Kino

Wortmeldung: Dokumentarfilm - Die Schnittzeit entscheidet über den Erfolg

Der deutsche Dokumentarfilm ist im internationalen Vergleich oft nicht konkurrenzfähig. Zu viele Filme werden unter schlechten Produktionsbedingungen realisiert. Eine aktuelle Umfrage des Bundesverbands Filmschnitt Editor e.V. (BFS) belegt nun, dass die Situation im Schnitt besonders prekär ist. Und das obwohl gerade dieser für den langen unformatierten Dokumentarfilm entscheidend ist. Hier melden sich die Editorinnen Anne Fabini, Carlotta Kittel und Catrin Vogt zu Wort.

21.04.2021 10:14 • von Barbara Schuster
Anne Fabini, Catrin Vogt und Carlotta Kittel (Bild: Sylvia Steinhäuser, Privat, Johannes Praus)

Der deutsche Dokumentarfilm ist im internationalen Vergleich oft nicht konkurrenzfähig. Zu viele Filme werden unter schlechten Produktionsbedingungen realisiert. Eine aktuelle Umfrage des Bundesverbands Filmschnitt Editor e.V. (BFS) belegt nun, dass die Situation im Schnitt besonders prekär ist. Und das obwohl gerade dieser für den langen unformatierten Dokumentarfilm entscheidend ist. Hier melden sich die Editorinnen Anne Fabini, Carlotta Kittel und Catrin Vogt zu Wort:

Zu normalen Zeiten starten jede Woche landesweit mehrere deutsche Dokumentarfilme in den Kinos. Es werden von Jahr zu Jahr mehr. Sie behandeln eine Vielfalt von Themen. Manche begeistern ein großes Publikum, doch viele werden nur von einigen wenigen gesehen. Manche gewinnen Preise bei Festivals, andere landen schon nach wenigen Tagen in der Schublade und werden irgendwann spätabends im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt. Auffällig ist, dass im internationalen Vergleich in Deutschland zwar viele Kino-Dokumentarfilme hergestellt werden, diese aber bei den wichtigen internationalen Festivals und den großen Streaminganbietern kaum vertreten sind. Oder anders formuliert: deutsche Dokumentarfilme erreichen ein ausgewähltes Publikum, aber ein weitreichender Erfolg gelingt nur wenigen. Warum ist das so?

Schnittzeit und Qualität

Als Filmeditor*innen machen wir häufig die Erfahrung, dass Produzent*innen im Verlauf einer Produktion unter enormen finanziellen Druck geraten. Die von Sendern und Filmförderung gebilligten Kalkulationen weisen meist viel zu kurze Schnittzeiten auf. Aufgrund des Zeitmangels in der Postproduktion kann das Potential der Filme im Schnitt nicht ausgeschöpft werden. Das Resultat sind "unfertige" Filme auf dem Markt und sinkende Publikumszahlen.

Um zu verstehen, wann ein Film wirklich zu Ende geschnitten und somit "fertig" ist, muss man einen Blick auf den kreativen Prozess im Schneideraum werfen. Am Anfang des Schnittprozesses steht die Aneignung des Materials. Editor*innen erleben bei der ersten Begegnung mit den Protagonist*innen auf dem Bildschirm deren Lebenssituationen, denken sich in die thematische Problemstellung ein, durchsuchen das Gedrehte nach Spannungsbögen und logischen Abfolgen. So können täglich je nach Film um die 4-5 Stunden Material gesichtet werden, da neben dem reinen Sichten auch sortiert, kategorisiert und beschriftet werden muss. Bei den durchaus üblichen 120 Stunden Ausgangsmaterial einer heutigen dokumentarischen Produktion braucht der/die Editor*in also rund sechs Wochen, bevor überhaupt mit dem eigentlichen Schnitt begonnen wird.

In Gesprächen mit Branchenvertreter*innen oder bei Abnahmen mit Redakteur*innen überrascht uns immer wieder, wie wenig Verständnis für die Dauer und die Komplexität von Montageprozessen entgegengebracht wird. Dabei hat die Schnittphase einen elementaren Anteil bei der Entstehung eines Dokumentarfilms. Es gibt beim Dokumentarfilm in den allermeisten Fällen kein Drehbuch oder einen genauen Plan für den Aufbau des Films. Szenen werden erst durch den/die Editor*in im Schnittprozess geformt und in eine logische, verdichtete und dramaturgisch prägnante Reihenfolge gebracht. Dabei entsteht eine filmische Erzählung, die vielschichtig sein muss, um künstlerisch Bestand zu haben. Eine Geschichte muss ein Thema intensiv beleuchten und trotzdem entlang eines Spannungsbogens erzählt werden. Nur dann kann ein Dokumentarfilm das Publikum in seinen Bann schlagen. Nur dann ist er "zu Ende geschnitten".

