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Nach dem Gewinn des Golden Globes für ihre Leistung in "The United States vs. Billie Holiday" gilt Leinwanddebütantin Andra Day als Anwärterin für einen Oscar. Lesen Sie hier unsere Besprechung des Films, der ab 23. April zunächst als EST auch in Deutschland zu sehen sein wird.

08.04.2021 09:41 • von Thomas Schultze
Zum Niederknien: Andra Day in "The United States vs. Billie Holiday" (Bild: Wild Bunch / Capelight)

Nach dem Gewinn des Golden Globes für ihre Leistung in The United States vs Billie Holiday" von Lee Daniels gilt Leinwanddebütantin Andra Day als Anwärterin für einen Oscar. Lesen Sie hier unsere Besprechung des Films, der ab 23. April zunächst als EST auch in Deutschland zu sehen sein wird.

Es gibt Momente in Lee Daniels' Filmbiographie über die letzten zehn Jahre des viel zu kurzen Lebens von Billie Holiday, da scheint sich die Jazzsängerin nicht nur im Krieg mit den Vereinigten Staaten, sondern auch mit dem Film selbst zu befinden: Speziell in der zweiten Hälfte will sich nicht immer erschließen, warum welche Szenen aufeinanderfolgen, warum der Film immer wieder Umwege geht und die Chronologie aufgibt, warum welche stilistischen Elemente gerade zum Einsatz kommen. Zu Beginn hält sich Daniels in seinem ersten Kinofilm seit Der Butler" im Jahr 2013 zurück, da hat die Konvention Oberhand, scheint der Filmemacher selbst über die Großleistungen der Kostümabteilung und des Szenenbilds zu staunen. Doch dann gibt er all den impressionistischen Impulsen und seiner Neigung zum Exzess nach, die ihn bei "Precious" oder "The Paperboy" als einen der umstritteneren schwarzen Filmemacher ausgezeichnet hatten.

Und doch erscheint es goldrichtig, dass sich ein so undisziplinierter Filmemacher des Lebens der so undisziplinierten Billie Holiday annimmt. Alles oder nichts heißt es bei Daniels. Alles oder nichts hieß es bei Holiday. Die Sängerin strahlte gegen alle Widerstände, mit ihrer einzigartigen Gesangskunst, ihrer wie ein Instrument eingesetzten Stimme und ihrer revolutionären Phrasierung, die auch heute noch, mehr als 60 Jahre nach ihrem Tod, aufregend, frisch und neu klingt. Ebenso strahlt Andra Day in ihrer ersten großen Filmrolle gegen alle Widerstände; keine noch so unkonventionelle inszenatorische Entscheidung schmälert ihre Leistung: Es ist unmöglich, nicht von ihrer seelenvollen Darstellung in den Bann geschlagen zu werden, soweit sich der Film, basierend auf einem Kapitel in der Holiday-Bio "Chasing the Scream" von Johann Hari und adaptiert von der Pulitzer-Preis-gewürdigten Dramatikerin Suzan-Lori Parks, auch von der Realität entfernen mag.

Lee Daniels mag der einzige Filmemacher sein, dem die Lebensgeschichte Billie Holidays nicht ausreicht für eine filmische Adaption: der Missbrauch des Vaters, ihre katastrophalen Beziehungen mit gewaltsamen Männern, ihre Heroinsucht, ihr Kampf gegen ein rassistisches Establishment und die Verfolgung durch das FBI, das die kritische Sängerin mundtot machen wollte. Er legt noch eine Schippe drauf, lässt Holiday ausgerechnet mit dem schwarzen FBI-Mann eine Affäre anfangen, der sie erstmals hinter Gitter gebracht hatte: der Judas und die schwarze Missus. Das muss man Daniels lassen. Es ist nie langweilig, was er da anstellt in dieser Höllenfahrt einer Jahrhundertstimme, die allein mit dem Song "Strange Fruit" unsterblich geworden wäre. Viel geredet wird über dieses Lied, das merkwürdige Früchte von Bäumen in den Südstaaten hängen lässt - die eindringlichste Anklage über Lynchjustiz, die der Jazz dieser Zeit formulierte. So gefährlich scheint es zu sein, dass J. Edgar Hoover den gesamten Machtapparat losschickt, um Billie Holiday zum Schweigen zu bringen. Wenn es dann erstmals gespielt wird, hinterlässt es bleibenden Eindruck. Es klingt, als wäre es gerade erst gestern geschrieben worden. Und "The United States vs. Billie Holiday" unternimmt alles, um Leben und Zeit der Sängerin in die Gegenwart zu spiegeln - viel wilder und kompromissloser, als es 1972 Lady Sings the Blues" von Sidney J. Furie getan hatte, in dem Diana Ross eine Galavorstellung als "Lady Day" gegeben hatte. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen: Man hat ohnehin nur Augen für Andra Day und ihre zeitlose Darbietung.

Thomas Schultze