Kino

KOMMENTAR: Zum Greifen nah

Österreich, Du hast es besser. Dort kündigt der Kanzler die Freiheit als "zum Greifen nah" an: Auch die Kinos sollen bald wieder öffnen dürfen. In Deutschland bleibt es beim Endlos-Marathon. Die Kanzlerin besteht auf einem bundesweiten Lockdown.

20.04.2021 07:45 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Österreich, Du hast es besser. Dort kündigt der Kanzler die Freiheit als "zum Greifen nah" an: Auch die Kinos sollen bald wieder öffnen dürfen. In Deutschland bleibt es beim Endlos-Marathon. Die Kanzlerin besteht auf einem bundesweiten Lockdown. Längst ist es müßig, sich über die fortdauernde Schließung der Kinos in Deutschland zu erregen. Die Argumente sind alle auf dem Tisch, vor allem die Studien zum nicht vorhandenen Beitrag von Kinovorführungen zum Infektionsgeschehen bei Beachtung aller geeigneten (!) Hygieneschutzmaßnahmen. Es ist schon erstaunlich, wie resonanz- und mitleidlos Kulturveranstaltungen aller Art über Monate hinweg einfach untersagt werden. Nicht die Gefährdung vor Ort zählt, sondern das undifferenzierte Bemühen, Kontakte generell zu unterbinden. Es ist schon erstaunlich, dass es auch in der Presse als "vierter Gewalt" im Staat keinen Aufschrei gibt, Kultur wieder zu ermöglichen und damit die Ausübung verbriefter Grundrechte. Stattdessen schreiben Wissenschaftsjournalist*innen der Nachrichtenmagazine die nächste Lockdownprolongation herbei. Während also der Inzidenzwert in Deutschland deutlich unter dem von Österreich stagniert, bereitet man sich im Nachbarland darauf vor, den Bürgern ihre Freiheiten zurückzugeben. Dort gilt Testen und Impfen als Schlüssel für geplante Öffnungen, und Geimpfte dürfen auf einen Grünen Pass hoffen, der es ihnen erlaubt, sich wieder uneingeschränkt zu bewegen. Hierzulande verdächtigt die Presse Testen als zu unsicher, und endlich Geimpfte sollen Solidarität mit der missglückten Impfkampagne der Regierung zeigen. Und soweit Schnelltests ausreichend vorhanden sind, dient Testen nur dazu, den Übergang zu einem besseren Impfergebnis zu überbrücken. Modellversuche mit umfassendem Testen haben es schwer, weil sie kurzerhand als Infektionstreiber denunziert werden. Und während auch die Schweiz bei sehr viel höheren Inzidenzwerten seit Mitte April auf vorsichtige Öffnungen setzt, quälen sich die Verantwortlichen bei uns durch ein Gesetzgebungsverfahren, das, wenn es endlich abgeschlossen ist, einen bundesweiten Lockdown zur Folge haben wird. Mag sein, dass unsere Nachbarn beim Impfen weiter sind und über eine bessere Versorgung mit Intensivbetten verfügen, in jedem Fall wird dort der Bedeutung der Kultur ein lebensnotwendiger Rang eingeräumt, während bei uns Politik und veröffentlichte Meinung auch ein Jahr später noch kein Gefühl von Verlust entwickelt haben. Wenn sich die Kinobranche Mitte Mai zumindest virtuell beim Filmtheaterkongress trifft, sind wir mit viel Glück gerade dem strengen Lockdown entkommen. Schweizer Kollegen können dann schon von ersten Erfahrungen berichten und die Österreicher durften gerade öffnen. Die Freiheit ist dann auch für uns zum Greifen nah - halt jenseits der Grenzen!

Ulrich Höcherl, Chefredakteur