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PREVIEW STREAMING: "The Nevers"

HBO lässt das nächste große Ding vom Stapel: Die Serie "The Nevers" ist große Streampunk-Fantasy im viktorianischen England, in dem sich Mädchen und Frauen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten gegen eine feindliche Umwelt behaupten müssen. Serienstart ist in Deutschland am 12. April bei Sky.

07.04.2021 16:04 • von Thomas Schultze
"The Nevers" entführt in das viktorianische Zeitalter, wie man es so noch nicht gesehen hat (Bild: HBO / Sky)

HBO lässt das nächste große Ding vom Stapel: Die Serie The Nevers" ist große Streampunk-Fantasy im viktorianischen England, in dem sich Mädchen und Frauen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten gegen eine feindliche Umwelt behaupten müssen. Serienstart ist in Deutschland am 12. April bei Sky, wenige Stunden nur nach der Ausstrahlung in den USA.

Es ist unmöglich über "The Nevers" zu schreiben und keine Anmerkungen zu Joss Whedon zu machen, dem ursprünglichen Schöpfer des neuen Serienevents von HBO, das ab 12. April in zunächst sieben Folgen laufen wird, bis die erste Staffel anschließend zu einem späteren Zeitpunkt abgeschlossen werden soll. Die Anschuldigungen, die aktuell von Darstellern von Justice League" und "Buffy: Im Bann der Dämonen" gegen den Regisseur der ersten beiden "Avengers"-Filme erhoben werden, haben indes nichts zu tun mit Erzählung und Machart von "The Nevers", um die es in dieser Besprechung gehen soll. Aber zumindest haben sie wohl Anteil daran, dass Whedon sich bereits im vergangenen November wieder von seiner ersten Fernsehserie seit Marvel's Agents of SHIELD" verabschiedet und den Hut des Showrunners an Philippa Goslett übergeben hat - auch wenn er selbst Überforderung als offiziellen Grund für sein Ausscheiden angibt. Nun sind die Vorwürfe gegen den Filmemacher auch oder gerade nach einem aktuellen Enthüllungsartikel im Hollywood Reporter mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Zudem gibt es bislang keinerlei Kritik an Whedons Verhalten bei der Herstellung von "The Nevers". Und "The Nevers" ist das Thema, das Werk eines Mannes, der mit "Buffy" und Firefly" wiederholt Fernsehgeschichte geschrieben und mit dafür verantwortlich ist, dass Serien heute als maßgebliches modernes Erzählformat gelten.

Womit die Latte denkbar hoch liegt für diesen Abstecher in das viktorianische Zeitalter, das Kreative aktuell für sich entdeckt haben als ideale Spielwiese für allerhand revisionistische Ansätze, vermutlich weil die Ära sich als Inbegriff muffiger Mores eines Weltreichs, das seinen Zenit überschritten hat, anbietet als Ort der Transgression, mit dem sich nach Belieben spielen lässt. Dabei ist "The Nevers" weniger eine erwachsene Genreversion von Bridgerton" oder Enola Holmes", sondern steht vielmehr in der Tradition von Steampunk-Horrorliteratur wie "The List of 7" oder "Anno Dracula", macht Anleihen bei Bram Stoker ebenso wie bei Jack the Ripper, ohne sich sonderlich um historische Akkuratesse zu bemühen: Das viktorianische Zeitalter sieht einfach gut aus. Alles ist erlaubt, wenn es nur der Erzählung dient und den Zuschauer kurz einmal staunen lässt in diesem verwegenen Sammelsurium an Ideen und Handlungssträngen, in dessen Mittelpunkt die "Touched" stehen: eine Gruppe von Mädchen und Frauen, die drei Jahre zuvor vom Sternenstaub eines über London rauschenden Meteors "berührt" wurden. Seither verfügen über sie allerhand erstaunliche Fähigkeiten und zu Ausgestoßenen der Gesellschaft machen, nicht unähnlich der X-Men aus dem Hause Marvel.

In einem Waisenhaus, das von der tatkräftigen und trinkfesten Witwe Amalia True und der gewitzten Erfinderin Penance Adair geleitet wird (Laura Donnelly und Ann Skelly sind wunderbar in den Hauptrollen der Serie), finden berührte Mädchen und Frauen Zuflucht und Zuspruch und Solidarität: Was, wie sich schon in der ersten Folge zeigt, die den Zuschauer Hals über Kopf in ihre fantastische Welt stürzt und im Dauerlauf mit ihrer originären Mythologie vertraut macht, auch dringend nötig ist. Speziell die männliche Außenwelt begegnet den Andersartigen mit Feindseligkeit, verlacht sie, wie ein von Ben Chaplin gespielter Polizeibeamter, benutzt sie, wie der hedonistische und pansexuelle Dandy Hugo, gespielt von James Norton, missbraucht sie für Experimente wie der verrückte Forscher Hague, dargestellt von Denis O'Hare. Zudem überzieht die durchgeknallte Maladie, begleitet von der Feuerballwerferin Bonfire Annie, die Stadt lustvoll mit Terror und lässt Amalia und Penance auf den Plan treten. Es gibt verrückte Erfindungen, genüsslich inszenierte Action und nicht minder wirkungsvolle verbale Schlagabtausche, wie man sie in dieser gekonnten Mixtur erwartet von einem Routinier wie Joss Whedon, während sich erst im Verlauf der Episoden größere Zusammenhänge erkennen lassen, sich das Narrativ schließlich zuspitzt und die Figuren zwingt, Farbe und Loyalitäten zu bekennen. Das ist nicht immer ganz so originell, wie es gerne wäre. Aber immer so unterhaltsam und spannend, dass man sich stets auf das freut, was als Nächstes kommt. Und die Frage stellt, wie viel Whedon noch übrig sein wird in "The Nevers", wenn sich erst einmal die neue Showrunnerin ein- und zurechtgefunden hat in dieser staunenswerten Welt und ihr ihren eigenen Stempel aufdrücken konnte.

Thomas Schultze