Kino

Walter Köhler über 10 Jahre Terra Mater: "Qualität plus Quantität"

Vor zehn Jahren ging Walter Köhler mit Terra Mater Factual Studios unter dem Dach von Red Bull an den Start. Über den Erfolg seines Unternehmens spricht er hier.

20.04.2021 08:59 • von Barbara Schuster
Walter Köhler ist mit Terra Mater erfolgreich im Markt (Bild: Terra Mater Factual Studios)

Vor zehn Jahren ging Walter Köhler mit Terra Mater Factual Studios unter dem Dach von Red Bull an den Start. Über den Erfolg seines ­Unternehmens spricht er hier.

Sie feiern dieses Jahr zehnjähriges Bestehen von Terra Mater Factual Studios. Welche Ziele hatten Sie sich zu Beginn gesetzt?

Unser Ziel war, aus dem deutschsprachigen Raum heraus dem Marktführer BBC Konkurrenz zu machen. Das haben wir geschafft. Zudem liefern wir den Beweis, dass sich Qualität und Quantität nicht ausschließen: wenn man es richtig angeht, können sich diese beiden Faktoren ergänzen. Wir sind viel mehr als eine Naturfilmwerkstatt - wie zu Beginn von vielen gedacht. Mit unserer hauseigenen Entwicklungsabteilung tauchen wir in viele Bereiche ein, entwickeln Formate, liefern Dokumentationen und Reportagen über gesellschaftliche Themen und fassen nun vermehrt auch wieder ein fiktionales Portfolio ins Auge. Natürlich ist der Bereich Natural History unsere Core-Disziplin, die Cash-Cow, wenn man so will. Das macht uns stolz. Denn in den nächsten 20 Jahren wird sich entscheiden, ob wir auf diesem Planeten eine Zukunft haben. Um dieses Ziel kämpfen wir!

Erfolg stellt sich nur mit dem richtigen Team ein...

Ich habe eine kuriose Arbeitsweise: Ich kann nur mit Freunden arbeiten. Bei der Gründung von Terra Mater waren wir 13 Mitarbeiter*innen. Mittlerweile besteht die Mannschaft aus 40 bis 45 Kolleg*innen. Das Geheimnis des Erfolgs ist, dass hier jedem Individuum viele Freiheiten eingeräumt werden und jeder auf das Gedeih des anderen schaut. Dass ein Miteinander und ein Aufeinanderachten wichtige Tugenden sind, zeigt sich auch darin, dass wir keinen einzigen Covid-Fall in der Firma hatten. Ohne diese Arbeitsauffassung könnten wir den Output, den wir in zehn Jahren geschafft haben, niemals stemmen.

Über welchen Output sprechen wir?

Wir haben über 333 Programmstunden produziert, 352 Preise gewonnen und 537 Nominierungen erzielt. Das sind stattliche Zahlen, zu denen auch zehn abendfüllende Kinofilme gehören. Das ist schon was.

Sie haben Terra Mater seinerzeit als Tochter bei Red Bull angedockt. Red Bull ist selbst eine weltbekannte Marke. Gibt es eine gegenseitige Befruchtung bzw. wie hat sich diese Heimat bewährt?

Gegenseitige Befruchtungen gibt es immer wieder. Keine Frage. Wir produzieren auch hin und wieder für den Konzern, wenn unser Know-how gefragt ist. Das Schöne bei Red Bull ist: Wir sind sehr frei in unseren Entscheidungen, die Marktkräfte bestimmen, was wir produzieren. Zudem schätze ich, dass ethische Gesichtspunkte bei Red Bull extrem hochgehalten werden. Wir haben uns gefunden und fühlen uns dort sehr wohl. Für mich bestand nach meinem Weggang vom ORF nie Zweifel, dass ich den Erfolg, den ich mit der Marke Universum vorgelegt hatte, wiederholen könnte. In einem Konzert mit einem Konzern wie Red Bull, der in jedem Winkel der Welt vertreten ist, wurde es mir sicher nicht schwerer gemacht.

Ihr Unternehmen haben Sie bewusst unter dem Studioprinzip aufgebaut, Projekte von Anfang bis Ende zu betreuen, selbst die Distribution bestimmen. Ist das einer der Gründe für den Erfolg von Terra Mater? Nichts aus der Hand zu geben?

Das war immer die Absicht und das Rezept, nach dem ich mich richte. Sein Schicksal in die eigene Hand nehmen. Das sieht man bei Red Bull genauso. Was einen Filmproduzenten ausmacht, sind die Rechte, die er besitzt. Natürlich muss man mit diesen Rechten arbeiten. Dafür wiederum ist eine eigene Distributionsabteilung ausschlaggebend. Nur so lässt sich die Formel Qualität plus Quantität auf einen Nenner bringen, nur so lässt sich nachhaltig wirtschaften. Mit nachhaltig meine ich auch grüne Produktionsprinzipien, denen wir uns verschrieben haben.

