Produktion

NiKo Film dreht "Mehr denn je"

Nicole Gerhards produzierte mit Emily Atefs "Das Fremde in mir" einen der ersten Langfilme ihrer Firma. Gestern fiel die erste Klappe zum neuen Drama der Lola-Gewinnerin. "Mehr denn je" (AT) ist das bis dato größte Projekt für Gerhards, die weitere hochinteressante Arthousestoffe vorbereitet.

14.04.2021 07:49 • von Heike Angermaier
Nicole Gerhards (Bild: NiKo Film)

Nicole Gerhards produzierte mit Emily Atefs Das Fremde in mir" einen der ersten Langfilme ihrer Firma NiKo Film. Gestern fiel die erste Klappe zum neuem Drama der Lola-Gewinnerin. "Mehr denn je" (AT) ist das bis dato größten Projekt für Gerhards, die weitere hochinteressante Arthousestoffe vorbereitet, die im Juni gedreht werden sollen.

Die Berliner NiKo Film war im vergangenen Sommer mit zwei 2019 fertiggestellten Projekten, dem majoritär deutschen Coming-of-Age- und Flüchtlingsdrama Sunburned" von Carolina Hellsgård und dem beim Sundance Festival prämierten, iranischen Gesellschafts- und Gerichtsdrama Yalda" von Massoud Bakhshi in der Sommerpause vom Corona-Lockdown in den deutschen Kinos. Für "Yalda" wäre insbesondere bei der französischen Kinoauswertung, die nach nur drei Wochen wegen erneuter Schließung der Kinos abgebrochen wurde, zu normalen Zeiten viel mehr drin gewesen, bedauert NiKo Film-Gründerin Gerhards, die froh war, im vergangenen Jahr nichts gedreht zu haben. Dafür stehen in diesem Frühjahr und Frühsommer die Dreharbeiten zu gleich mehreren Filmen an. Das erhöhte Risiko ist geblieben, die Pandemie ist vielerorts nicht abgeebbt bzw. hat an Fahrt aufgenommen. Dafür gibt es bereits bewährte Hygienekonzepte und die Unterstützungsmaßnahmen durch die Förderungen sind nachgeschärft worden.

Als erstes Projekt von NiKo Film ist am 13. April Emily Atefs Plus que jamais", so der französische Originaltitel, bzw. "Mehr denn je", so der deutsche Arbeitstitel, an den Start gegangen. Gerhards und Atef realisierten bereits das Drama "Das Fremde in mir" gemeinsam, mit dem Atef 2008 ihren Abschlussfilm an der DFFB vorlegte und Gerhards den zweiten Langfilm ihrer Berliner Produktionsfirma. Die beiden arbeiteten auch beim, mit französischen und Schweizer Partnern entstandenen Drama und Roadmovie Töte mich" von 2011 zusammen. Ihr dritter gemeinsamer Film, erneut ein Drama und Roadmovie, basiert auf einem Drehbuch von Atef und Lars Hubrich, das gerade mit der Lola nominiert wurde. Es erzählt von einer jungen Frau, gespielt von Vicky Krieps, die, nachdem sie von ihrer schweren Erkrankung erfährt, ihren Mann (Gaspard Ulliel) in Paris verlässt, um nach Norwegen zu gehen und dort alleine über ihr Schicksal zu entscheiden. Der trockenhumorige Blog eines norwegischen Leidensgenossen (Jesper Christensen) lockte sie dorthin.

Als ein in mehreren Ländern, in denen jeweils andere Beschränkungen und Regeln gelten, um zu setzender Reisefilm mit hochkarätiger, nachgefragter internationaler Besetzung, auch Liv Ullmann gehört dazu, und ebensolcher Crew, mit u.a. Kameramann Yves Cape, Editor Hansjörg Weißbrich und Szenenbildnerin Silke Fischer, ist "Mehr denn je" in Zeiten von Corona eine ganz besonders herausfordernde Produktion. Geplant ist, nach dem Dreh in Bordeaux ihn in Luxemburg und ab Mitte Mai im norwegischen Sæbø und Trandal fortzusetzen. Für Norwegen gilt derzeit noch ein Einreisestopp. Aber Regeln ändern sich ständig und Ausnahmen lassen sich erwirken. "Der Point of no return ist aus verschiedenen Gründen erreicht", so Gerhards. Xénia Maingot von der Pariser Produktionsfirma Eaux Vives, mit der Gerhards bei Visar Morinas Debütdrama Babai" 2012 kooperierte, ist durchführende Produzentin und initiierte des Projekt, das Atef bereits seit einigen Jahren begleitet. Die beiden Firmen bzw. Länder halten mit je etwa 33 Prozent den größten Anteil an der internationalen Produktion, bei der auch Jani Thiltges Luxemburger Samsa Film und Maria Ekerhovds Osloer Mer Film an Bord sind.

