Kino

HDF setzt auf Fenster-Deal

Eine kurzfristige Ergänzung zur kleinen FFG-Novelle soll dazu beitragen, den deutschen Kinos auch weiterhin exklusive Auswertungsfenster für internationale Filme zu sichern. Der HDF Kino hat sich dazu an die Politik gewandt - nicht zuletzt mit dem Argument einer drohenden Benachteiligung geförderter deutscher (Ko-)Produktionen.

19.04.2021 14:26 • von Marc Mensch
Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino (Bild: Mike Auerbach/HDF Kino)

In Sachen Kinofenster brodelt es in Deutschland - in Zeiten geschlossener Kinos zwangsweise unter der Oberfläche. Cineplex-Geschäftsführer Kim Ludolf Koch hatte im Interview mit Blickpunkt: Film bereits angekündigt, dass bei diesem Kinoverbund nach einer Wiedereröffnung keine Filme zum Einsatz kämen, die ihre Premiere online erlebt haben - was beim Start des Modellprojekts im Cineplex Baunatal auch konsequent umgesetzt wurde. Und wie aus Branchenkreisen verlautete, steht Cineplex im Reigen der Ketten mit dieser Ansicht nicht unbedingt alleine da - insbesondere soll das kolportierte 28-Tage-Fenster für einzelne Titel von Warner auf erheblichen Widerstand stoßen.

Nicht unerwähnt sollte dabei bleiben, dass sich durchaus noch (zusätzliche) Probleme auftun könnten, sollten die deutschen Kinos deutlich später als ihre Kollegen in anderen großen europäischen Märkten öffnen. Abgesehen davon, dass der Spielbetrieb in einigen Ländern Europas - darunter Spanien - zumindest teilweise läuft, soll er in der Schweiz bereits in dieser Woche wieder aufgenommen werden, für Österreich steht nun Mitte Mai zur Debatte - und der 17. Mai wird nach wie vor als der Tag gehandelt, ab dem die englischen Kinos wieder ins Geschehen eingreifen können. Ein Datum, das man zumindest für eine breitere, koordinierte Öffnung in Deutschland mittlerweile leider als völlig unrealistisch betrachten muss. Was bedeutet: Dass der eine oder andere vor allem in England gestartete Titel in Deutschland einer Online-Auswertung zugeführt werden könnte, bevor die hiesigen Kinos wieder flächendeckend am Start sind, ist zumindest nicht gänzlich auszuschließen. Jenseits der sprichwörtlichen "roten Linie" signalisierte Koch aber Gesprächsbereitschaft, wobei er nicht zuletzt darauf verwies, dass Abkommen über Ausnahmen in Pandemiezeiten gemeinsam mit Regelungen für die Zukunft getroffen werden müssten.

Genau um diese Regelungen für die Zukunft bemüht sich der HDF Kino in einem Umfeld, in dem das Kinofenster in den USA massiv erodiert war - wobei man an dieser Stelle schon wieder einschränken muss. Denn Warner, die die gesamte Slate für 2021 zeitgleich zum US-Start auf HBO Max veröffentlichen wollen (es halten sich hartnäckig Gerüchte, dass für Dune" doch noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, auch wenn sich die Kinoresultate für die so gestarteten Filme - allen voran Godzilla vs Kong" - durchaus sehen lassen können), wird ab 2022 Filme wieder mit einem Kinofenster starten. Mindestens 45 Tage sollen es gemäß eines Abkommens mit Cineworld für jene Titel sein, die in den USA von Regal eingesetzt werden, 31 Tage (bzw. 45 bei Erreichen gewisser Umsatzziele) für die Starts in Großbritannien. Universal hatte bereits im vergangenen Jahr Abkommen mit mehreren Ketten geschlossen, von Sony und Paramount sind entsprechende Schritte zwar nicht bekannt, aber ViacomCBS hatte bei Vorstellung des hauseigenen Streamingdienstes Paramount+ (der nun zeitnah auch in anderen Territorien ausgerollt werden soll) angekündigt, bei großen Titeln mit ähnlichen Fristen verfahren zu wollen, wie es der Warner-Deal vorsieht. Die aktuell wahrscheinlich größte Unbekannte ist Walt Disney, deren CEO Bob Chapek sich zwar wiederholt grundsätzlich im Sinne eines (zeitlich von ihm nicht definierten) Kinofensters geäußert hatte, deren überraschende Entscheidung, Cruella" und Black Widow" zeitgleich zum Kinostart per PVoD auszuwerten, aber für Unruhe gesorgt hatte.

Soweit zur Ausgangssituation. Dass der HDF ein Modell nach dem französischen Vorbild anstrebt, in dessen Rahmen Sperrfristen für sämtliche Kinofilme geregelt sind - mit der Möglichkeit diese bei Unterschreiten gewisser Erfolgshürden zu verkürzen - ist bekannt. Dabei setzt der Verband vorrangig auf direkte Verhandlungen zwischen den Stakeholdern - die allerdings von politischer Seite durch eine gesetzliche Anpassung befördert werden sollen.