Sie sind ein Profi in Sachen Markenpolitik. Ist diese Strategie vor dem Hintergrund eines sich immer weiter zersplitternden Medienmarkts noch wichtiger geworden?

Zu 80 Prozent verstehen wir uns als Business-to-Business-Anbieter, auch wenn sich das gerade etwas ändert, weil unser YouTube-Kanal so extrem erfolgreich läuft. Der Studiogedanke geht bei Terra Mater nicht so weit, dass wir unsere eigenen Kinos haben wollen, unsere eigene Streamingplattform. Wir wollen vielmehr mit allen Plattformen, Sendern, Partnern so gut zusammenarbeiten, dass unser Produkt global die größtmögliche Verbreitung bekommt. Gerade habe ich gelesen, dass die Serie "Vikings" der VoD-Toptitel der letzten Monate im deutschsprachigen Raum war. Als Grund dafür wurde auch angegeben, dass dieses Produkt zeitgleich auf verschiedenen Plattformen zu sehen war. Es gibt so viele VoD-Anbieter, kein Kunde wird zehn Abos abschließen. Das heißt im Umkehrschluss: Die Exklusivität bei Originals hat zwar einen großen Wert. Aber daneben steigt der Content, der so bedeutend in seinem Schauwert ist, dass er über mehrere Plattformen gleichzeitig funktioniert und synergetische Effekte zum Erfolg verhelfen. Das wird meines Erachtens zunehmen. In der Distribution ist nur wichtig, den Überblick über die ausufernden Rechtekategorien zu behalten.

Sind Ihre Produkte besonders dankbar dafür, zeitgleich auf verschiedenen Ausspielwegen angeboten zu werden? Funktioniert es eher als im Fiktionalen?

Das glaube ich nicht. Der große Vorteil in unserem Core-Business, dem klassischen Naturfilm, ist natürlich, dass es das mit Abstand internationalste Genre ist. Normalerweise legt der Sprachraum bei einem Film die Grenze fest, wobei das durch die Plattformen gerade aufgebrochen wird. Einen Naturfilm kann ich mit wenig Kosten durch die Wahl eines anderen Sprechers, durch Übersetzung in ein originäres Produkt eines Landes umwandeln. Durch diesen Effekt wird ein und dasselbe Produkt nicht nur nationalisiert, sondern oft diversifiziert, man hört nicht nur eine andere Sprache, sondern erhält auch ein anderes Feeling. Das hilft uns natürlich sehr, dass die Verbreitung unserer Filme vielfältig ist.

Sie sprachen den Erfolg Ihres YouTube-Channels an. Seit wann ist Terra Mater dort aktiv?

Wir haben vor eineinhalb Jahren klein begonnen und stehen mittlerweile bei über 230.000 Abonnenten und haben einige Videos, die bereits über zwei Millionen Views aufweisen. Es läuft super. Das internationale Publikum erwartet unter dem Hashtag #terramatters ein Programm, das sich dem Umweltschutz und der Biodiversität widmet, teils originäre Beiträge, teils aus unserem Natural-History-Content. Uns liegt am Herzen, die Menschen zum Artenschutz, Klimaschutz, Naturschutz zu bewegen. Wir wollen zeigen, dass wirklich jeder Mensch dafür etwas tun kann.

Der Erhalt unseres Planeten, der Natur ist Terra Mater ein wichtiges Anliegen und steht an erster Stelle. Inwieweit ist das Thema Nachhaltigkeit auch im Unternehmen selbst von Bedeutung?

Zum Jubiläum werden wir in Kürze unsere eigenen Richtlinien vorlegen, die auch alle Zulieferer erfüllen müssen. Natürlich stellt uns die Produktion von Naturfilmen vor Probleme: Thematisch mögen sie nachhaltig sein, doch ohne Fliegerei sind sie meist nicht zu bewerkstelligen. Dem müssen wir uns stellen. Wir versuchen seit Jahren, nicht nur aus grünen Gründen, sondern auch aus Diversitäts- und Kostengründen, mit lokalen Teams zu arbeiten. Die kennen die Gegend vor Ort am besten. Es ist immer noch leichter, jemanden, der das Land und die Verhältnisse kennt, mit Kamera und Know-how zu bestücken, als jemanden, der zwar kameratechnich top ist, aber sich vor Ort nicht auskennt. Diese Arbeitsweise macht es möglich, die Teams klein und die Flugmeilen auf dem niedrigmöglichsten Level zu halten. Unseren Firmensitz in Wien haben wir unlängst unter strengsten grünen Kriterien ausgebaut, mit Photovoltaikanlage und Tiefenwärme.