In Deutschland habe man es dank des siebenfach Lola-prämierten, letzten Kinofilms von Atef, 3 Tage in Quiberon", leichter gehabt, die Finanzierung zu schließen als die französische Kollegin, so Gerhards. Atef wurde für die Regie prämiert und realisierte in der Zwischenzeit zwei schöne TV-Movies. Gerhards gewann Medienboard Berlin-Brandenburg, FFA, Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und BR/Arte als Partner. Der Luxemburger Filmfonds steuerte mit gut einer Mio. Euro die größte einzelne Fördersumme bei. Gemeinsam mit Eaux Vives erwirkte man die Unterstützung der deutsch-französischen Förderkommission und Eurimages. Gerhards ist dankbar, dass FFHSH sie neben der regulären Förderung mit 30.000 Euro bei den durch die Pandemie entstehenden Mehrkosten unterstützt und dass - für den Fall der Fälle - auch beim Ausfallfonds nachgebessert wurde, so dass auch minoritär deutsche Koproduktionen davon profitieren. In Norwegen werden nur majoritär einheimische Produktionen unterstützt. Pandora ist als Verleih an Bord, The Match Factory als Weltvertrieb. Läuft alles wie geplant, dann wäre eine Premiere von "Mehr denn je" beim Festival de Cannes eine tolle Belohnung.

"Mit den Jahren und der Erfahrung werden die Projekte und die Beteiligung bei den internationalen Produktionen größer und als Schwerpunkt kristallisiert sich immer mehr eine französische Achse heraus", so Gerhards über die Entwicklung ihrer Firma. So entsteht wie "Mehr denn je" auch das philosophische und amüsante Musical La grande magie" mit französischen Partnern, Mathieu und Thomas Verhaeghe mit Atelier de Production und Yael Fogiel und Laetitia Gonzalez mit Les Films du Poisson. Mit letztgenanntem Duo arbeitete Gerhards bereits bei Eric Caravacas beim Festival de Cannes präsentierten Carré 35" zusammen. Die Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Noémie Lvovsky, die hierzulande mit und in "Camille - Verliebt nochmal" zu sehen war, wird Regie führen und schrieb auch das Drehbuch nach dem Theaterstück von Eduardo de Filippo gemeinsam mit Florence Seyvos und Maud Ameline. Erzählt wird von einem Zauberer, der in einem Strandhotel auftritt und die Frau eines reichen Geschäftsmannes verschwinden lässt, was sie gerne mit sich geschehen lässt. Sergi Lopez, Judith Chemla, Denis Podalydes und Lvovsky selbst haben Rollen übernommen im Film, der in den Zwanzigern spielt und in dem Illusion über Realität triumphiert. Die Musik steuert die in Frankreich populäre Band Feu! Chatterton bei. Gedreht werden soll ab Anfang Juni in der Bretagne und einschließlich Juli auch in der Pariser Region. Auch in dieser Produktion sind BR und Arte über einen Grand Accord beteiligt.

Auch "Deserts" des marokkanischen Filmemachers Faouzi Bensaïdi entsteht mit französischem Partner, der Pariser Barney Production von Said Hamich. Gerhards stieß 2019 auf das Projekt beim deutsch-französischen Treffen. Beim eigenwilligen Mix aus satirischem Drama und Western um zwei erfolglose Inkassoeintreiber bei den Ärmsten der Armen sind außerdem die marokkanische Partnerfirma von Barney, Mont Fleuri, und die belgische Entre chien et loup beteiligt. Mouhcine Malzi und Abdelhalbi Talbi, die auch in Bensaïdis "Volubilis" spielten, stehen auch hier gemeinsam mit Bensaïdi vor der Kamera. ZDF/Arte ist an Bord, außerdem förderten u.a. FFA zusammen mit CNC über Minitraité und Eurimages. Gedreht werden soll ab Mitte Juni und im November in der marokkanischen Wüste und in Casablanca. In Deutschland soll die Postproduktion stattfinden. Außerdem wird es deutsches Team am Set geben.

