Kino

"Funktionierende Sperrfristen sind elementar für den Erfolg der Novelle"

Auch die AG Kino-Gilde fordert eine Neuregelung der Medienchronologie nach dem Vorbild Frankreichs - und übt in diesem Kontext Kritik an Streamern wie an großen internationalen Kinoketten gleichermaßen. Aufs Korn nimmt der Verband Streamer zudem bei der Frage der Filmabgabe. Im Licht der Änderung des Infektionsschutzgesetzes mahnt man erneut eine verlässliche Wiedereröffnungsperspektive an.

21.04.2021 07:20 • von Marc Mensch
Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino-Gilde (Bild: David von Becker)

Auch wenn die heute zur Verabschiedung durch den Bundestag anstehenden Änderungen des Infektionsschutzgesetzes eher in eine andere Richtung weisen, nutzt die AG Kino-Gilde den Anlass, um Politiker in Bund und Ländern aufzufordern, nun "mit ganzer Kraft eine transparente, evidenzbasierte und verlässliche Wiedereröffnungsperspektive zu entwickeln". Dass Gesundheit und Sicherheit vorgingen, habe man seit Beginn der Pandemie betont, so der Vorstandsvorsitzende Christian Bräuer. Allerdings würden Kinos über bewährte und wissenschaftlich geprüfte Hygienekonzepte verfügen, die auch Basis für eine Wiedereröffnung sein sollten. Dies umso mehr, als die Kultur zu den am stärksten von der Pandemie betroffenen gesellschaftlichen Bereichen zähle. "Die Vielfalt der Kultur ist das Fundament einer lebendigen Demokratie. Dies gilt es ebenso anzuerkennen wie die wirtschaftliche Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft. Dafür brauchen wir einen echten Zukunftsplan."

Zur kompletten Stellungnahme der AG Kino-Gilde

Einen solchen erhofft sich der Verband auch von der Novellierung des Filmförderungsgesetzes. Zwar handelt es sich bei der aktuell in Abstimmung befindlichen Neufassung, zu der heute eine Anhörung im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien stattfindet, nur um eine kleine Novellierung mit einer Laufzeit bis Ende 2023 - doch insbesondere die Frage der Sperrfristen treibt die Verbände um. Während sich der VdF in seiner Stellungnahme als Reaktion auf die in den USA zuletzt erodierten Fenster für eine Halbierung des regulären Kinofensters nach dem FFG auf drei Monate einsetzt, hatte der HDF einen Weg angemahnt, der die Tür für Branchenvereinbarungen aufstoßen soll, die über geförderte Filme hinausgehen. Konkret geht es um Vereinbarungen nach dem Vorbild des französischen Modells - und genau hierfür setzt sich auch die AG Kino-Gilde ein, wenngleich im Detail mit einem etwas anderen Wortlaut als ihn der HDF für die Novelle vorschlägt. Konkret lautet die von der AG Kino-Gilde vorgeschlagene Passage:

"Neu § 53 (3)

Die regelmäßigen Sperrfristen können abweichend von Absatz 2 durch Branchenvereinbarung zwischen den Verbänden der Kinobranche mit Verbänden der betroffenen Mediendienste oder Fernsehveranstalter oder einer Gruppe von Mediendiensten oder Fernsehveranstaltern geregelt werden. Diese Vereinbarung kann eine oder mehrere Kategorien von Dienstleistungen betreffen. Besteht eine Branchenvereinbarung über regelmäßige Sperrfristen, so ist die in dieser Vereinbarung vorgesehene Frist für die Diensteanbieter und Fernsehveranstalter sowie die Mitglieder der unterzeichnenden Verbände verbindlich. Die Branchenvereinbarung kann durch Rechtsverordnung der für Kultur und Medien zuständigen obersten Bundesbehörde für die Auswertung aller programmfüllenden Filme mit Aufführung im Kino in den in Absatz 2 genannten Medienarten für verbindlich erklärt werden. Die Rechtsverordnung gilt für maximal drei Jahre.

Neu § 53 (4)

Die Repräsentativität eines Verbandes oder einer Gruppe von Diensteanbietern wird insbesondere im Hinblick auf die Anzahl der betroffenen Marktteilnehmer oder deren Bedeutung auf dem betreffenden Markt beurteilt. Ist es erforderlich, die Repräsentativität eines Verbandes festzustellen, so stellen sie der für Kultur und Medien zuständigen obersten Bundesbehörde die erforderlichen Bewertungselemente zur Verfügung."