Wird diese Form der Nachhaltigkeit auch bei Red Bull gelebt?

Durch unser Business sind wir bei Terra Mater Vorreiter. Aber auch im Konzern von Red Bull gibt es eine eigene große Nachhaltigkeitsabteilung, die sehr gute Arbeit leistet. Wir allein haben schon eineinhalb Jahre gebraucht, bis wir alle Daten zusammengetragen hatten, um auszurechnen, wie groß unsere CO2-Schuld überhaupt ist und wie man sie verändern kann. Bei einer Global Company wie Red Bull ist diese Arbeit um ein Vielfaches größer. Red Bull hat aber von Anfang an auf Nachhaltigkeit gesetzt: Die Getränkedose aus Aluminium war immer schon auf Recycling getrimmt. Wir gehen hier absolut in dieselbe Richtung. Es ist ein Gebot der Stunde!

Mit ServusTV ist Terra Mater von Anbeginn an über einen festen Output-Deal verbunden. Hat sich bei den weiteren Partnern über die Jahre etwas verändert?

Natürlich werden die Streamingplattformen zunehmend interessanter. Mit "The Ivory Game" hatten wir bereits einen Meilenstein als erstes deutschsprachiges Original für das weltweite Netflix-Publikum gesetzt. Mittlerweile sind wir mit allen Anbietern in Verbindung. Nach wie vor arbeiten wir mit vielen amerikanischen Fernsehsendern zusammen, vor allem National Geographic. Weniger haben wir mit der BBC zu tun, nicht aufgrund etwaiger Konkurrenz, sondern weil die Geschmäcker doch verschieden sind. Insgesamt haben wir uns gut platziert im Markt.

Erzählen Sie uns von Ihren größten Erfolgen: Auf was sind Sie besonders stolz? Gibt es Meilensteine zu benennen?

Stolz bin ich auf "The Ivory Game" und "Sea of Shadows", auf die Entwicklung dieser Projekte, die die Industry "Öko-Thriller" getauft hat. Sie sind mehr oder weniger einem großen Schuldgefühl heraus entsprungen. Als wir 2014 mit der Entwicklung von "The Ivory Game" begannen, war ich entsetzt, wie dramatisch die Situation hinsichtlich des Elfenbeinhandels war. Diese Art von Film ist extrem zeit- und arbeitsintensiv und äußerst gefährlich, weil viel investigativ ermittelt wird. Mir ist wichtig, nicht nur ein filmisches Ziel, sondern auch ein politisches Ziel zu haben. Was wollen wir mit dem Film erreichen? Dank "The Ivory Game" wurde der legale Elfeinbeinmarkt in China verboten. Bei "Sea of Shadows" war es ein viel komplexeres Problem. Dennoch haben wir es geschafft, die mexikanische Regierung so vor uns herzutreiben, dass sie tätig werden musste und der unheiligen Allianz zwischen chinesischer Mafia und mexikanischem Drogenkartell Einhalt gebot. Unser jüngster Film, "The Arctic: Our Last Great Wilderness", konnte aufgrund des Lockdowns noch gar nicht in die Kinos. Hintergrund der Entstehung war, dass die Trump-Administration es nicht lassen konnte, dieses letzte große arktische Naturschutzgebiet in Alaska mit Ölschürflizenzen zu gefährden. "The Arctic" ist unser erster großer Imax-Film, der im September 2020 anlaufen sollte. Das hat aufgrund der Corona-Situation zwar nicht geklappt; was aber stattgefunden hat, war eine große Impact Kampagne in Kooperation mit der Campion Foundation, die fast sechs Millionen Unterschriften generierte. Diese wurden an den US-Senat geschickt. Kaum war die Trump-Regierung weg, sind Eingriffe in das Arctic National Wildlife Refuge gesetzlich wieder verboten worden. Diese Dinge machen mich ebenso stolz wie der Erfolg, den unser Core-Produkt in vielen großen Ländern erzielt. Auch auf den Erfolg, den wir mit dem Spielfilm "Wie Brüder im Wind" im deutschsprachigen Raum feiern konnten, blicke ich gerne zurück. Nicht hoch genug schätze ich unsere eigene Formatentwicklung, die teils serielle Konzepte, teils Reportagen erstellt, quasi links und rechts vom klassischen Naturfilm Content generiert. Und nicht zuletzt muss ich die Entwicklungen im fiktionalen Bereich ansprechen, die wir wieder verstärkt anstoßen wollen und auf einem guten Boden gedeihen.

Können Sie uns hier schon konkrete Projekte verraten?