Ebenfalls im Juni ist der Dreh von "Autobiography", dem Langfilmdebüt des indonesischen Filmemachers Makbul Mubarak, vorgesehen. Beim Drama arbeitet Gerhards zum dritten Mal mit dem polnischen Kameramann und Regisseur Wojciech Starón und seiner Produktionsfirma Starón Film zusammen. Gemeinsam realisierte man El premio" von Paula Markovitch, für den Starón mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, und "Sunburned". Erzählt wird die Beziehung eines jungen Bediensteten zu einem ehemaligen General, der Bürgermeister werden will. Das Projekt, das die indonesische Gesellschaft anhand dieser Beziehung illustriert, fand auf Koproduktionsmärkten in u.a. Berlin, Turin und Locarno Anklang und wurde dort mehrfach ausgezeichnet. Produzentin von indonesischer Seite ist Yulia Evina Bhara mit Kawan Kawan. Mit Focused ist eine weitere indonesische und mit Potocol auch eine singapurische Firma beteiligt. Schließlich ist mit In Vivo Films auch ein französischer Produktionspartner an Bord. Gerhards brachte den World Cinema Fund mit ein. Ebenso wie bei "Vuta N'kuvute"/"A Tug of War" des tansanischen Regisseurs, Autors und Produzent mit seiner Firma Kijiweni, Amil Shivji. Das auf Sansibar spielende, historische Liebesdrama befindet sich bereits in der Fertigstellung und erzählt nach der Romanvorlage von Adam Shafi von einem jungen Mann, der sich für den Kampf gegen die britischen Besatzer engagiert und verhaftet wird, und einer jungen Inderin, die vor ihrem viel älteren Ehemann geflüchtet ist. In Arbeit ist außerdem "Bomb Bay" des madagassischen Filmemachers Nantenaina Lova, der am Beispiel einer Familie von der Ungerechtigkeit in seinem Land erzählt, in dem Bauern Land versprochen wird, das ihnen wieder abgenommen werden soll, und dem Widerstand dagegen. Lova nutzt beim Mix aus Doku- und Fiction die Erzähltradition der Region und produziert auch mit seiner Firma Endemika.

Gerhards, die mit Die Könige der Nutzholzgewinnung" mit Bjarne Mädel 2006 ihren ersten Langspielfilm mit ihrer Firma vorlegte, hat auch mehrere deutsche Projekte in der Entwicklung, u.a. mit Regisseurinnen wie Klara Harden und Lisa Wagner, die gemeinsam einen Dokumentarfilm vorantreiben, Sarah Judith Mettke und Katalin Gödrös. Anatol Schuster, dessen Frau Stern" beim Achtung Berlin Festival ausgezeichnet wurde, verschmelzt fiktionale und dokumentarische Elemente bei "Wurzeln und Flügel", das von der kindlichen Fantasie und vom erwachenden Bewusstsein eines Mädchens erzählt. Die Schauspielerin Lisa Charlotte Friedrich, die im vergangenen Jahr mit ihrem Film Live" auf sich aufmerksam machte, und seine Tochter sind die Hauptfiguren, mit denen Schuster über einen Zeitraum von vier Jahren hinweg drehen wird. Kai Gero Lenke, der seine filmische Ausbildung an der Columbia University in New York City abschloss, mehrere ausgezeichnete Kurzfilme realisierte und als Drehbuchautor fürs Fernsehen in Erscheinung getreten ist, entwickelt mit "Echos" einen schräg-verrückten Mix aus Science-Fiction und Liebesgeschichte. BKM förderte die Entstehung des Drehbuches. Es geht um zwei vom Leben Leidgeprüfte, die sich verlieben und auseinandergerissen werden, als sie stirbt. Daraufhin versucht er alles, um sie wiederzusehen. Der Film erzählt auch von der Eroberung des Weltraums und menschlichen Klonen aus dem 3D-Drucker und hätte dank Ideenreichtum und Vielschichtigkeit auch das Potential für eine Serie. Gerhards geht es um die Stoffe, die besonders und relevant sein müssen, nicht um Formate oder Abspielplattformen: "Die Projekte müssen auch meine persönlichen Vorlieben treffen, allein der kommerzielle Aspekt war für mich bisher nie das ausschlaggebende Kriterium."

Heike Angermaier