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PREVIEW KINO: "Promising Young Woman"

Einer der meistdiskutierten Filme der letzten Monate - und auch bei den Oscars darf sich die pechschwarze Komödie "Promising Young Woman" mit seiner furiosen Hauptdarstellerin Carey Mulligan Einiges ausrechnen. Hier unsere längst überfällige Besprechung.

16.04.2021 12:55 • von Thomas Schultze
Carey Mulligan hat in "Promising Young Woman" nichts mehr zu verlieren (Bild: Universal)

Einer der meistdiskutierten Filme der letzten Monate - und auch bei den Oscars darf sich die pechschwarze Komödie Promising Young Woman" von Emerald Fennell mit seiner furiosen Hauptdarstellerin Carey Mulligan Einiges ausrechnen. Hier unsere längst überfällige Besprechung...

Wenn die Britin Emerald Fennell, bekannt als Darstellerin von Camilla Parker Bowles in The Crown" wie auch als Showrunnerin der zweiten Staffel der Serie Killing Eve", in ihrem Regiedebüt Carey Mulligan losschickt, um im Nachtleben übergriffigen Männern eine Lektion zu erteilen, ist das Szenario an sich nicht neu. Dass sich eine Frau selbst gegen ihre Peiniger wendet, kennt man längst im Kino. Ein ganzes Subgenre des Exploitation-Cinema variiert diese Konstellation, seitdem "Ich spuck' auf dein Grab" vor 43 Jahren zum Hit in den Grindhouse-Kinos der Welt wurde: das Rape-and-Revenge-Movie, das irre viel Schund hervorgebracht hat, aber eben auch Erinnerungswürdiges wie Die Frau mit der 45er Magnum", May", The Woman" oder Hard Candy". Mit "Kill Bill" hat Quentin Tarantino sogar einen ganzen Film gemacht, der nur deshalb existiert, um sich zu verneigen vor Vorbildern wie "Thriller - Ein unbarmherziger Film" oder Sasori - Grudge Song". Radikal neu ist in "Promising Young Woman" indes die Erzählhaltung, der Blick, die Konsequenz der Geschichte und nicht zuletzt die subversive (De-)Konstruktion der Prämisse. Die überhöhte visuelle Gestaltung suggeriert einen düsteren surrealen Tagtraum, und doch wird der Zuschauer von der unerwartete Volten schlagenden Handlung immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Rache hat hier keine lustvolle, kathartische Komponente, wie es einem gerade das amerikanische Kino gerne vormacht. Rache ist das letzte Fitzelchen, woran Cassandra, die Antiheldin des Films, sich klammert, um nicht ein für alle Mal verschlungen zu werden von einem traumatischen Ereignis während ihrer Studienzeit. Rache gibt ihr keine Befriedigung, sie ist ihr Rettungsanker. Es gibt keinen Grund zum Johlen, wenn Cassandra nachts loszieht, aufreizend gekleidet und geschminkt, "aufgebrezelt" hätte man früher wohl gesagt, sich schwer betrunken stellt und dann den Typen, die sie als leichte Beute ansehen und mit zu sich nach Hause locken, eine Lektion erteilt. In einem abgegriffenen Notizheft hält sie jede dieser Begegnungen fest, jeder hingekrakelte Name ist eine Bestätigung für sie selbst: Hurra, ich lebe noch. Weil da sonst nicht mehr viel übriggeblieben ist von der vielversprechenden jungen Frau, die sie einmal war: Die Jahrgangsbeste im Medizinstudium an ihrer Uni ist ein Schatten ihrer selbst, eine Frau ohne Gegenwart und Zukunft, als wir sie kennenlernen: Vegetiert mit 30 noch Zuhause bei den Eltern, verschwendet ihre Zeit in einem McJob in einem Café, und erwacht nur am Wochenende zu Leben, um Vergeltung zu suchen.

Bis der ehemalige Studienkollege Ryan, gespielt von Bo Burnham, der seinerseits vor drei Jahren mit Eighth Grade" ein sehr besonderes Regidebüt abgeliefert hat, in ihre Existenz platzt und der bislang etwas akademisch wirkende Film deutlich an Fahrt aufnimmt. Als er bei ihr einen Kaffee bestellt und sich in dem folgenden Gespräch als der erste Mann in der Geschichte erweist, dem man nicht gleich die Pest an den Arsch wünscht, weil der attraktive Kinderarzt charmant ist, schlagfertig, verständnisvoll, zu gut um wahr zu sein, ehrlich gesagt, bricht die bisher hermetisch geschlossene Erzählung auf: Einerseits zwingt er Cassandra, aus der Deckung zu kommen und erstmals seit langer Zeit abzuwägen, wie es wäre, sich doch wieder einem Mann zu öffnen, sich selbst eine Chance zu geben. Andererseits frischt die Begegnung Cassandras Erinnerung an den Moment auf, an dem alles zerbrach, und lässt sie zur Tat schreiten: Jetzt will sie die Schuldigen von einst zahlen lassen. Wie bei Tarantino wird der Film nun in Kapitel aufgeteilt und steuert vermeintlich auf einen Showdown zu, in dem sich Cassandra entscheiden muss, ob sie Rächerin sein oder vergeben will, damit es weitergehen kann.

Dass es nicht dazu kommt und vor allem, wie es nicht dazu kommt, ist ein filmischer Bravourakt, der nicht funktionieren könnte, wenn Carey Mulligan zwischen Himmel voller Geigen und Höllenfahrt nicht so großartig wäre als Cassandra: Als sie sich als Stripperin in die finale Junggesellenparty einschleicht, sieht sie in ihrem bizarren Krankenschwesterkostüm mit bunten Strähnen in ihrer blonden Perücke aus wie eine Kabukigestalt, eine Karikatur der Comicfigur Harley Quinn aus Suicide Squad" (deren Filmdarstellerin Margot Robbie hier eine ausführende Produzentin ist) - auch so eine Gestalt, die sich nichts mehr bieten lassen will und zum Gegenangriff übergeht. Emerald Fennell zieht das mit beeindruckender Konsequenz durch: Wenn die letzte SMS von Cassandra ihren Empfänger erreicht hat, schlägt dieses unentwegte Wechselbad der Gefühle, das immer dann am besten ist, wenn der Film nicht so streng dogmatisch wirkt, sondern einfach nur ganz nah bei seiner Hauptfigur ist, seinen letzten Haken. Der auch ein verheerender Haken mitten in die Bauchgegend ist, ein Wirkungstreffer, von dem man sich nicht so schnell erholt.

Thomas Schultze