Wir arbeiten mit Tommy Jaud an der Drehbuchfassung seines Bestsellers "Hummeldumm". Es wird ein Roadmovie und erzählt von einer deutsch-österreichisch-schweizerischen Reisegruppe durch Namibia. Mir gefällt, dass die Geschichte viele zeitrelevante Themen wie Rassismus oder Naturschutz anschneidet - aber nie den Humor verliert. Neben "Hummeldumm", der sehr lustig werden wird, haben wir eine Nature-Comedy über das Wildern von Nashörnern in Entwicklung, bei der einem sicher das Lachen im Hals stecken bleiben wird. Terra Mater wird nie einen Superheldenfilm machen. Wir versuchen, unser Wissen und unsere Überzeugung aus dem Dokumentarfilmbereich in andere Genres zu bringen, und hoffen, auf diese Weise eine neue Generation an Publikum zu erwischen, die sich bislang noch nicht wirklich den Kopf über unsere Zeit und den Status Quo unseres Planeten zerbrochen hat.

Und im seriellen fiktionalen Bereich?

Wir haben in der Tat eine fiktionale Serie über Wildlife-Crime in Entwicklung, deren erste Drehbücher bald fertig sein werden. Mit ihr machen wir da weiter, wo es mit der dokumentarischen Arbeit aufhört, weil sie lebensgefährlich wird. Wir wissen viel über die verbrecherischen Machenschaften, was den Handel mit Wildtieren betrifft, und viele glauben, dass es ein Kavaliersdelikt sei. Die Bösen sind nicht nur die Drogen- und Menschenhändler und Waffenschieber. Das Problem ist, dass diese organisierten Verbrechen alle miteinander zu tun haben und der illegale Handel mit Wildtieren und Wildtierprodukten gerade dabei ist, umsatzmäßig den Drogenhandel zu überholen. Unser Wissen wollen wir in einer fiktionalen, actionreichen Geschichte verpacken.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf Ihr Arbeiten?

Die Zeit ist extrem bedrückend. Keine Frage. Wir konnten nicht reisen, mussten zwei oder drei Produktionen auf Eis legen, ein Team aus Indien evakuieren. Seit einem halben Jahr können wir mehr oder minder normal arbeiten, aber unter extrem schwierigen und kostenintensiven Bedingungen. Ich habe den Eindruck, die Menschen haben völlig vergessen, wie Corona überhaupt entstanden ist. Die Menschheit hat Corona selbst verursacht, es handelt sich um eine klassische Zoonose, die entstanden ist, weil wir absolut unverantwortlich mit der Natur umgehen. Wenn man pathetisch sein will, könnte man die Pandemie auch als Rache der Natur bezeichnen. Psychisch legt sich die Pandemie mittlerweile auf uns alle nieder. Ich merke, wie die rein digitale Kommunikation an einem zehrt. Wie wir das Interview führen, ist zwar gut gelernt, aber trotzdem unnatürlich.

Glauben Sie, dass die Corona-Pandemie einen bleibenden Fußabdruck im Marktgeschehen hinterlässt?

Es ist keine Frage, dass sich der Siegeszug der Plattformen durch die Pandemie beschleunigt hat. Es ist keine Frage, dass sich die Content-Produktion immer mehr zu den SVoD-Diensten hinbewegen wird. Die linearen Sender werden in den Bereichen News, Live-Sport und Live-Veranstaltungen weiter eine führende Rolle spielen. Ich bin eher verwundert, dass sich die Streamingdienste im Bereich der Live-Formate noch so zurückhalten. Einen technischen Grund gibt es sicher nicht. Die Hoffnung fürs Kino habe ich nicht aufgegeben. Wenn man bedenkt, dass die Leute nach der großen Weltwirtschaftskrise in den 1920er-Jahren umso mehr gefeiert haben, steht einem großen Revival des Kinos nichts im Weg. Die Leute haben es satt, zuhause zu sitzen. Ein gemeinschaftlicher Kinobesuch ist durch nichts zu ersetzen.

Was haben Sie sich für die kommenden zehn Jahre vorgenommen?

Wir wollen den eingeschlagenen Weg fortsetzen. In allen bestehenden Genres aktiv bleiben, aber mehr auf Fiktion, sei es im Film- oder Serienformat, setzen, allgemein gerne mit einem stärkeren Fokus auf den deutschen Markt. Das Wichtigste jedoch ist die bereits angesprochene Erkenntnis, dass wir schon viel zu viel Zeit versäumt haben. Dass sich in den nächsten 20 Jahren entscheiden wird, wie und ob unsere Enkel- und Urenkelgeneration leben kann. Dieser Verantwortung möchte wir uns stellen und unseren Beitrag leisten.

Das Gespräch führte Barbara Schuster