum genau das so ist, wird zumindest in dieser ersten Staffel bestenfalls andeutungsweise geklärt. Nun wollen sie mit Hilfe zweier Schleuser die mexikanische Grenze in Richtung Süden überqueren und geraten auf dem Weg ins Visier eines Drogenkartells, das hofft, mit dem gesuchten Allie ein Druckmittel zu haben, um Gefängnisinsassen in den USA freipressen zu können.

An die Netflix-Serie Ozark" muss man da gleich denken, die ihre epische Geschichte aus einer ähnlichen Konstellation entfaltet, oder, ein bisschen mehr noch, an Breaking Bad", in der der Zusammenprall einer amerikanischen Jederfamilie mit einem Drogenkartell stilistisch ähnlich auffällig eingefangen wurde. Aber anders als diese beiden Serien geht "The Mosquito Coast" tatsächlich south of the border, nach Mexiko, was sie inhaltlich wiederum näher an No Country for Old Men" oder Sicario" rückt. Und doch macht diese neue Vorzeigeserie von Apple ihr ganz eigenes Ding, hat sie ihre ganz eigene halluzinatorische und immer mörderisch spannende Atmosphäre. Und lebt eben ganz stark von ihren Hauptdarstellern: Justin Theroux, tatsächlich der Neffe von Romanautor Paul Theroux, überzeugt in der Harrison-Ford-Rolle als halsstarriger Exzentriker, und an seiner Seite ist die australische Schauspielerin Melissa George ebenso gut als seine Ehefrau, die sich doch immer auf Augenhöhe mit ihrem Mann befindet: Ob es nun besonders knistert, wenn sie sich mit einem der beiden Schleuser zu einem Tanz zu "First of the Gang to Die" von Morrissey hinreißen lässt. Oder sie mit ihren intensiven Blicken durchschimmern lässt, dass sie vielleicht eine noch wichtigere Rolle spielen könnte, weil sie mehr weiß, als sie erahnen lässt. Und zusammen sind die beiden besonders gut, zusammengeschweißt von der jahrelangen Flucht, unbedingtem Überlebenswillen und der Liebe zu ihren Kindern - beide sind ebenfalls hervorragend besetzt mit Logan Polish und Gabriel Bateman (kurioserweise der jüngste Bruder von "Ozark"-Star Jason Bateman) . Wenn das siebenstündige Narrativ endet, ein langer Film sozusagen, aufgeteilt in sieben Kapitel, ist man nicht ermüdet. Sondern will mehr. Auch weil man weiß, was dank der üppigen Romanvorlage noch alles passieren könnte, wenn man sich denn wirklich daran hielte. Und man sich bei Rupert Wyatt in besten Händen befindet. Er nutzt die Gelegenheit, seine Vision von erwachsenem Kino umzusetzen, mit genauem Auge und hintergründigem Humor: Wenn man zu Beginn der vierten Folge sieht, wie ein ausgestopfter Menschenaffe von Kugeln zerfetzt wird, kann man einfach nicht anders, als diesen Moment als ätzenden Kommentar des Regisseurs auf seine Erfahrungen mit Fox bei der Arbeit an Planet der Affen: PRevolution" zu werten (nach dem erfolgreichen Film wurde er zur eigenen Überraschung gefeuert und für die Fortsetzung von Matt Reeves ersetzt).

Thomas Schultze