"Wir haben es in der Hand, ob sich die Folgen der Corona-Krise langfristig positiv oder negativ auswirken werden", so Bräuer. "Entscheidend für deren Fortbestand wird sein, dass wir eine Strategie entwickeln, um die Vielfalt der von der Pandemie extrem stark betroffenen unabhängigen Film- und Kinowirtschaft zu stärken." Und weiter: "Als geeigneter Ansatz bietet sich die bewährte Regelung der Medienchronologie, mit der Frankreich seine Filmindustrie so erfolgreich schützt und stützt." Als Fürsprecher dieses Kurses zitiert die AG Kino-Gilde Nicolas Seydoux, der als Präsident von Gaumont sowohl die Sicht eines Kinobetreibers als auch eines Film- und TV-Produzenten vertrete und der feststelle, dass es sorgfältigem Management zu verdanken sei, dass sich die französische Filmindustrie als eine der beiden großen in der westlichen Welt außerhalb der USA habe etablieren und halten können. Der Schluss der AG Kino-Gilde: "Funktionierende Sperrfristen sind elementar für den Erfolg der Novelle."

Im Zusammenhang mit der geforderten Stärkung der unabhängigen Film- und Kinowirtschaft nimmt der Verband nicht nur die Studios, sondern auch große US-Kinoketten aufs Korn. So heißt es in der Stellungnahme unter anderem: "Seit Beginn der Corona-Krise beobachten wir mit Sorge, wie große Konzerne ihre Marktmacht ausnutzen, um durch gezieltes Unterpreisen kleinere Konkurrenz auszuschalten. Als Beispiel sei die Übereinkunft von Universal und AMC genannt, die das Auswertungsfenster umgeht, solange die große Kinokette sich noch einen größeren Teil vom Kuchen schnappen kann, ebenso sorgt uns die Niedrigpreispolitik von Kinoketten, die kleinere und unabhängige Kinos in die Insolvenz treiben soll."

Die Zeit für den Schutz der angesprochenen Vielfalt dränge auch deshalb, weil sich der Film- und Kinomarkt schon vor der Pandemie in einem radikalen Umbruch befunden habe. "Global agierende Streamingplattformen gewinnen an Einfluss bei der Produktion, Finanzierung und Verwertung audiovisueller Inhalte. Dies verändert den Fernseh-, den Video- und den Kinomarkt und fordert alle Unternehmen in diesen Bereichen heraus", heißt es in der Stellungnahme, die insbesondere Netflix (ohne das Unternehmen beim Namen zu nennen) bescheinigt, seine Vorherrschaft "immer aggressiver" ausbauen zu wollen. So setze sich der Verband nicht zuletzt auch dafür ein, "dem Missbrauch von Marktmacht im Sinne der Sicherung einer lebendigen Kultur und Meinungsvielfalt vorzubeugen".

Unterdessen adressiert die Stellungnahme auch die Rolle großer Streamingplattformen als Einzahler in den FFA-Topf - bei der der Verband erheblichen Nachbesserungsbedarf sieht - bis hin zu einer Heranziehung von Plattformen wie YouTube zur Filmabgabe. So heißt es unter anderem: "In Anbetracht des strukturellen Wandels in der Filmwirtschaft gilt es perspektivisch, die uneingeschränkte Transparenz der Abgabezahlungen sicherzustellen. Zahlungen, die auf Schätzungen oder nicht vollständig für die Abrechnungskontrolle nachvollziehbaren Daten beruhen, bedürfen eines Zuschlags von mindestens 50 Prozent. Es ist nicht akzeptabel, wenn der Bundesgesetzgeber oder die FFA bei Konzernen, deren Geschäftsgrundlage Daten sind, auf eine präzise, dem Gesetzestext entsprechende Erhebung der Filmabgabe verzichten. Auch Plattformen, die mit nutzergeneriertem Filmcontent (Werbe-)Umsätze erzielen, sind zur Filmabgabezahlung heranzuziehen. Freigrenzen sind wie bei Kinos auf 100.000 Euro herabzusetzen."

Mit Blick auf die Fördertätigkeit zeigt sich der Verband überzeugt, dass es entscheidend sein wird, den Fokus der deutschen Filmförderung zu weiten und anstelle eines produktionszentrierten Ansatzes einen ganzheitlichen Blick von der Ideenentwicklung bis zum Publikum nach dem Prinzip 'Klasse statt Masse' einzunehmen. Dazu Christian Bräuer: "Wir müssen in der Förderung stärker im Blick haben, wie wir das Publikum erreichen und gesellschaftliche Änderungen antizipieren. Wir müssen uns Gedanken über das Große und Ganze machen und Leitbilder, Strategien und Strukturen für die Filmförderung entwickeln. Das ist eine einzigartige Chance."