Konkret geht es um einen neuen Passus im Filmförderungsgesetz, der noch kurzfristig im Zuge der "kleinen Novellierung" (welche pandemiebedingt an die Stelle der eigentlich geplanten, umfassenden Neuregelung getreten ist) umgesetzt werden soll. Diesbezüglich hat sich der HDF unter anderem mit einem Schreiben an die zuständigen Politiker*innen gewandt. Der Verband sieht für eine solche Neuregelung auch noch Raum, denn die kleine Novelle soll zwar möglichst übersichtlich ausfallen, dabei aber vor allem Änderungen beinhalten, die mit Blick auf die "Corona-bedingten Entwicklungen schon jetzt erforderlich und unaufschiebbar" seien - die Fensterfrage darf man sicherlich zu diesen Themen zählen.

Zwar versteht sich von selbst, dass das FFG Sperrfristen nur für geförderte Filme direkt regeln kann. Und doch hat der HDF Kino einen Ansatzpunkt gefunden, "ordnungspolitische Anreize für ein ganzheitliches Branchenagreement zu setzen", wie es in dem Schreiben heißt. Der Schlüssel ist dabei die drohende Benachteiligung geförderter deutscher (Ko-)Produktionen, für die das Kinofenster im aktuellen Novellierungsentwurf nicht weiter flexibilisiert würde - mit Ausnahme einer Sonderregel für Pandemiesituationen, die quasi das gesetzliche Pendant zu jenem Abkommen ist, das die zeitnahe Online-Auswertung von Filmen wie Die Känguru-Chroniken" und Narziss und Goldmund" ermöglichte (offenbar ohne dass hier nennenswerte Beiträge für die Kinos generiert wurden, konkrete Zahlen wurden aber nie kommuniziert).

Kurz gesagt: Nach Vorstellung des HDF sollen die FFG-Sperrfristen (was natürlich auch enstprechende Anpassungen bei anderen Förderinstrumenten auf Bundes- und Landesebene nach sich zöge) auch jenseits der strikt geregelten Ausnahmefälle verkürzt werden können. Theoretisch ist zwar sogar ein Day&Date-Start geförderter Filme bereits seit etlichen Jahren möglich, allerdings kam dieser Ausnahmetatbestand aufgrund der Zustimmungsvoraussetzungen nie zur Anwendung...

Voraussetzung für eine neu zu ermöglichende Verkürzung der Fristen soll indes sein, dass (außerhalb des FFG) eine branchenweite Regelung zu den Sperrfristen für sämtliche Filme getroffen wird. Konkret fordert der HDF eine Ergänzung zum § 54 I FFG, eine Nr. 4, in der es heißen soll:

"...für die in Nummer 1 genannten Auswertungen können die regelmäßigen Sperrfristen weiter verkürzt werden, wenn sich diejenigen Branchenverbände, deren Mitglieder wesentlich an der Auswertung von programmfüllenden Filmen im Geltungsbereich dieses Gesetzes beteiligt sind, auf eine Branchenvereinbarung über alle in Deutschland gestarteten Filme einigen."

Zur Dringlichkeit seines Anliegens führt der HDF aus: "Die dramatisch verkürzten Auswertungsfenster, wie sie vor dem Hintergrund der Corona-Krise von Hollywoodstudios mit großen amerikanischen Kinoketten ausgehandelt wurden (z.T. nur noch 27 Tage!), wird unsere mittelständisch und unabhängig geprägte Filmbranche hart treffen. Auf sich allein gestellt hat sie keinen Hebel, einen vernünftigen Deal zu verhandeln. Zu diesen Konditionen wird für viele kleine Kinos auf dem Land das Geschäftsmodell nicht mehr aufgehen. Schon jetzt werden sie häufig von Verleihern nachrangig mit Ware beliefert. Verkürzt sich das Fenster so massiv, befinden sie sich im direkten Wettbewerb mit global agierenden Plattformen, die den Content zeitgleich anbieten." Und abschließend: "Sollte das kommende FFG keine Möglichkeit der Flexibilität bieten, wird der deutsche Film keine Chance haben, mit den internationalen Filmen mitzuhalten."

Anmerken könnte man, dass für mehrere US-Studios (respektive deren deutsche Dependancen) deutsche Kinofilme zuletzt eine erheblich geringere Rolle spielten als noch vor ein paar Jahren, entsprechend schwierig könnte es sich gestalten, sie über einen solchen Hebel an den Verhandlungstisch zu bringen. Aber ein Hebel wäre es allemal - insbesondere wenn man dem Argument folgt, dass ein Kinostart auch die Attraktivität deutscher Produktionen für die hauseigenen Streamingdienste steigert...