Der BFS will's wissen

Bereits im August 2018 veranstaltete der BFS in Berlin eine Panel-Diskussion mit dem Titel "Unsere schöne Sorge: Was sich für die Montage von langen Dokumentarfilmen ändern muss". Hintergrund für den dringenden Gesprächsbedarf von uns Editor*innen war und ist, dass sich der Herstellungsprozess von Dokumentarfilmen in den letzten 20-25 Jahren gravierend verändert hat. Wir erleben ein Missverhältnis zwischen ständig steigenden Materialmengen einerseits und schrumpfenden Postproduktionsbudgets andererseits. Um unsere Erfahrungen auf eine solide numerische Basis zu stellen, beauftragte der BFS Langer Media research & consulting mit der Durchführung einer Umfrage zu "Arbeitsbedingungen und Vergütung beim Schnitt von Dokumentarfilmen". Etwa 171 Editor*innen machten Angaben zu 246 Dokumentarfilmen der letzten fünf Jahre. Die Ergebnisse zeigen die Zusammenhänge zwischen Budget, Schnittzeit, Qualität und Erfolg der Filme.

Erfolgreiche Filme verfügen nicht nur über größere Gesamtbudgets, sondern weisen im Vergleich auch deutlich längere Postproduktionszeiten aus. Während viele Produzent*innen bei abendfüllenden Dokumentarfilmen von einer Gesamtschnittzeit von 12-16 Wochen ausgehen, liegt die tatsächliche durchschnittliche Schnittzeit bei etwa einem halben Jahr. Erfolgreiche Filme, also Filme mit mehr als 20.000 Kinozuschauer*innen, A-Festival-Premiere oder bedeutenden Preisen, liegen sogar bei durchschnittlich 31 Wochen.

Erstaunliche Ergebnisse liefert die Umfrage zu den Abläufen in der Postproduktion: Insbesondere wegen der häufig sehr geringen Budgets müsste die Postproduktions-Planung möglichst effizient gestaltet werden. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Bei etwa einem Drittel der Projekte war das Material nicht oder nur teilweise adäquat für den Schnitt vorbereitet. Nur bei 23 Prozent der Filme war ein durchgehender technischer Support gewährleistet. Und über 40 Prozent der Filme hatten keine Schnittassistenz. Dies ist besonders fatal, da der Einsatz einer Schnittassistenz nicht nur den kreativen Prozess unterstützt und für die nötige Professionalität in den Arbeitsabläufen sorgt, sondern auch den Editor*innen viel Arbeitszeit erspart und somit für die Produktion immer einen wirtschaftlichen Vorteil bedeutet.

Die Umfrage lässt zudem erkennen, wie selten öffentliche Gelder auch faire Gagen bedeuten: bei deutschen Dokumentarfilmen mit Senderbeteiligung und/oder Filmförderung wurden lediglich 8 Prozent der Rechnungssteller*innen auf vergleichbarem Tarifniveau oder höher bezahlt. Dies hat zur Folge, dass Editor*innen nicht vom Dokumentarfilm leben können und dass erfahrene Editor*innen häufig zu anderen Genres wechseln. Dies zeigt sich auch in den Erhebungen zur Berufserfahrung: Nur ein knappes Drittel der an der Umfrage teilnehmenden Editor*innen montierten in ihrem bisherigen Berufsleben zehn oder mehr Dokumentarfilme, obwohl über die Hälfte der Befragten auf mindestens elf Jahre Berufserfahrung zurückblicken konnte.

Perspektiven

Editor*innen verfügen über einen breitgefächerten Wissen- und Erfahrungsschatz. Sie kollaborieren während ihrer beruflichen Laufbahn mit vielen Regisseur*innen und Produzent*innen an unterschiedlichen Dokumentarfilmen. Bei jedem Film gestaltet sich die Schnittphase anders, ist einzigartig und zeitweise ein fragiler Prozess.

Dokumentarische Filmproduktionen, gefördert durch öffentliche Gelder, stehen in der Verantwortung ihre Filmschaffenden fair zu bezahlen und die Schnittzeiten realistisch zu kalkulieren. Filmförderung darf nur gewährt werden, wenn die Kalkulation den Maßgaben entspricht. Auch öffentlich-rechtliche Sender müssen bei Koproduktionen eine Verantwortung für die bereitgestellten Gelder übernehmen.

Wir sprechen uns dafür aus, die Planung und Finanzierung von Postproduktionsprozessen zu überdenken und neu zu gestalten. Postproduktionsförderung ist unbedingt notwendig. Produzent*innen, Sender, Filmförderung und Editor*innen müssen gemeinsam neu definieren, was "Kalkulationsrealismus" für die Postproduktion von langen unformatierten Dokumentarfilmen wirklich bedeutet. Wir alle wollen bessere Filme, die auch im internationalen Vergleich mithalten können. Dafür braucht es aber nicht zuletzt bessere Bedingungen im Schnitt und ein besseres Verständnis seiner Bedeutung für den Dokumentarfilm.

Die Umfrage wird Anfang Mai auf der Webseite des BFS veröffentlicht. Im Rahmen des DOKfest München wird sie bei einer Paneldiskussion präsentiert und mit Branchenvertreter*innen diskutiert. Die online-Veranstaltung mit dem Titel "Dok:Schnitt:Zukunft" findet am 10. Mai um 15 Uhr statt. Weitere Infos unter bfs filmeditor.de/magazin/dokschnittzukunft