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PREVIEW STREAMING: "Mare of Easttown"

Nach "The Undoing" hält HBO erneut eine hochkarätige Whodunnit-Miniserie mit Starbesetzung bereit: In "Mare of Easttown" ermittelt Kate Winslet als Kleinstadtpolizistin in einem vertrackten Mordfall, der auch andere Geheimnisse und Intrigen in der Gemeinde an die Oberfläche spült. In den USA startet der Siebenteiler am 18. April; in Deutschland wird die Miniserie ab 21. Mai 2021 auf Sky Atlantic sowie Sky Ticket zu sehen sein. Hier unsere Besprechung.

07.04.2021 10:00 • von Thomas Schultze
Kate Winslet ermittelt in "Mare of Easttown" in einem Mordfall (Bild: HBO / Sky)

Nach dem Erfolg von hält HBO erneut eine hochkarätige Whodunnit-Miniserie mit Starbesetzung bereit: In Mare of Easttown" ermittelt Kate Winslet als Kleinstadtpolizistin in einem vertrackten Mordfall, der auch andere Geheimnisse und Intrigen in der Gemeinde an die Oberfläche spült. In den USA startet der Siebenteiler am 18. April; in Deutschland wird die Miniserie ab 21. Mai 2021 auf Sky Atlantic sowie auf Sky Ticket zu sehen sein. Hier unsere Besprechung:

Good Night, Mare! Der junge Kollege meint es nur nett, als er sich nach dem ersten gemeinsamen Tag von seiner erfahrenen Ermittlungspartnerin Mare Sheehan verabschiedet. Noch während er es sagt, ist ihm bewusst, dass man das Gesagte auch anders verstehen könnte: Nicht als "Gute Nacht, Mare", sondern "Good nightmare" - "Guter Albtraum". Was nicht weiter schlimm wäre, wenn das Leben von Mare Sheehan nicht tatsächlich ein Albtraum wäre in ihrer kleinen Gemeinde in Pennsylvania, das fiktive Jederdorf Easttown, das dennoch jeder wiedererkennen wird, der schon einmal Zeit in einer Dorf in der amerikanischen Provinz verbracht hat. Der drogenabhängige Sohn hat sich das Leben genommen, die Ehe ist in die Brüche gegangen, ihr Ex-Mann Frank ist neu liiert, der Enkelsohn lebt bei ihr und ihrer Mutter und bereitet Mare doppelt Sorgen: Seine Mutter will nach ihrer Entziehungstherapie wieder das Sorgerecht erhalten; der Junge hat autistische Ticks, wie sie Mare auch von ihrem Sohn im Kindesalter kannte, bevor er sich gegen sie wandte und in die Sucht abglitt. Mare ist einsam, unglücklich, unzufrieden. Aber sie ist eine gute Polizistin. Oder besser: wäre eine gute Polizistin, wenn ihre privaten Probleme nicht auch langsam auf ihre berufliche Performance abfärben würden. Weshalb Mare nicht allein ermitteln darf, als der Mord an einer 17-Jährigen die Gemeinde aufschreckt, sondern den aufstrebenden Detective Zabel, gespielt von Evan Peters, bekannt als Quicksilver aus den "X-Men"-Filmen, an ihre Seite nehmen muss. Konflikte sind vorprogrammiert.

Das Whodunnit sorgt für die nötige Spannung in der siebenteiligen HBO-Miniserie, die man als Gegenentwurf zu dem letztjährigen Straßenfeger "The Undoing" betrachten kann: Upperclass vs. Working Class, Bernsteinfarben vs. Alltagsgrau. Oder als realistische Verlängerung von "The Outsider", auch eine HBO-Miniserie, in diesem Fall nach Vorlage von Stephen King, in der auch im Wald eine grausam zugerichtete Leiche gefunden wird, nur dass sich daraus eine übernatürliche Horrorgeschichte entwickelt. In "Mare of Easttown" bleibt man am Boden der Tatsachen mit einem nüchternen und ernüüchternden Psychogramm einer Gemeinde voller voller Intrigen und Geheimnisse, Ressentiments und Gerüchte. Jeder hat hier sein Päckchen zu tragen. Showrunner Brad Ingelsby, selbst aufgewachsen in einer solchen Kleinstadt, hat bereits bei seinen Drehbüchern für "Auge um Auge - Out of the Furnace" oder jüngst Out of Play - Der Weg zurück" bewiesen, dass er ein Gespür hat für handfeste authentische Figuren und ihr Blue-Collar-Milieu. Unterstützt von Regisseur Craig Zobel, der zuletzt mit "The Hunt" für einiges Aufsehen sorgte, nutzt er nun die Möglichkeiten eines siebenstündigen Erzählbogens, um in die Tiefe zu gehen, noch genauer hinzusehen, wie die Zahnräder des Alltags ineinandergreifen. Manchmal wirkt es ein bisschen viel, was er da an die Oberfläche befördert: Drogen- und Alkoholprobleme, spurlos verschwundene Teenager-Mädchen, ungeklärte Schwangerschaften, Selbstjustiz, pädophile Priester - eine regelrechte Checkliste allamerikanischer Abgründe. Wenn die Erzählung nicht so ernst wäre, der Ton nicht so getragen, der Blick nicht so mitfühlend, würde man die großen kleinen Lügen, die sich hier auftürmen, wohl kaum schlucken. Es hilft enorm, dass Kate Winslet die Hauptrolle spielt in ihrer ersten Arbeit fürs Fernsehen seit zehn Jahren. Als sie 2011 die Hauptrolle in Todd Haynes' HBO-Fünfteiler Mildred Pierce" übernahm, war sie eine der ersten Oscargewinner*innen, die sich auf das Abenteuer Fernsehen einließen. Zehn Jahre später sind Serien mit Starbesetzung nichts Außergewöhnliches mehr, hat das serielle Erzählen für Kabelsender/Streamer zunehmend abgelöst, was einst erwachsenes Erzählkino war, und lockt entsprechend auch die namhaftesten Schauspieler auf der Suche nach anspruchsvollen Rollen. Eine neue Miniserie mit Kate Winslet ist indes unverändert ein Ausnahme-Ereignis. Weil sie das Event ist. Ihr zuzusehen bei ihrem Seelenstriptease als Frau in ihren Mittvierzigern, der das Leben denkbar schlechte Karten ausgeteilt hat, ungeschminkt, unattraktiv, immer darum kämpfend, nicht unterzugehen in diesem Mahlstrom, der das kleine Bisschen zu verschlingen droht, wer sie einmal war, eine vielversprechende, gefeierte Sportlerin mit einer vielleicht rosigen Zukunft, ist eine spannende Sache. Unterstützt von einem herausragenden Cast u. a. mit Guy Pearce, Julianne Nicholson und Jean Smart, verfolgt man gebannt mit, wie sie sich auf ihre ganz private Höllenfahrt begibt, während sich die Serie in gekonnter Manier an diversen Verdächtigen abarbeitet. Sie hat da alle Hände voll zu tun: In einer erbarmungslosen Gemeinde wie Easttown traut man Jedem zu, dass er zum Mord getrieben werden könnte.

Thomas Schultze